Warum kein Erdkabel? Amprion erklärt Stromleitungs-Pläne für Pöppinghausen

rnEnergiewende

Dass Stromtrassen in Deutschland aufgerüstet werden, ist Teil der Energiewende. Dass es ein Dorf im Norden Castrop-Rauxels stark betrifft, ist klar. Jetzt informierte Amprion im Livestream.

Pöppinghausen

, 16.11.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Stromtrassen-Betreiber Amprion hat am Montagabend informiert über das, was er in Pöppinghausen im Norden Castrop-Rauxels vor hat: Man plant den Ausbau der vielen Strom-Freileitungen durch und rund um das Dorf und eine Aufrüstung der bestehenden Umspannanlage auf 380 Kilo-Volt (kV): Höchstspannung also.

Unter dem Titel „Amprion verbindet“ fand dazu am Montagabend eine digitale Informationsveranstaltung statt. Matthias Machinek, Projektsprecher von Amprion fürs Ruhrgebiet, moderierte sie. Eingangs erklärte Marcel Minarek, Vorhabenleiter für Pöppinghausen, was dort geplant ist. Nach seinem halbstündigen Vortrag und einer Pause von 20 Minuten konnten Bürger Fragen stellen.

Zunächst hieß es erneut: „Wir sind noch in der Planungsphase. Alle Planungen sind noch nicht als final anzusehen.“ So leitete Minarek seinen Vortrag ein. Er meinte, er hätte sich sehr persönliche Veranstaltung gefreut, um die direkt betroffenen Bewohner Pöppinghausens kennenzulernen.

Warum nicht die Höchstspannungs-Umspannanlage neu bauen auf der Altdeponie der AGR etwas abgelegen von der Siedlung? Auch diese Möglichkeit zog Amprion in Betracht, fand aber viele Gründe dagegen.

Warum nicht die Höchstspannungs-Umspannanlage neu bauen auf der Altdeponie der AGR etwas abgelegen von der Siedlung? Auch diese Möglichkeit zog Amprion in Betracht, fand aber viele Gründe dagegen. © Thomas Schroeter

Zunächst schilderte er die Grundsatz-Aufgabe von Amprion: 2030 sei der Überschuss an Strom, der durch die Offshore-Windanlagen im Norden entstehe, enorm. Dieser Strom müsse in die Ballungsräume transportiert werden. „Darum müssen wir unsere Anlagen umbauen“, so Minarek. Vier Steinkohle-Kraftwerksblöcke (Scholven A bis C und Knepper C) seien zudem in den vergangenen Jahren abgeschaltet worden.

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Pöppinghausen sei im deutschlandweiten Stromnetz ein zumindest regional betrachtet zentraler Punkt. Es gebe nur noch wenige Umspannanlagen mit 110- und 220-kV-Spannung, darum müsse auch Pöppinghausen aufgerüstet werden. Und es geht um vier Leitungen, die hier eingespeist werden: zwei von Westen aus (Mengede) aus, zwei von Osten aus.

Neun mögliche Standorte habe Amprion für eine mögliche neue Umspannanlage geprüft. „Das haben wir freiwillig gemacht, Sie als Bürgerinnen und Bürger sind uns da wichtig“, so Minarek. Die Abwägung gegeneinander habe ergeben, dass die Aufrüstung der bestehenden Anlage die beste und schonendste Option sei.

Neun Standorte, ein Ergebnis

Dann ging er die neun Standorte einzeln durch. Beispiel 1: Die alte Deponie der AGR. Problem hier sei die Verbindung zur alten Anlage. Dafür müsste man durchs Naturschutzgebiet und Landschaftsschutzgebiet. Ein anderes Beispiel: König-Ludwig-Hafen: ein aufwändiger Bodenaustausch, ein neuer Leitungsbau mit neuen Betroffenheiten seien hier nötig. Beispiel Emscher-Biegung im Norden: Erforderlich wäre ein Leitungsneubau in der einzigen freien Sichtachse vom Dorf aus, zudem eine Versiegelung wertvoller landwirtschaftlicher Nutzfläche.

Das Center Pöppinghausen, direkt neben der Kirche. Sonst umgeben von Feldern und Wiesen. Sieht idyllisch aus, ist aber nicht ganz die Pöppinghauser Wahrheit. Das Dorf ist umgeben von Stromleitungen, die zum Umspannwerk führen. Das wird sich noch verschärfen.

Das Center Pöppinghausen, direkt neben der Kirche. Sonst umgeben von Feldern und Wiesen. Sieht idyllisch aus, ist aber nicht ganz die Pöppinghauser Wahrheit. Das Dorf ist umgeben von Stromleitungen, die zum Umspannwerk führen. Das wird sich noch verschärfen. © Tobias Wurzel

Massiver Waldeinschlag, eine Leitungsanbindung der bestehenden Einrichtungen und Leitungen über mehrere Kilometer geschehen, ein erhöhtes Anflugrisiko für Vögel und Fledermäuse, Eingriffe ins Naturschutzgebiet Pöppinghausener Wald, Eingriffe in die Siedlungsstruktur… all das führte Minarek als Gründe gegen die Alternativstandorte an: „Es entstehen viele umweltfachliche Folgen durch einen großen Holzeinschlag, zum Teil Bauten in sumpfigem Gebiet, die Verdrängung einer Graureiher-Kolonie“ und vieles mehr.

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Man habe die neun Standorte intensiv geprüft und viele Gründe dagegen gefunden. Unterm Strich blieben fast alle bestehenden Leitungen erhalten, es kämen aber viele neue hinzu.

Auch auf die Variante, die die Bürgerinitiative eingebracht hatte, ging er ein. Die werde man, technisch ins Machbare modifiziert, im Planfeststellungsverfahren weiter berücksichtigen, wenngleich man sie nicht favorisiere. Minarek: „Sie bringt viele Nachteile mit sich, vor allem an drei Hotspots: Die Leitungskreuzung im Westen ist technisch so nicht realisierbar. Ein massiver Holzeinschlag in Natur-Habitaten wäre notwendig. Nördlich müsste man die 110 kV-Leitung überspannen, sodass der Mast sehr hoch werden müsste.“ Durch Mehrbauten gebe es mehr neue Betroffenheiten bei geringem Rückbau-Anteil.

Amprion will Umspannanlage an selber Stelle umrüsten

Stattdessen bleibe es nach Amprions Vorstellungen dabei: Die 220kV-Anlage wird zurückgebaut, auf der Fläche wird im Osten eine 380kV-Anlage errichtet, die von der Wohnbebauung abgerückt sei. So, wie man es in der Vergangenheit schon vorgestellt habe.

Am Ende, so Minarek, werde aber nicht Amprion entscheiden, sondern die Bezirksregierung. Die Bürger hatten anschließend Gelegenheit zu Fragen und Einwänden und nutzten das reichlich: Eine Stunde ging die Frage-Antwort-Runde.

Ein Moderator und fünf Amprion-Experten im Raum, ein Jurist per Video zugeschaltet: Diese Runde beantwortete die Fragen der Pöppinghausener zum Ausbau der Stromleitungen und Umspannanlage auf 380 kV.

Ein Moderator und fünf Amprion-Experten im Raum, ein Jurist per Video zugeschaltet: Diese Runde beantwortete die Fragen der Pöppinghausener zum Ausbau der Stromleitungen und Umspannanlage auf 380 kV. © Tobias Weckenbrock

Beispielhaft: Warum baut Amprion hier überhaupt? Warum hält man nicht die gesetzlichen Abstände von 400 Metern ein? Muss man sich Sorgen um die Gesundheit machen? Warum ist die Hafen-Lösung mit der Bodenaufbereitung so kompliziert? 30 solcher Fragen beantworteten fünf Fachleute und ein per Video zugeschalteter Rechtsanwalt. Dabei drehte man sich am Ende im Kreis: Die Details hatte der Eingangsvortrag und die Diskussion im Vorfeld dieser digitalen Bürgerinfo bereits beleuchtet.

Warum baut man kein Erdkabel?

Warum setzt man hier nicht auf die Methode der Erdverkabelung? Das komme nicht in Betracht, weil es keine technisch bis ins letzte ausgereifte Lösung gebe, so die Amprion-Antwort. Es gebe wenige Pilotstrecken, auf die der Erdkabel-Ausbau in Deutschland begrenzt sei.

Solche Strecken seien mit erheblichen Eingriffen verbunden, es brauche zum Beispiel großflächige Kabelübergabestationen. Für Pöppinghausen müsste man laut Aussage der Fachleute zwei Flächen in der Größe zweier Fußballfelder weitgehend versiegeln. „Das wäre ein enormer Eingriff, das ist keine vorzugswürdige Variante für Amprion“, erklärte Marcel Minarek. Ein Satz, den man von ihm mehrfach hörte.

Fragen können Bürger auch nachträglich noch in zwei Telefonsprechstunden stellen. Eine ist am Montag, 30.11., 16 bis 19 Uhr, eine am 7.12., 16 bis 19 Uhr. Dafür muss man sich bei Amprion anmelden.

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