Der Hof Niermann in Waltrop am Stadtrand von Castrop-Rauxel. ist ein beliebter Ort zum Heiraten. © Tobias Weckenbrock
Betrugsverdacht

Tausende Euro verloren? Brautpaaren wird der schönste Tag im Leben vermiest

Aus dem schönsten Tag im Leben ist für viele Brautpaare ein Albtraum geworden. Wochen vor der Feier erfahren sie von Doppelbuchungen. Anzahlungen in großer Höhe scheinen verschwunden.

Wer Hochzeit feiern will, plant lange im Voraus. Es soll schließlich der schönste Tag im Leben werden. Alles soll stimmen. Viele Brautpaare haben auf dem Hof Niermann in Waltrop an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel den perfekten Ort für ihre Feier gefunden. Doch jetzt stellt sich alles als ein Albtraum heraus. Dabei geht es auch um viel Geld.

Es ist eine Facebook-Gruppe, in denen Bräute ihre Erfahrungen und Ideen austauschen, die den mutmaßlichen Betrug in großem Stil platzen lässt. Eine Castrop-Rauxelerin postet einen Deko-Vorschlag vom Hof Niermann, eine andere sieht das. Was folgt, liest sich etwa so: „Ihr feiert auf dem Hof Niermann? Wir auch“, „Toll, wann denn“, „Am 28. August“, „Wir auch, wie das denn?“.

Brautpaare teilen ihr Leid in Whatsapp-Gruppe

Der Austausch ist der Anfang. Es folgen: viele schlechte Nachrichten. Inzwischen gibt es sogar eine Whatsapp-Gruppe, in der sich nicht nur diese beiden Bräute aus Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel, sondern etliche weitere austauschen. Über Doppelbuchungen, über geleistete Anzahlungen, über den Gang zur Polizei oder zum Anwalt und über Verhandlungen mit dem Hof Niermann.

Mehr als zehn Anzeigen, so bestätigt die Pressestelle der Kreispolizei Recklinghausen, sind bisher seit Mittwoch (7.7.) bei der Polizei eingegangen. „Wir ermitteln in der Sache“, heißt es auf Anfrage.

Als Delikt steht Betrug auf dem Papier. Das könne sich im Laufe der Ermittlungen aber noch ändern. Veruntreuung und Unterschlagung nennt Pressesprecher Andreas Lesch als Beispiele. Angaben, gegen wen sich die Anzeigen konkret richten, dürfe man nicht machen, so Lesch weiter.

„Ich bin traurig, dann weine ich, dann bin ich wütend, dann bin ich einfach nur leer“, sagt die 29-jährige Braut aus Wanne-Eickel, mit der unsere Redaktion sprach. Mit 100 Gästen wollten sie und ihr Verlobter in fünf Wochen feiern. Noch habe sie sich nicht getraut, ihnen allen zu erzählen, was passiert ist. Noch weiß sie nicht, ob sie überhaupt feiern wird. Nach Feiern ist ihr nicht zumute.

Angestellter vereinbart Verträge und Anzahlung

Diese Redaktion hat mit vielen Geschädigten gesprochen. Dabei kristallisiert sich immer das gleiche Bild heraus. Stellvertretend hier die Geschichte, wie sie Alexander M. (Namen von der Redaktion geändert) erzählt hat.

Der 28-jährige Castrop-Rauxeler und seine Partnerin Jessica L., die die erste Facebook-Nachricht schrieb, verloben sich im April 2020. Auf der Suche nach dem passenden Ort sind sie begeistert vom Hof Niermann.

Ein Angestellter besucht sie anschließend zu Hause, bespricht Details für den 28. August 2021. 85 Gäste sollen dann mit dem Castrop-Rauxeler Pärchen feiern. Verträge mit AGB werden unterschrieben, eine Quittung ausgestellt und mit Stempel versehen. Man könne überweisen oder bar zahlen. Das Paar entscheidet sich für Barzahlung. 1500 Euro wechseln den Besitzer.

Anfang Januar meldet sich der Angestellte wieder, um das Büfett abzusprechen. Er fragt nach einer weiteren Anzahlung. Die Begründung: Der Hof wolle Paare auszahlen, die wegen des Corona-Lockdowns nicht feiern können, und sei deshalb froh über Bargeld. Im Gegenzug gebe es Prozente. Alexander M. übergibt weitere 1000 Euro. Andere Paare berichten von vielen drängenden Whatsapp-Nachrichten in diesem Zusammenhang.

Problem der Doppelbuchung wird gelöst, Rabatte zugesagt

Auch als eine Doppelbuchung per Facebook auffällt, scheint bei dem Castrop-Rauxeler Paar noch alles glatt zu laufen. „Erst mal ist uns das Herz in die Hose gerutscht“, erzählt Alexander M. Doch in Verhandlungen mit dem Angestellten willigt das zweite Paar ein, die Hochzeit um eine Woche nach vorn zu verlegen. Beiden Paaren werden Rabatte zugesagt. Die Vorbereitungen laufen weiter.

Alexander M. und seine Verlobte leisten weitere Anzahlungen. „Das Geld war ja einkalkuliert“, sagt er. Mit der Summe wäre bei inzwischen 40 Prozent Rabatt alles bezahlt gewesen. Und ja, es hätte alles plausibel geklungen.

Alles scheint gut. Am Freitag, 2. Juli, gehören die beiden Brautpaare aus Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel zu den Paaren, die an einem Probe-Essen teilnehmen. Die beiden Frauen haben inzwischen guten Kontakt, tauschen Dekotipps und anderes aus und unterstützen sich gegenseitig bei den Vorbereitungen für die Feiern im Wochenabstand. Beide Paare, so berichten sie, werden vorher noch von dem Angestellten angerufen, sie möchten doch bitte nichts von der versehentlichen Doppelbuchung erzählen.

Anruf eines Dienstleisters lässt die Bombe platzen

Das Essen schmeckt, die Vorfreude steigt. Doch vier Tage später kommt ein Anruf von einem Dienstleister, der Leuchtbuchstaben vermietet. Man hätte doch Bescheid sagen können, dass man nicht mehr heiraten wolle, so sein Vorwurf. Er habe gerade einen Auftrag für den gleichen Termin und den gleichen Ort bekommen, erzählt er auf Nachfrage. Das Paar fällt aus allen Wolken.

Beim Anruf auf Hof Niermann erfährt Alexander M., dass der Angestellte dort nicht mehr tätig sei. Und von den 7000 Euro Anzahlung weiß man nichts. Lediglich für 1500 Euro läge eine Quittung vor, so wird dem Castrop-Rauxeler gesagt. Später vor Ort sieht er Unterlagen, auf denen seine Unterschrift stehen soll. Er selbst hat diese gar nicht geleistet.

Über Facebook-Gruppen verbreiten die beiden Paare die Nachricht. Weitere Paare melden sich aus Haltern, Herne und Recklinghausen. Dazu gehört auch ein weiteres Paar aus Castrop-Rauxel. Es will im Juli 2022 heiraten. Das Paar könne eine ähnliche Geschichte erzählen. Sie hätten schon einige Tausend Euro gezahlt. „Ob wir es wiederbekommen, das weiß ich nicht“, sagt die Braut. Sie hätten gerade noch einmal eine weitere Anzahlung leisten wollen, als sie auf den Post auf Facebook stießen.

Paare suchen händeringend eine neuen Ort für die Feier

„Wir haben ein Jahr Zeit, etwas Neues zu finden“, sagt sie im Gespräch mit der Redaktion. Denn auf Hof Niermann werde man definitiv nicht mehr feiern. Andere Paare wie die beiden aus Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel, die alles ins Rollen brachten, haben diese Zeit nicht mehr.

Auf Hof Niermann gibt es ein Café und einen Hofladen. Auch Hochzeiten kann man hier feiern. Aber jetzt gibt es Ärger für Paare, die hier feiern wollen. Es geht um Termine, Betrug eines Ex-Mitarbeiters und viel Geld.
Auf Hof Niermann gibt es ein Café und einen Hofladen. Auch Hochzeiten kann man hier feiern. Aber jetzt gibt es Ärger für Paare, die hier feiern wollen. Es geht um Termine, Betrug eines Ex-Mitarbeiters und viel Geld. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Nicht nur, dass sie damit rechnen müssen, das Geld zumindest zum großen Teil zu verlieren. Sie müssen sich jetzt auch mit weiteren Dienstleistern auseinandersetzen. DJ, Fotograf, Traurednerin, Sängerin und anderes – alles ist fest gebucht. Gäste wie die von Alexander M. haben sich Urlaub genommen und Hotels gebucht.

„Es ist alles durchgeplant“, sagt auch ein 27-jähriger Mann aus Haltern am See, der 75 Gäste für den 21. August eingeladen hat. Und dann auch erfahren musste, dass es für seinen Termin eine Doppelbuchung gibt.

Geschäftsführerin wurde selbst überrascht und warnt Kunden

Die Geschäftsführerin des Hofes habe sich bei ihm gemeldet, völlig aufgelöst, so erzählt er. Sie habe ihn aufgefordert, Strafanzeige gegen den Angestellten zu erstatten. Zwar habe er seine Anzahlung von 1500 Euro nachweisen können, so der Halterner. „Wir sollten uns dann aber mit dem anderen Paar (dem Paar aus Wanne-Eickel, die Red.) um den Termin prügeln oder eine Doppelhochzeit machen“, sagt er. Empörung schwingt in der Stimme mit.

Er und seine Verlobte haben vor allem ein Problem: „Wir haben jetzt keine Location. Wir sind noch nicht aufgewacht aus unserem Albtraum.“

Auch Alexander M. sucht händeringend nach einem neuen Ort zum Heiraten. Hof Niermann wird das nicht sein, sagt er. Wieder erzählen andere Paare das gleiche wie er: Das Vertrauen sei dahin.

Nach Gesprächen mit der Geschäftsführerin sei klar, dass sie die Anzahlungen nicht anerkennen werde und damit auch nicht ihre Verantwortung für den ehemaligen Mitarbeiter. Ob sie zivilrechtlich überhaupt eine Verantwortung für die Handlungen des ehemaligen Mitarbeiters trifft, ist derzeit allerdings unklar.

Viele Brautpaare melden sich jetzt auf dem Hof

Neue Verträge hätten sogar Preissteigerungen ergeben. „Sie ist uns nur bei der Saalmiete entgegengekommen“, sagt ein Betroffener, „für die Currywurst um Mitternacht sollen wir jetzt aber nicht mehr 3,50 Euro, sondern 7,50 Euro zahlen.“

Ob sie ihr Geld wiedersehen werden, da haben alle ihre Zweifel. Viele stellen sich auf einen langen Kampf ein.

Renata Niermann, Geschäftsführerin des Hofes, will trotz wiederholter Anfrage zurzeit nicht mit unserer Redaktion reden. „Es muss erst alles aufgeklärt werden“, sagt sie. „Wir müssen der Sache jetzt nachgehen.“ Erst mal gehe es ihr darum, den geschädigten Paaren zu helfen. Es gehe schließlich um den schönsten Tag ihres Lebens.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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