Warum eine Ickernerin im Hospiz auch lachen kann

Mit Audio-Interviews

Arbeit mit Sterbenden - den Alltag im Hospiz stellen sich Außenstehende trostlos und traurig vor. Was kaum jemand erwartet: Dass dort auch viel gelacht wird. Aber so ist es, sagt Andrea Heller. Die Ickernerin arbeitet als Ehrenamtliche im Hospiz St. Elisabeth in Dortmund. Wie ist es eigentlich, dort zu arbeiten, wo der Tod allgegenwärtig ist?

CASTROP-RAUXEL

, 24.08.2017 / Lesedauer: 4 min
Warum eine Ickernerin im Hospiz auch lachen kann

Anja Kämper leitet das Hospiz St. Elisabeth, Andrea Heller (r.) aus Ickern arbeitet dort ehrenamtlich einmal in der Woche mit. Mit der 60-Jährigen sprachen wir darüber, wie es ist, Trauernde zu begleiten. ?Glaubt doch nicht, dass wir die ganze Zeit zusammensitzen und weinen?, sagte sie. RN-FOTO

Andrea Heller hat ein spezielles Ehrenamt. Wenn sie anderen davon erzählt, dass sie einmal in der Woche ins Hospiz geht und Spaß an ihrer Arbeit dort hat – „dann ernte ich oft verständnislose Blicke“. Die 60-jährige Ickernerin ist eine von 26 ehrenamtlichen Mitarbeitern im Hospiz St. Elisabeth in Westrich. Ein Haus, das 2012 eröffnete, in dem zwölf Menschen die letzten Wochen und Monate ihres Lebens verbringen können. Wie ist es wirklich, dort mitzuarbeiten, wo der Tod allgegenwärtig ist?

Mit dieser Leitfrage setzten wir uns mit Andrea Heller auf die Terrasse des hübschen einstöckigen Gebäudes direkt gegenüber der Zeche Zollern – und erhalten eine eindeutige Antwort. Und eine Einladung: „Glaubt doch nicht, dass wir die ganze Zeit zusammensitzen und weinen“, sagt Andrea Heller.

„Andere Dinge des Lebens haben hier so viel mehr Platz. Natürlich ist Traurigkeit da, aber ich finde es wichtig, dass man sich darüber informiert, was in einem Hospiz passiert.“ Das geht am Samstag, 26. August. Von 11 bis 17 Uhr steht die Eingangstür an der Bockenfelder Straße 237 offen. Es gibt Kaffee und kalte Getränke, Gegrilltes und Kuchen.

"Beeindruckende" Arbeit überzeugt viele Ehrenamtliche

Und viele Eindrücke. „Mich hat das Konzept, die Art und Weise, wie man hier mit Menschen umgeht, so berührt und positiv angesprochen, dass ich sofort gesagt habe: Das möchte ich auch machen.“ Das sagt Andrea Heller über ihren ersten Besuch mit dem Lions Club, eines Abends im Jahr 2016.

Sie arbeitete als Ernährungsberaterin jahrelang in Krankenhäusern – „dort habe ich das Sterben von einer ganz anderen Warte kennengelernt“, so Heller, die zu Hause ihre Mutter betreut und pflegt. Zeitmangel, Zeitdruck, niemand, der mal Zeit hat, sich ans Bett der Kranken, der Sterbenden zu setzen, die Hand zu halten, das Ohr zu öffnen für ein Gespräch: „Hier im Hospiz spürt man, wie sich Pflegekräfte und Ehrenamtliche richtig Zeit nehmen für unsere Gäste.“ Hier habe man die Möglichkeit, jemanden bis zu seinem letzten Tag zu begleiten. „Das ist meist das, was ihnen fehlt – das spürt man.“

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Anderer Kontakt zu den Menschen

Das Hospiz hat zwölf Plätze, die eigentlich immer ausgebucht sind. Menschen kommen, Menschen sterben – so ist das nackte Prinzip. Dadurch, sagt Andrea Heller, die jeden Dienstag etwa zwei bis drei Stunden herkommt, sei der Kontakt zu den Menschen anders. „Anders als – ich sage mal ganz provokant – draußen. Die Menschen öffnen sich mehr.“ Weil Sie wissen, dass sie nicht mehr viel Zeit zum Leben haben? „Ja, ganz klar. Sie haben noch viel zu bedenken, erzählen vielleicht auch Dinge, die sie noch nie jemandem erzählt haben, unter denen sie aber leiden oder die in ihnen einen Druck aufbauen.“ Zum Beispiel dass Angehörige Probleme haben, loszulassen.

Darauf werden die Ehrenamtlichen in einem Kurs ein halbes Jahr lang vorbereitet: Sie lernen etwas über die Phasen des Sterbens, über Kommunikation, über das Leid der Angehörigen. „Wobei“, sagt Andrea Heller: „Das klingt alles so furchtbar ernst. Wir haben auch verdammt viel Spaß hier. Es ist nicht so, dass alle hier von morgens bis abends weinen. Wir leben hier mit unseren Gästen, in der Zeit, in der wir hier sind. Das ist Leben – das stellt man sich von außen so anders vor.“ Und erzählt eine kleine Geschichte: „Ein Gast sagte mal bei einer Kaffeerunde am Nachmittag: ‚Hm, Kuchen... können Sie nicht mal rüber gehen zur Rippchenbraterei? Eine Currywurst mit Pommes, die täte mir jetzt gut.‘ Dann gehen wir eben dahin.“

Die Arbeit, sagt sie, belaste sie nicht – sie bereichere sie persönlich. „Ich habe so tolle Gäste kennengelernt und so viele intensive Gespräche geführt, da nimmt man eine Menge mit“, sagt Andrea Heller. Ein Gefühl von Befriedigung, weil man helfen konnte; von der Nähe, dass jemand einen nach so kurzer Zeit so nah an sich heranlässt.

Arbeit im Hospiz: Mitgefühl, kein Mitleid

Kann man da loslassen? Nimmt man nicht zu viel Trauer mit in sein eigenes Leben? „Ich hatte mal einen Chef, der gesagt hat: Mädchen, Mitgefühl darfst du haben, Mitleid nicht – sonst bist du hier falsch!“, erzählt die Ickernerin. Eine Losung, die sie mitgenommen habe.

Nicht alle, die hier mitarbeiten, begleiten Gäste oder Angehörige. Es gibt Ehrenamtliche, die einkaufen, die dekorieren, die Spenden sammeln, das Trauercafé vorbereiten. Hilfe bräuchte das Hospiz noch bei der Gartenarbeit. Es sind auch profane Dinge, die vor dem Sterben liegen. 

Nicht nur mit Andrea Heller haben wir gesprochen: Auch die Leiterin des Hospiz St. Elisabeth, Anja Kämper, hat erzählt, was ein Hospiz ausmacht.

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