Oben auf dem Ausblick auf dem Wichernhaus kann Pfarrer Arno Wittekind "seine Kirche" aus einer anderen Perspektive sehen. © Ronny von Wangenheim
Wir öffnen Türen

Über der Tonnendecke des Wichernhauses gibt es den Rundblick über Castrop

Zwei Türen gleich öffnet Pfarrer Arno Wittekind. Die erste führt zu der ungewöhnlichen Tonnendecke des Wichernhauses. Von dort geht es noch eine Treppe hinauf zu einem grandiosen Rundum-Blick.

Wer im Saal des Wichernhauses steht, den Blick über die Bühne oder die Empore hoch zur Decke schweifen lässt, ahnt nicht, welch alte Technik sich oben im Dach verbirgt. Pfarrer Arno Wittekind führt hinauf auf den Dachboden, der jedem Dachdecker und Zimmermann heute als Anschauungsobjekt dienen kann.

Unter den hölzernen Stegen, über die man laufen kann, befindet sich eine Decke, gewölbt wie eine Tonne. Von ihr führen sehr viele Stahldrähte hinauf zum Dach des Wichernhauses. Die Decke ist also am Dachgebälk aufgehängt. Decke und Drähte – die sind gar nicht mal so dick – sehen aus wie mit Streuseln bebröselt. „Das ist die Dämmung“, erläutert Arno Wittekind.

1914 wurde das Wichernhaus in der Castroper Altstadt in Nachbarschaft zur Lutherkirche gebaut. 2015 wurde es renoviert. „Die alte Tonnendecke wurde freigelegt. Sie war schon arg verbeult“, erzählt der Pfarrer. Es handelt sich bei der Konstruktion um ein Rabitzgeflecht, benannt nach dem Erfinder Carl Rabitz. Dabei wird ein Stahlgeflecht von Mörtel ummantelt.

Statik lässt sich heute nicht mehr berechnen

Zum Glück, so erzählt der Pfarrer der evangelischen Pauluskirchengemeinde in Castrop, gab es noch einen Meister bei der Firma, der die alte Technik beherrschte. Als man einen Statiker gefragt habe, ob man die Statik berechnen könne, habe dieser abgewinkt, so Arno Wittekind. Das sei alles Erfahrungswissen, habe er ihm gesagt.


Das Gemeindehaus, so erzählt er, ist das älteste im Kirchenkreis. Erst Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Bau von Gemeindehäusern. 90 Prozent der Gebäude aus dieser ersten Gemeindehaus-Bau-Bewegung seien inzwischen abgerissen, so Wittekind. Im Wichernhaus waren damals neben einem großen Festsaal unter anderem eine Kleinkinderschule und Wohnungen für Gemeindeschwestern vorgesehen.

Blick reicht bis zur Halde Hoheward

Vom Dachboden geht es in einem Türmchen über eine kleine Wendeltreppe noch weiter hinauf. Über eine schwere Klapptür kommt man auf das Dach und hat eine wunderbare Aussicht. Die Lutherkirche ist ganz nah, etwas weiter weg die Lambertuskirche, ein Blick geht hinein in die Altstadt. In der Ferne zeigt sich sogar die Halde Hoheward in Herten mit ihrem markanten Stahlbogen, dem Horizont-Observatorium.

Die Tonnendecke wird von vielen Drähten gehalten.
Die Tonnendecke wird von vielen Drähten gehalten. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Es ist nicht viel Platz hier oben. Vor einigen Jahrzehnten, so erinnert sich Arno Wittekind, hätten hier immer an Silvester Posaunenbläser einen musikalischen Gruß in die Welt geschickt. Jetzt, wo es zu Silvester kaum Raketen geben wird, wäre das doch eine schöne Idee. Ob das corona-gerecht umzusetzen ist? Pfarrer Arno Wittekind bezweifelt das. Schade eigentlich.

Vom Wichernhaus aus geht der Blick über die Dächer von Castrop.
Vom Wichernhaus aus geht der Blick über die Dächer von Castrop. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim
Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen