Verantwortliche bestätigt Kita-Klage einer Insiderin: „Es ist wirklich schlimmer geworden“

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Der Insider-Bericht einer Erzieherin einer Castrop-Rauxeler Kita hat nicht nur in den Kindergärten gezündet: Auch eine Trägergesellschaft bestätigt die Erfahrung: „Es geht nicht anders.“

Castrop-Rauxel

, 04.03.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Bericht einer Erzieherin über den bitteren Alltag in ihrer Castrop-Rauxeler Kita hat aufgerüttelt. Drei pädagogische Fachkräfte für 50 Kinder in der Einrichtung, darunter solche, die gewickelt werden müssen und solche, die besondere Betreuung benötigen: Wie soll das gehen?

In ihrem offenen Schreiben klagt sie über die Zustände, nicht gegen ihren Arbeitgeber. Dennoch macht sich die junge Frau Sorgen, sie könnte dafür Ärger bekommen, und will anonym bleiben. Aber was sagen die Trägergesellschaften in Castrop-Rauxel?

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Eine ist die Stadtverwaltung selbst. Die hält sich auf unsere Anfrage zunächst zurück. Deutlich schneller und deutlicher antworten die Caritas in Person von Geschäftsführerin Veronika Borghorst (u.a. Kita Oskarstraße, neue Kita am Meisenweg) und Elisabeth Weyen von der Evangelischen Kindergarten-Gesellschaft Herne/Castrop-Rauxel.

Veronika Borghorst antwortet nur kurz: Die Stellenplanung sei nach dem Kinderbildungsgesetz aufgestellt. Klar, sonst drohen einem Träger schnell Mittelkürzungen. Derzeit bestehe auch kein Grund zur Sorge, was die Besetzung angeht.

„Solche Szenarien kommen vor“

Elisabeth Weyen wird deutlicher. Die Evangelische Kirche ist Trägerin von neun größeren und einer kleineren Kita in Castrop-Rauxel. „Solche Szenarien kommen vor“, sagt Weyen im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wenn zwei, drei Leute krank werden, ist das schwierig.“ Es sei auch nach ihrem Verständnis „zu wenig Personal da für gute Arbeit. Aber mehr Personal wird ja nicht finanziert nach den geltenden gesetzlichen Grundlagen.“

Ein zentrales Problem: Wenn jemand krank wird oder anderweitig ausfällt, bekomme man nicht sofort Ersatz. Das hat Gründe: „Die Leute brauchen ein Führungszeugnis, eine Infektionsschutzbelehrung, einen Arbeitsvertrag – so schnell kann man das alles ja gar nicht organisieren.“ Bevor man jemanden eingestellt habe, sei der Erkrankte wieder da.

Eigentlich, sagt sie, müsste man mehr Leute einstellen. Dabei hat die Trägergesellschaft mit ihren insgesamt 27 Einrichtungen in den beiden Nachbarstädten schon mehr Mitarbeiter eingestellt als eigentlich vorgesehen. „Wir haben eine kleine Reserve: Unter unseren 400 Mitarbeitern sind vier Springerkräfte im Kirchenkreis.“ Die würden eingesetzt da, wo es brennt.

3 von 12 Personen gesund

Das Problem aber laut Elisabeth Weyen: Wenn eine Grippewelle durchrollt, dann fallen viele Kolleginnen auf einen Schlag aus. „Es gab Einrichtungen, da waren von 12 Personen noch 3 oder von 15 Personen noch 4 im Dienst. Dann“, sagt sie, „hilft nur das Notgruppen-Prinzip: Wir bitten die Eltern, ihre Kinder, wo es geht, zu Hause zu lassen.“

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Meistens seien die Eltern, die ja einen Anspruch auf ihren Platz haben und dafür auch die Gebühren bezahlen, verständnisvoll. Aber einige arbeiten und sind auf Betreuung angewiesen. „Wir haben auch schon mal Personal von einer zur anderen Kita verschoben, aber da ist das Problem, dass die Kinder die Erzieherinnen nicht kennen.“

Auch für Weyen ist die geschilderte Situation nicht schön. „Aber damit muss man leben, es geht nicht anders.“ Es gebe nicht genug Menschen, „die darauf warten, mal eben Vertretung zu machen. Wir haben dazu auch noch den Fachkräftemangel. Es dauert heute viel länger, die richtige Person für eine offene Stelle zu finden.“

„Wirklich schlimmer geworden“

„Wenn wir wissen“, so Weyen, „dass jemand länger als sechs Wochen ausfallen wird, versuchen wir sofort, jemanden zu bekommen.“ Denn es sei „wirklich schlimmer geworden als früher“, als sie selbst noch im Kindergarten arbeitete. „Die Kinder sind heute jünger, viel länger da, bekommen warmes Mittagessen“, sagt sie. Der Arbeitsalltag habe sich verdichtet.

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