Tilo Cramm schrieb ein umfangreiches Buch über die Zechenanlagen Victor-Ickern

rnAbschied vom Bergbau

Tilo Cramm arbeitete über 15 Jahre auf Victor-Ickern. Für die Nachgeschichte hat er Daten, Fakten, Erfahrungen und Erlebnisse über die Arbeit unter Tage zusammengetragen.

Ickern

, 10.12.2018, 16:40 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist das wohl umfangreichste Buch über die Zechenanlagen Victor-Ickern, das man bekommen kann: „Bergbau ist nicht eines Mannes Sache“. Dieses Motto galt auch für die Arbeit an diesem Werk: Ein Mann allein könnte nie die Komplexität des Lebens unter Tage und Entwicklungen einer Zeche nie allein erfassen. „Da haben sie alle mitgeholfen“, sagt Cramm. „Vom Schachthauer bis zum Werksdirektor.“ Aber wie kam es überhaupt dazu, dass Cramm über Victor-Ickern schreiben wollte? Dafür muss man einen Blick auf seine Lebensgeschichte werfen.

1950 fing der inzwischen 88 Jahre alte Wahl-Ruhrpottler – aufgewachsen in Goslar am Harz – an, in Dortmund auf der Zeche Minister Stein zu lernen, ging jedoch nach dem Studium bald nach Victor-Ickern. Hier arbeitete er mehr als 15 Jahre lang als Wirtschaftsingenieur. Nach der Stilllegung der Zeche war Cramm noch weitere 15 Jahre in der Hauptverwaltung der Ruhrkohle AG in Dortmund tätig. Doch auch nachdem er in den Ruhestand gegangen war, hörte der Bergbau nicht auf, ein Teil seines Lebens zu sein.

Förderverein Bergbauhistorischer Stätten

Denn bereits 1983 war er dem Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier beigetreten und gründete 1986 den Arbeitskreis Dortmund mit. Dann, nur ein Jahr später, schloss die Zeche Minister Stein. „Mein Chef in der Hauptverwaltung, Herr Hess, ehemaliger Werksleiter von Victor-Ickern, war damals gleichzeitig letzter Werksleiter von Minister Stein. Und er sagte: ‚Machen Sie doch eine Ausstellung über die Zeche Minister Stein’.“Und so gestaltete Tilo Cramm mit Unterstützung der Ruhrkohle AG eine Fotoausstellung, die später in zwei Bände der Zechenmonographie Minister Stein aufging. Aber auch das war schon „immer nur mit Hilfe einer Gruppe, immer mit Fachleuten der Zeche möglich“, so Cramm. Dann kamen Bücher über die Zechen Adolf von Hansemann in Mengede, Hansa-Westhausen in Huckarde und Westerfilde. 1998 war endlich Victor-Ickern dran. „Das war ja meine Heimatzeche, da habe ich lange gearbeitet.“

Und um ein möglichst vollständiges Bild vom Alltag und der Geschichte seiner Heimatzeche aufzeigen zu können, fing Cramm seine alten Kumpel zusammenzutrommeln. „Ich hatte ein Rundschreiben gemacht und viel rumtelefoniert. Wir hatten damals noch die Stammkneipe Schmidt am Markt in Ickern, wo wir uns getroffen haben“, erinnert sich Cramm. Bei einem Bier wurde dann die Arbeit verteilt. Während die insgesamt 29 Beteiligten Erfahrungsberichte, Erzählungen, Alltagsgeschichte und Fotos zusammentrugen und an Cramm weiterreichten, versuchte er alles an Daten und Fakten aufzutreiben was er konnte. „Ich habe mich auch in die Akten vertieft, in Castrop-Rauxel, Bochum, Münster, überall“, sagt er.

Tilo Cramm: „Ich hatte damals zu Hause ein größeres Büro. Überall stapelten sich Unterlagen.“

Tilo Cramm: „Ich hatte damals zu Hause ein größeres Büro. Überall stapelten sich Unterlagen.“ © Bandermann

„Das Buch sollte beides sein: Zur Hälfte Technisches, wie zum Beispiel die Entwicklung des Strebausbaus bis hin zu Ausbauschilden, die erstmals in Westeuropa auf Ickern eingesetzt wurden und zur Hälfte Soziales, wie der Bau der Zechensiedlungen und Heime sowie über ‚Lollo‘ Noth, dem wagemutigen Bergmann.“ Und dabei kam eine ganze Menge zusammen. „Ich hatte damals zu Hause noch ein größeres Büro und an den Wänden stapelten sich die Unterlagen. Die bin ich dann Kapitel für Kapitel durchgegangen, chronologisch“, so Cramm. Am Ende kamen dabei knapp 540 Seiten mit über 500 Bildern zusammen.

Zunächst war das Buch nur halb so umfangreich geplant, „aber dann waren sie alle froh, dass es so dick und ausführlich war.“ Auch der Preis des Buches war ein Punkt, um den laut Cramm viel diskutiert wurde: „Der Verlag hatte erst etwa 80 Mark vorgeschlagen, aber da meinte ich nur: Das kriegen die Kumpel finanziell nicht hin. Am Ende haben wir uns auf 45 Mark (ca. 22,50 Euro) geeinigt und selbst das war dann manchen noch zu teuer.“ Da stand also dem Druck nur noch eine Hürde im Weg: die Finanzierung. Denn ein Buch zu drucken ist ganz schön teuer.

Eine staatliche Förderung gab es auch nicht

Und eine staatliche Förderung gab es auch nicht. Und so mussten Spender aufgetrieben werden. Im Endeffekt war es eine bunte Mischung die sich für die Finanzierung fand. Von den Banken, der Wohnungsbaugesellschaft, die Ruhrkohle AG bis hin zur Hans-Böckler-Stiftung, die 5000 Mark spendete, war alles dabei. Auch die Abrechnung der Spenden musste Cramm alleine machen. Er hatte ja Erfahrung als Wirtschaftsingenieur. Und dann war es endlich so weit. Im Jahre 2000 konnte der Arbeitskreis Victor-Ickern zusammen mit dem damaligen stellvertretenden Bürgermeister das Buch in den Räumen der Agora in Ickern feierlich „enthüllen“, direkt auf dem alten Gelände der Zeche.

Die 2500 Exemplare der ersten Auflage von „Bergbau ist nicht eines Mannes Sache“ gingen, trotz der Bedenken wegen des hohen Preises, weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln und kamen mindestens genauso gut an. „Ich habe Briefe gekriegt – vom Vorstand, von Kumpeln – wenn man die liest, da ist man schon stolz, dass man so was geschafft hat“, sagt Cramm. Auch in den offizielleren Rezensionen stand das Buch immer sehr gut da: „Das Buch ist damals in einer Rezension zur besten Zechenmonographie erklärt worden“, sagt er stolz.

Zweite Auflage mit 500 Exemplaren

Schon ein Jahr später wurde eine zweite Auflage mit weiteren 500 Exemplaren in Auftrag gegeben. Der Druck wurde aus Restspenden und von den Mitgliedern selbst finanziert. „Insofern hängt das Herzblut von uns allen mit dran“, sagt Cramm. Als er die Liste der Beteiligten durchgeht, kommt Cramm ins Stocken: „Inzwischen lebt die Hälfte nicht mehr.“ Und genau das war einer der Hauptgründe, warum es für ihn wichtig war, Bücher zu schreiben. „Die Alten sterben weg, die Erfahrung mit und daher ist es gut, wenn man so etwas hinterlässt. Das ist eine ganz wichtige Sache. Den Vertrieb mussten wir auch selbst organisieren. Vor allem das Mitglied der Gruppe, Herr Bonin, hatte hunderte Bücher in seiner Garage aufgestapelt und sie dann über Lotto-Toto-Läden verkauft, wo viele Kunden das Buch einsehen konnten“, so Cramm.

Aber alles in allem hat sich der Aufwand für ihn gelohnt, „nicht nur wegen der Dankschreiben, sondern die Arbeit selbst hat mir viel Spaß gemacht.“ Und nicht nur das. Im Jahre 2004 wurde Cramm für sein Leben im Dienste der Bergbaugeschichte mit dem Verdienstkreuz am Bande geehrt. Der Verleihung stimmte er nur wegen der treuen Mitarbeit der Gruppe zu.

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