Eine Schafherde in Frohlinde. Ihr Schäfer Elias Konze hat es in Castrop-Rauxel nicht immer leicht. © Nora Varga
Landwirtschaft

Wander-Schäfer Elias Konze klagt: Mir wird das Leben schwer gemacht

Elias Konze ist Wanderschäfer in dritter Generation. Ohne Transporter wandert der Lüner mit den Schafen von Weide zu Weide. Nun ist er in Castrop-Rauxel - und beklagt, angefeindet und angeschwärzt zu werden..

In einem Waldstück etwas unterhalb des Golfklubs in Frohlinde stehen sie: 450 Schafe. Sie springen über einen kleinen Bach, zupfen Blätter von den Bäumen oder necken blökend ihre Artgenossen. Alles, was ein Schaf eben so tut. Ihr Schäfer ist der Lüner Elias Konze. Er ist in dritter Generation Wanderschäfer.

Das heißt, die Schafe stehen nicht ihr Leben lang auf einer Weide oder im Stall, sondern er zieht mit ihnen von Fläche zu Fläche: „Wenn die Schafe alles weggefressen haben, dann geht es weiter. Die Schafe bestimmen den Rhythmus.“

Schäfer Elias Konze aus Alstedde in Lünen. Gerade ist er mit einem Teil seiner Herde in Castrop-Rauxel.
Schäfer Elias Konze aus Alstedde in Lünen. Gerade ist er mit einem Teil seiner Herde in Castrop-Rauxel. © Nora Varga © Nora Varga

Für ihn ist diese Form der Schafhaltung am nächsten an der Natur. „Die Schafe fressen nur das, was aus der Natur gewachsen ist. Natürlicher geht es nicht.“ Die Lämmer dürfen außerdem bis zur Schlachtung bei der Herde bleiben und werden nicht zum Mästen in den Stall gestellt. Elias Konze kennt jedes seiner Schafe: „Ich kann genau sagen, welches Tier zu welchem gehört. So eine Herde hat ihren ganz eigenen Charakter, da ist jedes Tier anders.“

Trotzdem sieht sich der Schäfer ständig Anfeindungen ausgesetzt. „Immer wieder rufen die Leute die Polizei oder das Veterinäramt an und behaupten, ich würde die Schafe nicht gut halten, weil zum Beispiel eines humpelt.“ Dabei seien es vor allem zurückgelassene Glasflaschen und Müll, an dem sich die Tiere verletzten. „Wir behandeln das natürlich, aber das kennt man selbst vom Sport. So was braucht seine Zeit zum Heilen, aber die Leute sehen das nicht. An denen laufen 400 Schafe vorbei, denen es gut geht und die sehen nur das eine, was humpelt.“

Illegale Schlachtungen

Aber der Schäfer hat nicht nur mit Beschwerden zu tun. „Uns werden immer wieder Schafe geklaut. Die nehmen dann irgendwelche Schafe, schlachten die illegal, nehmen das Fleisch mit und schmeißen die Reste in die Ecke.“

Oft seien das trächtige Schafe. Die ungeborenen Lämmer lägen dann einfach auf der Wiese. Elias Konze: „Das ist auch für mich als Schäfer nicht schön.“ Unter anderem deswegen lässt er die Schafe nicht mehr allein. „Mein Onkel ist Tag und Nacht im Wohnwagen hier bei den Schafen, um aufzupassen.“

Keine Transporte, bei jedem Wetter draußen und immer als Herde zusammen. Die Wanderschafe sollen möglichst naturnah leben.
Keine Transporte, bei jedem Wetter draußen und immer als Herde zusammen. Die Wanderschafe sollen möglichst naturnah leben. © Nora Varga © Nora Varga

Auch wenn die Schafe die Weide wechseln und Straßen blockieren, wird der Schäfer nach eigenen Angaben beschimpft. Dabei gibt es immer weniger Flächen, auf denen er mit seinen Schafen stehen kann: „Die Leute wollen das nicht und es gibt auch immer weniger freie Flächen.“

Dabei seien die Schafe für einen Wald oder eine Wiese sehr gesund. Zwei Tage lang fressen sie alles ab und geben der Natur danach die Möglichkeit neu nachzuwachsen. Der Kot der Tiere sei ein wichtiger Dünger und Überträger für Pflanzen-Samen.

Wenig Geld für Pflege der Flächen

Für diese Pflege der Flächen erhält er von kaum einer Stadt Geld. „Es ist einfach schwer geworden, von dem Job zu leben“, erzählt Konze. Auch für die Wolle gebe es kaum etwas: „Die ist ja nichts mehr wert.“ Hauptsächlich lebt die Familie Konze vom Verkauf der Lämmer.

Neben den Anfeindungen aus der Bevölkerung macht auch die Politik Probleme. „Das, was wir hier machen ist ökologisch. Mehr Natur geht nicht.“ Dennoch kann er für seine Schafe kein Biosiegel bekommen. „Die Tiere fressen ja, was hier wächst, das lässt sich nicht kontrollieren.“

Auch die Pflicht, den Schafen Ohrmarken zu verpassen, ärgert ihn. Da seine Schafe durch Gestrüpp und Wälder laufen, reißen die Marken immer wieder ab. „Ich muss dann wieder neue Chips dran machen. Es gibt in der Herde Schafe, die haben die Ohren schon richtig zerrissen.“ Er wünscht sich, dass sich die Politik mehr Rat von Leuten holt, die tatsächlich etwas mit Landwirtschaft zu tun haben. „Da müssen Experten die Regeln machen, die sich mit Schafen auskennen.“

Bezug zu den Tieren verloren

Wenn er sich eines von den Castrop-Rauxelern wünschen könnte, wäre es: „Die Leute sollen den Schäfer seine Arbeit machen lassen.“ Statt sofort bei der Polizei oder dem Tierschutz anzurufen, könne man auch einfach beim Bauwagen vorbeikommen und fragen. „Die Leute haben einfach den Bezug zu den Tieren verloren.“

Langfristig brauche es mehr Flächen und eine bessere Bezahlung, damit die Wanderschäfer weitermachen können. „Deutschland ist mit seiner Bürokratie und den vielen Regeln auf dem besten Weg, dass der älteste Beruf der Menschheit ausstirbt.“

Einige Mineralien muss der Schäfer zufüttern. Die Pflanzen von den Böden der alten Industrieflächen haben weniger Nährstoffe als die in unangetasteter Natur.
Einige Mineralien muss der Schäfer zufüttern. Die Pflanzen von den Böden der alten Industrieflächen haben weniger Nährstoffe als die in unangetasteter Natur. © Nora Varga © Nora Varga

Noch bis Anfang der Woche werden die Schafe in Frohlinde stehen, dann geht es für die Herde und ihren Schäfer weiter in Richtung Emscher. Dort werden die Schafe noch eine ganze Zeit stehen. Genau kann Elias Konze das noch nicht sagen. Die Schafe bestimmen schließlich, wie es weitergeht.

Trotz der finanziellen Schwierigkeiten und Anfeindungen kann sich Elias Konze nicht vorstellen, den Betrieb aufzugeben: „Mein Vater hat das schon gemacht, mein Opa auch. Wir machen das seit fast 100 Jahren. Ich habe die Hoffnung, dass es besser wird. Das ist eine Familientradition, damit bin ich groß geworden.“

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
Zur Autorenseite
Nora Varga