Tränen, Staub und ein denkwürdiger Tag: Das bleibt vom Kraftwerk Knepper

rnKnepper-Sprengung

Das Kraftwerk Knepper ist dem Erdboden gleich: Die drei größten Bauwerke wurden Sonntag gesprengt. Es bleiben Staub, Tränen und Erinnerungen - und eine neue Zukunft fürs Gelände.

Deininghausen, Oestrich

, 18.02.2019, 10:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fast 250 Kilogramm Sprengstoff setzte Sprengmeister André Schewcow mit seinem rund 15-köpfigen Team der Deutschen Sprengunion ein. Um 12.12 Uhr war das Spektakel vorbei: Tausende Menschen verfolgten den einzigartigen Niedergang des 128 Meter hohen Kühlturms, des 210 Meter hohen Schornsteins und des Kesselhauses, das mithilfe von Stahlsprengstoff auf die Seite gelegt wurde. Es waren am Ende nur Sekunden.

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Knepper-Sprengung aus der Vogelperspektive

Sekunden, die in Erinnerung bleiben. Auch, weil die Schaulustigen auf den Feldwegen, Straßen und Feldern rund um die Sperrzone Videos und Fotos machten, wie bei keinem Ereignis je zuvor: Jeder hatte ein Smartphone oder eine andere Kamera dabei, einige Zuschauer ließen auch Foto- und Video-Copter in die Luft steigen. Es gibt in diesem Jahrzehnt vielleicht kein weiteres Ereignis in Castrop-Rauxel, das so viele Fotos hervorgebracht hat.

Ein Bierchen auf die erfolgreiche Sprengung

Die Erleichterung nach dem Knall war bei allen groß: Die Bauarbeiter mit den gelben Westen und den Schutzhelmen, die für die Sprenung verantwortlich waren, stießen mit einem Fläschchen Bier an, als die Besuchertribüne auf dem Eventgelände längst leer war. Einige ließen eine dicke Zigarre kreisen. Zusammen mit dem Ober-Chef, dem Hagedorn-Geschäftsführer Thomas Hagedorn.

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Hagedorn-Chef Rick Mädel im Interview

„So eine Sprengung ist für uns ja auch nicht alltäglich“, sagte der Manager, dessen Job es ist, aus einem Brownfield - so die Fachsprache für eine Industriebrache - ein Greenfield zu machen: Also ein neues Gewerbegebiet, von dem sich die Städte Dortmund und Castrop-Rauxel eines Tages bis zu 3000 Arbeitsplätze versprechen.

Für Menschen wie Charlotte Volkmer ist es auch ein Tag der Gefühle gewesen: Sie wohnte stets direkt im Schatten des Kühlturms an der Oestricher Straße und hatte Angst vor dem Tag der Sprengung. Würde ihre Wohnung heil bleiben? Die Erbstücke, kostbare Porzellanteller, die an ihren Wänden hingen? Das Aquarium? Wir trafen sie Montagmorgen wieder, etwa eine Woche nach unserem ersten Treffen.

Tränen, Staub und ein denkwürdiger Tag: Das bleibt vom Kraftwerk Knepper

Charlotte Volkmer am Montagmorgen vor ihrem Haus an der Oestricher Straße. "Ihre" Kraftwerkstürme sind jetzt weg. © Tobias Weckenbrock

Sie sei inzwischen zu einem kleinen Medien-Sternchen geworden: Sat.1 habe sie am Tag der Sprengung zu einer Freundin von der Hundeschule begleitet, von wo aus sie das Ereignis verfolgte. Der WDR klingelte am Montagmorgen auch an der Tür. Und der Reporter von den Ruhr Nachrichten fragte sie nach ihrem Befinden: „Es war ein trauriger Tag“, sagte sie. „Jetzt ist er weg.“ Ob sie geweint habe, als es soweit war? „Ja. Mir war das in dem Moment auch peinlich, aber es ging einfach nicht anders“, sagte sie.

Charlotte Volkmers Wohnung absolut unversehrt

Die paar wichtigen Dokumente, die sie vorher eingepackt hatte, konnte sie schon Sonntagnachmittag wieder an Ort und Stelle ablegen. Den Fischen ging es gut. Und die Teller, die sie vorher von den Nägeln an der Wand genommen habe, die hängen nun wieder an den Wänden. Unversehrt. Der Staub legte sich auf eine Wiese hinter den paar Nachbarhäusern, die ihr gehört. „Es soll ja auch die nächsten Tage nicht regnen. Und es ist Beton“, so Volkmer - da müsse man schauen, wie man nun damit umgehe. Vielleicht werde sie mal mit Hagedorn sprechen.

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Der Blick an diesem Morgen in ihrem Vorgarten fällt auf einen Hügel, auf dem einst ein 128-Meter-Koloss stand. Er ist weg. Und bald auch die restlichen Gebäude rundherum. „Es geht immer weiter“, sagt Charlotte Volkmer.

Aber wie? Die Mitarbeiter der Hagedorn-Gruppe nutzten den Montagvormittag zur Besprechung, aber die Bagger rollten auch schon wieder. Sie werden nun den Schotter in feine Steinchen mahlen, das Metall herausfiltern und zur Weiterverwertung abtransportieren. Das Kesselhaus, ein Stahlskelett, werden sie mit Schneidbrennern auseinandernehmen.

Monatelang wird das noch dauern, ehe die Fläche modelliert ist, damit sich hier neues Leben ansiedeln kann: Im äußeren Bereich des Geländes sind kleinere Gewerbebetriebe geplant, im inneren ein größerer Logistiker. Aber bis es soweit ist, wird es noch Jahre dauern.

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