„Twitch ist das bessere Fernsehen“: Unsere Kinder und ihre Mediennutzung

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Twitch ist eine Videoplattform, die stark wächst. Für junge Menschen ersetzt sie das Fernsehen. Wir haben mit Castrop-Rauxelern gesprochen, die Twitch schauen und mit denen, die dort senden.

Castrop-Rauxel

, 12.07.2020, 19:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Medienkonsum hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Das klassische Fernsehen spricht weniger (junge) Menschen an. Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon Prime holen das Kino in die eigenen vier Wände. Auf YouTube kann sogar jeder selbst Videos einstellen. Seit einigen Jahren drängt sich ein neuer Player auf den Markt: Twitch. Ist das das neue Fernsehen unserer Kinder? Es gibt Castrop-Rauxeler, für die das gilt.

Im Gegensatz zu YouTube, wo Videos gedreht, geschnitten und dann hochgeladen werden, ist Twitch ist eine Live-Streaming-Plattform. Das Angebot an sogenannten Streams ist schier endlos. In einem Stream wird ein Spiel gespielt, im nächsten unterhalten sich zwei Leute über neue Computer und im übernächsten gibt eine Beauty-Expertin Schminktipps.

Stream: Ein Stream bezeichnet die gleichzeitige Übertragung und Wiedergabe von Bild- und Tondateien. Diesen Vorgang der Datenübertragung selbst nennt man Streaming und live übertragene („gestreamte“) Programme werden als Livestream bezeichnet. Stream leitet sich vom Englischen Stream (Strom, Strömung) ab.

Die Zuschauer verfolgen den Stream live. Anders als bei einer Live-Übertragung im Fernsehen können sie teilhaben an dem, was auf ihrem Bildschirm passiert - und zwar in einem Chat. „Ohne Chat lebt der Stream nicht“, findet Pascal Fritz. Der Familienvater aus Castrop-Rauxel ist 24 Jahre alt und selbstständiger Videoeditor. Er schaut täglich Twitch - wie andere Fernsehen.

Pascal Fritz ist passionierter Twitch-Nutzer. Er schaut regelmäßig Twitch, für ihn ist Twitch das bessere Fernsehen.

Pascal Fritz ist passionierter Twitch-Nutzer. Er schaut regelmäßig Twitch, für ihn ist Twitch das bessere Fernsehen. © Pascal Fritz

Für ihn ist der Chat der Kern von Twitch, denn im Chat unterhält man sich nicht nur über das, was man sieht, sondern hält auch Smalltalk mit anderen Zuschauern über gemeinsame Interessen.

Chat: Der Chat ist eine Möglichkeit unmittelbar das Geschehen in einem Stream zu kommentieren und zwar live. Dabei werden alle Kommentare in Echtzeit eingeblendet, bei bis zu 20.000 Zuschauern können das ziemlich viele sein. Der Chat gibt den Zuschauern auch die Möglichkeit aktiv in das Geschehen einzugreifen, es können Abstimmungen durchgeführt werden und Emojis geteilt werden.

Der Chat ist auch für diejenigen wichtig, die den Inhalt auf Twitch produzieren, die sogenannten Streamer oder Twitcher. Einer wie Dennis Brammen: Er gehört zur Let’s-Player-Gruppe Pietsmiet. Auf YouTube hat die Gruppe 2,41 Millionen Abonnenten, auf Twitch folgen ihr eine halbe Million Zuschauer.

Let's-Play: In einem Let's-Play spielt ein Let's-Player meist ein Computerspiel durch ein nimmt dies auf. Er kommentiert das Spiel und lässt die Zuschauer an seiner Erfahrung teilhaben. Diese Art des Spielens hat sich auf YouTube und Twitch zu einer etablierten Unterhaltungsform entwickelt.

„Hauptsächlich streamen wir Games (Videospiele, die Red.), meistens das, was aktuell ist“, erklärt der Streamer und Geschäftsführer der PietSmiet UG, Dennis Brammen. „Man hat dadurch, dass man live ist, eine viel direktere Zuschauer-Interaktionsmöglichkeit. Man kann auf eine Frage direkt antworten.“

Bei einem vorproduzierten Video müsse man oft eine gewisse Länge einhalten. In einem Live-Stream habe man die Gelegenheit, komplexere Themen oder Sachverhalte ausführlicher mit der Community zu besprechen.

Community: Die Community ist die Fangemeinde eines Streamers oder die Fangemeinde eines Spiel. Als Community kann aber auch eine Gruppe von Menschen sein, die einem Thema gegenüber sehr affin ist.

Die Nahbarkeit bringe aber auch viele Nachteile mit sich. „Streamen ist viel anstrengender, und man kann nichts schneiden. Was auch immer man gesagt hat, hat man gesagt. Manchmal kann der Chat auch Überhand nehmen“, erklärt Brammen.

Die Zukunft von Twitch kann groß sein

Wenn man ihn fragt, wo er Twitch in Zukunft sieht, dann steht für ihn vor allem der Einstieg von Geldgebern und Werbekunden am Anfang einer Professionalisierung und Weiterentwicklung von Twitch. „Auf Twitch können ähnliche Reichweiten wie im Fernsehen erzielt werden, die aber lange nicht mit dem Budget einer Fernsehproduktion arbeiten können“, sagt Bramen. Wenn Werbekunden ihr Geld in Twitch investieren, sei der Weg frei zu großen Spieleshows, Sport- und E-Sport-Events, Real-Life-Produktionen und vielem mehr.

Trotzdem wird Twitch in seinen Augen das Fernsehen nicht verdrängen: „Das klassische Fernsehen merkt den Konkurrenzkampf ja auch durch Now, Joyn, Netflix, Amazon. Im Endeffekt kann ein Zuschauer seine Zeit nur einmal ausgeben.“ Die Schlussfolgerung ist klar: „Am Ende wird der mit dem besseren Angebot gewinnen.“

„Fernzusehen reizt mich gar nicht mehr“

Den Kampf um die Zeit von Pascal Fritz hat das Fernsehen schon verloren. „Twitch ist das bessere Fernsehen“, sagt er. Und: „Fernzusehen reizt mich gar nicht mehr.“

Ihn stört vor allem die viele Werbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. „Man zahlt total viel für seinen Rundfunkbeitrag, und dann schaut man trotzdem Werbung im Programm.“

Auf Twitch gibt es prinzipiell auch Werbung, aber wer das Abonnement eines Streamers kauft, der unterstützt den Streamer, dessen Fan man ist. Man hat keine Werbung mehr in den Streams. Der Castrop-Rauxler sieht Twitch in Zukunft ganz vorn bei der Unterhaltung. Er denkt, dass sich mit der Zeit auch immer mehr ältere Menschen für Twitch interessieren werden.

Der Reiz an Videospielen

Momentan sind auf Twitch Gaming und Videospiele besonders stark vertreten. Man schaut einem Spieler beim Spielen live zu, so wie Menschen das zu Millionen bei Fußballspielen im Fernsehen tun.

Dennis Brammen von PietSmiet erklärt den Reiz von Videospielen im Stream so: „Ein großer Faktor ist der Miteinander-Charakter. Wenn man Fernsehen guckt, hat man nicht die Möglichkeit, aktiv ins Geschehen einzugreifen. Das hat man bei einem Spiel im Live-Stream aber schon.“

Gaming sei, verglichen mit der Spielewelt von vor 20 Jahren, ein unfassbar weit verbreitetes Medium, erklärt der Streamer: „Es gibt heute kaum noch Leute, die nicht spielen, egal in welcher Form. Sie würden sich vielleicht nicht als Gamer bezeichnen, aber wenn man genau hinschaut, haben sie dann doch ein Handyspiel oder FIFA und sind damit zumindest erstmal gaming-affin.“

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