Die Kreisverkehre sollen einheitlich gestaltet werden mit Blick auf Radfahrer, das ist ein Plan des Nahmobilitätskonzepts. © Thomas Schroeter
Meinung

Viele Radwege sind Problemzonen: Nicht länger reden, einfach mal anfangen

Das Nahmobilitätskonzept ist beschlossen. So die gute Nachricht. Doch damit sich Radfahrer und Fußgänger in Castrop-Rauxel sicher fühlen, darf nicht nur diskutiert werden, meint unsere Autorin.

Fahrradfahren ist angesagt in der Corona-Pandemie. Es ist nicht nur eine der wenigen Möglichkeiten, Freizeit aktiv zu gestalten. Mancher sattelt auch für den Arbeitsweg auf das Fahrrad um, statt sich weiter in Busse zu setzen. Wer das in Castrop-Rauxel tut, merkt schnell, dass die Stadt wahrlich keine Paradies für Fahrradfahrer ist. Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Das sehen auch die Politiker so – beteuern es im Wahlkampf, betonen in Ausschusssitzungen die Notwenigkeit, mehr für Radfahrer zu tun. Doch im Umgang mit dem Nahmobilitätskonzept tun sich dann einige trotzdem schwer. Das zeigte sich bei der einzigen längeren Diskussion des Abends im Rat am 22. April in der Europahalle.

Zwei Jahre hat die Arbeit am Konzept gedauert. In dieser Zeit haben die Radfahrer in Castrop-Rauxel Radwege erlebt, die ihnen zu schmal, zu holprig, zu oft zugeparkt, zu unsicher sind. Und die im Zweifelsfall auch mal fehlen. Die Bewertung beim Fahrradklima-Test des ADFC sank weiter. Beim Test 2020 gab es nur noch die Schulnote 4,3. Und in vielen Einzelfragen werteten die Teilnehmer mit mangelhaft und ungenügend.

Nahmobilitätskonzept ist 1500 Seiten dick

Da wundert es nicht, wenn das Nahmobilitätskonzept für Castrop-Rauxel ganze 1500 Seiten dick ist und viele hundert Einzelmaßnahmen enthält. CDU-Fraktionsvorsitzender Michael Breilmann hielt sie bei der Ratssitzung am 22. April dann auch demonstrativ und fast ein wenig anklagend in die Höhe.

Zu viel, zu unübersichtlich, zu wenig besprochen: Michael Breilmann forderte für seine Fraktion, die FWI und die FDP, dem Konzept nicht zuzustimmen. Vorher sollte erst eine breite, ortsteilbezogene Bürgerbeteiligung und Informationskampagne stattfinden, so der gemeinsame Antrag. Der Bürger habe sich nicht umfassend und transparent informieren können. Harald Piehl für die FWI plädierte deshalb sogar, das Konzept nur zur Kenntnis zu nehmen.

Es stimmt natürlich, dass das Nahmobilitätskonzept unübersichtlich ist, es Politikern wie Bürgern Mühe macht, Informationen über den eigenen Stadtteil zu finden. Und sicherlich bietet der eine oder andere Vorschlag – Stichwort Altstadtring – auch noch Diskussionsbedarf.

Aufnahme in AGFS ebnet den Weg zu Fördergeldern

Doch deshalb den Start des Konzeptes weiter hinauszuzögern, wäre falsch. Zumal ja die Chancen für die geforderte Bürgerbeteiligung zurzeit nicht besser sind als während der Projektphase. Entscheidend ist: Auf dem Konzept basiert der Antrag für die Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte (AGFS). Und die wiederum ist notwendig, um an Fördergelder zu kommen.

Am Ende wurde das Konzept vom Rat mit den Stimmen von SPD, Grünen, der Linken und UBP beschlossen. Und das ist gut so. Elf Millionen Euro sollen in den kommenden 15 Jahren umgesetzt werden, für mehr Sicherheit und Komfort für Fußgänger, für bessere Verbindungen für Radfahrer. Und damit fängt man am besten schnell an.

Bürgerbeteiligung ist Teil des Konzepts

Genügend Ansätze für problemloses und schnelles Handeln finden sich reichlich. Und für alle anderen Fälle wurde in den Beschluss noch einmal explizit aufgenommen, dass jede aufgeführte Maßnahme nicht alternativlos ist und jeweils noch beraten werden soll. Auch die Bürgerbeteiligung wurde noch einmal hineingeschrieben.

Stadtbaurätin Bettina Lenort hat mehrfach betont, dass das Konzept die strategische Grundlage der Verkehrsplanung für die gesamtstädtische Förderung der Nahmobilität sei: „unsere Leitplanken für die nächsten Jahre“. Und dass man schnell sein müsse. Also: nicht weiter Maßnahmen diskutieren und zerreden. Sondern: einfach mal anfangen. Dann gibt es im nächsten Fahrradklima-Test 2022 vielleicht schon ein „befriedigend“.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen