Überfall: So fing der Laden-Chef den 17-Jährigen

Frühmorgens in Castrop-Rauxel

4.10 Uhr am Montagmorgen. Eigentlich keine Zeit, zu der man solche Geschehnisse vermuten würde: Überfall auf einen Frühstücksladen an der Römerstraße im Castrop-Rauxeler Ortsteil Habinghorst. Und dem Inhaber des Ladens gelingt ein Coup. Er handelte intuitiv, sagte er. So trug sich die Geschichte zu.

HABINGHORST

, 09.01.2017, 11:42 Uhr / Lesedauer: 4 min
Dieser Kiosk in Habinghorst wurde am frühen Montagmorgen überfallen.

Dieser Kiosk in Habinghorst wurde am frühen Montagmorgen überfallen.

Am Montagmorgen um 4.10 Uhr wurde der Frühstücksladen „Tante Emmas Frühstücksservice“ an der Römerstraße 82 in Habinghorst von einem 17-jährigen Jugendlichen aus Castrop-Rauxel überfallen. Laut Polizei-Einsatzbericht zwang der Täter einen 46-jährigen Kioskbetreiber zur Herausgabe von Bargeld. Dabei soll er ihm eine Schusswaffe vorgehalten haben.

Das stimmt nicht ganz, wie eine Vor-Ort-Recherche unserer Redaktion ergab: Nikolaus Kazinakis (46) betreibt seit sechs Jahren den Frühstücksladen. Geöffnet ist täglich außer Sonntag von 4 bis 12 Uhr. Ab etwa 4.30 Uhr kommen eigentlich jeden Morgen die ersten Stammkunden, stellen ihren Wagen vor dem Gebäude ab, kaufen ihr belegtes Brötchen und den Kaffee und fahren weiter zur Arbeit. Diesmal bekam das Personal aber schon um 4.10 Uhr Besuch – und zwar reichlich ungebetenen.

Frühstücksladen-Betreiber: "Es ist ja noch mal gutgegangen"

Als unsere Redaktion das Geschäft um 9 Uhr aufsucht, um mehr über die Hergänge am ganz frühen Morgen zu erfahren, sind die drei Mitarbeiter – der Chef und seine beiden angestellten Frauen – noch von den Vorfällen gezeichnet: Er hat zwei große Pflaster auf den Fingerknöcheln beider Hände, sieht sonst aber recht frisch aus. Nikolaus Kazinakis wirkt gefasst, klar bei Kopf, und sagt: „Es ist ja noch mal gut gegangen.“

Der Laden hat an diesem Montag normal geöffnet, wie jeden Tag. „Normal machst du an so einem Tag den Laden zu und gehst nach Hause. Ich habe die Mädels gefragt – aber sie wollten, dass wir heute auf lassen“, so Kazinakis. Darum lief sein Geschäft mit dem Kaffee, den Frikadellen und den belegten Brötchen weiter.

Mitarbeiterin: "So etwas will ich nie wieder erleben"

Einbrüche, ja, die habe es hier schon gegeben, sagt die eine Mitarbeiterin hinter der Theke. Sie hatte direkt die Polizei gerufen, als der Mann aus dem Laden war. „Aber so einen Überfall… das habe ich noch nie erlebt. Und will es auch nicht wieder erleben.“

Ihre Kollegin war die Person, die in den Lauf der Pistole des Täters schaute: Der 17-Jährige, total vermummt bis auf einen Schlitz, der die Augen frei ließ, hielt ihr die Waffe vor, legte ihr einen Rucksack hin und sie füllte die Schublade aus der Kasse mit dem Geld herein. „Das waren 180 Euro – nicht viel, das Wechselgeld für den Tag“, sagt Nikolaus Kazinakis. Das Geld herauszugeben: für ihn und sein Team in so einer Situation selbstverständlich aus Gründen des Selbstschutzes.

So griff sich der Chef den bewaffneten Jugendlichen

Aber dann kam der Moment, in dem Kazinakis intuitiv handelte: Als der vermummte junge Mann – typische dünne Statur eines 17-Jährigen, so der Inhaber – schnellen Fußes den Laden verließ, rannte Kazinakis hinterher. „Ich sah, dass er die Waffe in den Rucksack gesteckt hatte“, so Kazinakis hinterher. Nachgedacht habe er nicht groß, er habe einfach intuitiv gehandelt. Er ist um die 1,90 Meter groß, hat eine kräftig-sportliche Figur. Er schnappte den Jugendlichen direkt vor dem Schaufenster des Geschäfts. Er habe ihn umgerissen, in den Würgegriff genommen und ihm den Arm auf den Rücken gelegt – fast wie ein Profi.

So verharrten die beiden ein paar Minuten auf dem Bürgersteig; beobachtet durchs Schaufenster von den beiden Angestellten. „Wir haben die ganze Zeit geschaut, ob er alles im Griff hat“, so die eine der beiden Frauen; die dann überrascht war, wie schnell die Polizei kam: Mit drei Streifenwagen stellten die Beamten die Römerstraße zu, übernahmen den Täter von Kazinakis, knieten auf dem am Boden liegenden Jugendlichen, wie Zeugen beobachteten, legten ihm Handschellen an und führten ihn ab.

Video-Überwachung - auch aus Sorge vor dem nächsten Mal

Später kam die Kripo, um Details zum Tathergang aufzunehmen und die Zeugen zu verhören. Das Geschäft lief da schon ganz normal weiter. Nikolaus Kazinakis übergab der Kripo die Aufnahmen aus einer Überwachungskamera direkt hinter der Theke. „Drei Monate lang zeichne ich auf“, sagt er gegenüber unserer Redaktion. So sichert er sich ab.

Was nun mit dem Täter geschieht? „Er ist minderjährig, muss wahrscheinlich ein paar Sozialstunden ableisten und dann war es das“, sagt die Mitarbeiterin hinter der Theke, die wie ihre Kollegin namentlich nicht genannt werden möchte. „Das ist ja das Schlimme“, meint Nikolaus Kazinakis. „Und wir müssen jetzt fürchten, dass andere auf dieselbe Idee kommen – und es besser machen wollen als der erste“, so die zweite Mitarbeiterin.

Täter wollte aufs Fahrrad steigen - und schaffte das nicht

Polizeisprecher Michael Franz sagte auf Anfrage unserer Redaktion am Montagmorgen, dass der Täter mit einem Fahrrad flüchten wollte, das er selbst kurz vorher vor dem Kiosk abgestellt hatte. Der Kioskbesitzer folgte dem jungen Mann selbst – „und nutzte während der Verfolgung eine günstige Gelegenheit“, wie es die Polizei umschreibt, um den Täter zu überwältigen. Auf Nachfrage erklärte Pressesprecher Michael Franz dazu: „Mit der Beute im Rucksack wollte er auf das Fahrrad steigen. Der Geschädigte riss ihn aber wieder herunter und steckte die Waffe selbst ein.“

„Es erfolgte die vorläufige Festnahme. Die weiteren Ermittlungen der Kriminalpolizei dauern an“, heißt es im Einsatzbericht der Polizei, der schon um 5.02 Uhr über den Pressemitteilungsdienst „ots“ („Original Text Service“) unsere Redaktion erreichte.

Hat der Frühstücksladen-Chef richtig gehandelt?

Polizeisprecher Michael Franz auf die Frage unserer Redaktion, ob die Reaktion des Kioskinhabers die richtige gewesen sei: „Wir raten eigentlich immer dazu, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Klar, man kann jemanden mit etwas Distanz verfolgen. Aber direkt den Kontakt zu suchen, das halten wir nicht für so sinnvoll, da man sich selbst in große Gefahr begibt.“  Dann hätte der Täter doch mit dem Rad flüchten können. „Ja, vielleicht wäre es so gekommen.“

In einer vorherigen Version dieses Artikels hatten wir angegeben, dass der mutmaßliche Täter 16 Jahre alt sei. Die Polizei hat das Alter des jungen Mannes mittlerweile auf 17 korrigiert.

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