"...Und plötzlich bist du obdachlos"

CASTROP-RAUXEL "Es nicht so schlimm, wie ich gedacht habe“, zuckt der 53-Jährige in der Gemeinschaftsunterkunft im Obergeschoss des Hauses mit den Schultern. „Ich dachte, die würden einem hier schon die Schuhe klauen.“

von Von Julia Grunschel

, 10.07.2008, 18:09 Uhr / Lesedauer: 2 min
"...Und plötzlich bist du obdachlos"

Obdachlosenunterkunft im Heisterkamp 9

Mit „die“ meint der gelernte Elektriker seine Mitbewohner. Denn wie das Wort Gemeinschaftsunterkunft schon sagt, leben dort mehrere Obdachlose zusammen. Zurzeit hat Peter Scholz* Glück. Mit dem einen, der mit ihm untergebracht ist, kommt er gut zurecht. Nach einer beendeten Beziehung hatte Scholz plötzlich kein Zuhause mehr und lebt nun in der, städtischen Obdachlosenunterkunft am Heisterkamp.

Zwangsversteigerung

„Wenn jemand zu uns kommt, dann schauen wir schon, wer zu wem passt“, erzählt Dagmar Brinkmann, Teamleiterin in der Fachstelle für Asyl, Obdachlose und Aussiedler. In ihrem Büro an der Wartburgstraße werden Menschen vorstellig, die aus verschiedenen Gründen kein Dach mehr über dem Kopf haben. Die einen haben eine Zwangsversteigerung hinter sich, die anderen kommen aus der Haft. „Und wieder andere haben genug von der Platte“, sagt Dagmar Brinkmann, „sie haben genug vom Herumziehen, wollen sesshaft werden.“

Die Unterbringung soll zunächst einmal vorübergehend sein. Bei manchen bleiben es Tage, bei anderen werden es Jahre. Denn zu der Wohnungsnot kommen oft andere Hemmnisse wie Suchterkrankungen. Peter Scholz würde lieber heute als morgen wieder ausziehen. Aber der 53-Jährige steckt in einem Teufelskreis. Seit einem halben Jahr ist er arbeitslos, bezieht Arbeitslosengeld I.

Arbeiten kann er nicht, beide Hüften sind kaputt. „Wenn mich ein Arbeitgeber sieht, dann winkt er gleich ab“, sagt der 53-Jährige und stützt sich auf einer Krücke ab. Sein ALG I reicht aber nicht, um eine Wohnung zu finanzieren. „Zumindest kann ich keine Kaution bezahlen“, erzählt er. Wenn er ALG II beziehen würde, würde er dabei unterstützt. „Aber Hartz IV-Empfänger will ich nicht werden“, sagt er mit Nachdruck. Jetzt hofft er, eventuell von familiärer Seite unterstützt zu werden und so wieder einen Weg aus dem Heisterkamp zu finden. „Er könnte natürlich auch eine Wohnung ohne Kaution suchen“, nennt die Teamleiterin eine Alternative.

Unangemeldete Kontrollen

Sie kennt die meisten Sorgen der Obdachlosen, schließlich sind sie und ihr Team aus fünf Hausmeistern und drei Praxisanleiterinnen vor Ort. Jeden Tag, in jeder Unterkunft. „Unangemeldet und zu unterschiedlichen Zeiten, schließlich wollen wir ja sehen, was läuft und was nicht“, so Dagmar Brinkmann. In den Häusern schauen die Mitarbeiter nach dem Rechten, überprüfen, ob die Hygienestandards eingehalten werden oder helfen beim Wäschewaschen. Braucht jemand Hilfe, wird sie geleistet.

Dabei stößt das Team an Grenzen. Und zwar an Grenzen, die mehr bei einem Obdachlosen liegen können als bei ihnen selbst. „Man kann jemandem nur soweit helfen, wie er es zulässt“, erkennt Dagmar Brinkmann oft.

Hilfe können die Untergekommenen auch über eine Sprechanlage bei Polizei und Feuerwehr rufen. Denn, wo so verschiedene Menschen aufeinander treffen, läuft nicht immer alles reibungslos ab. „Rausgeflogen ist bei uns noch keiner“, macht Dagmar Brinkmann deutlich: „Man kann einen Obdachlosen schließlich nicht obdachlos machen.“    * Name geändert.

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