Warum war die AfD in Habinghorst so stark?

Nach der Landtagswahl

Bei der Landtagswahl hat die AfD in Castrop-Rauxels Stadtteilen Habinghorst und Teilen von Ickern besonders hohe Anteile bekommen. Viele Bürger sind unzufrieden und fühlen sich von der Politik vernachlässigt. Wir haben uns in den Stadtteilen umgesehen und mit Anwohnern und Bürgermeister Rajko Kravanja gesprochen.

HABINGHORST/ICKERN

, 21.05.2017 / Lesedauer: 4 min
Warum war die AfD in Habinghorst so stark?

Udo Schluck (l.) und Herbert Jaschowez fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Im Vorgarten stehen Udo Schluck und Herbert Jaschowez. Sie scherzen, haben Spaß und freuen sich darüber, dass sie das gute Wetter an diesem Abend genießen können. Eigentlich könnte alles gut sein bei den Anwohnern am Sonnenschein – eigentlich. Denn tief im Inneren brodelt die Unzufriedenheit in ihnen. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und nicht verstanden. Eine Tendenz, die sich an den Ergebnissen der Landtagswahl ablesen lässt: Rund um den AWO-Kindergarten an der Recklinghauser Straße holte die Alternative für Deutschland (AfD) fast 17 Prozent – ihr bestes Ergebnis stadtweit. Woran liegt das?

„Das sieht hier aus wie in einem Entwicklungsland“

„Wissen Sie“, sagt Herbert Jaschowez, „Sie sind der Erste, der hier vorbeikommt, um uns nach unserer Meinung zu fragen.“ Seit 50 Jahren wohnt der 73-Jährige an der Nordstraße. Eine Zeit, in der sich nach und nach der Frust über die Politik in ihm aufgestaut habe. „Wir werden hier komplett vergessen von denen, die die Fäden in den Händen halten.“ Fehlende Polizeipräsenz, herumliegender Müll und kaputte Straßen sind die Themen, die den Rentner beschäftigen.

„Schauen Sie mal hier vorne“, sagt Udo Schluck und zeigt auf die Straße In der Wanne. „Das sieht hier aus wie in einem Entwicklungsland“, sagt der 58-Jährige und spricht die Schlaglöcher an. „Wenn Sie da gleich entlang fahren, brauchen Sie neue Stoßdämpfer.“ In den vergangenen Jahren habe er für sich entschieden, dass es egal sei, wen er wähle, schließlich ändere sich sowieso nichts.

Nur 34,5 Prozent nutzten ihr Wahlrecht

Eine Meinung, mit der er im Stimmbezirk rund um den Kindergarten nicht allein zu sein scheint. In keinem anderen Bezirk gab es eine geringere Wahlbeteiligung als hier. Nur 34,5 Prozent der Wahlberechtigten nutzten ihr Stimmrecht – 65,5 Prozent gingen nicht zur Urne. In ganz NRW waren die Anteile genau umgekehrt.

„Viele fühlen sich von den großen Parteien nicht abgeholt“, sagt Petra Lückel, die selbst auf dem Sonnenschein wohnt und sich bei der Flüchtlingshilfe engagiert. Es gebe in ihrer Nachbarschaft einige Sozialwohnungen und Leute, die schwächer gestellt seien. 

„Die haben Angst um ihre Existenz und haben das Gefühl, dass Flüchtlinge alles geschenkt bekämen“, sagt Lückel und bestätigt damit auch Udo Schluck: „Wir müssen hart für unser Geld arbeiten, und da sieht man, dass mit einem anderen Maß gemessen wird.“ Ein Vorwurf, den Adil Tamouh von der Werbegemeinschaft Inwerb schon beim Aufbau der Großnotunterkunft an der B 235 im vergangenen  Jahr erlebte. „Es gab viele Diskussionen, die wir aus dem Weg räumen mussten. Aber das waren immer nur vereinzelte Leute.“

SPD verliert 20 Prozentpunkte - Politikverdrossenheit problematisch 

Petra Lückel hat sich auch mit einigen Nachbarn unterhalten, die sich ohnmächtig fühlten. Dabei hieß es oft: „Entweder ich gehe gar nicht wählen oder ich gebe den großen Parteien einen Denkzettel.“ Das funktioniere beispielsweise mit der Wahl der AfD. So wie hier geschehen: Sechs der acht Stimmbezirke, in denen die AfD ihre besten Ergebnisse in Castrop-Rauxel holte, befinden sich im Norden Habinghorsts und im Westen Ickerns. Fast 17 Prozent holte die AfD rund um den AWO-Kindergarten. Derselbe Stimmbezirk, in dem Die Linke ebenfalls ihr bestes Ergebnis holte – also eine Partei vom anderen Rand des Spektrums.

Marc Frese, Vorsitzender von Mein Ickern, versucht das Ergebnis für den Stadtteil einzuordnen: „Es ist nicht so, dass die Leute dort spezielle Vorurteile hätten.“ Es gehe darum, den großen Parteien „eins auszuwischen“. Das spürten sie: 20 Prozentpunkte hat die SPD in diesem Gebiet im Vergleich zur Landtagswahl 2012 verloren. „Wenn man die AfD-Stimmen in diesem Malocher-Viertel sieht, muss man das ernst nehmen“, meint Frese.

Für Sven Teschner, Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Habinghorst, ist das Hauptproblem die zunehmende Politikverdrossenheit. „Wenn jemand auf Sozialhilfe angewiesen ist und jeden Cent dreimal umdrehen muss, um seinem Kind eine Jugendfreizeit zu ermöglichen, frustriert die Leute das natürlich“, sagt er.

"70 Jahre lang enttäuscht worden"

Bürgermeister Rajko Kravanja ist von dieser Entwicklung enttäuscht. „Das Ergebnis der AfD hat uns alle, also alle im Rat vertretenen Parteien, nachdenklich gemacht.“ Aus seiner Sicht zeige das, dass sich ein Teil der Menschen nicht mehr von den demokratischen Parteien, die sich im Land und in der Stadt engagierten, wahrgenommen fühlten. „Das zeigt uns, dass die Leute wieder mit uns ins Gespräch kommen wollen – und das wollen wir auch“, so der Bürgermeister weiter.

 

Aus Sicht von Herbert Jaschowez könnte es dafür schon zu spät sein: „Ich bin 70 Jahre lang enttäuscht worden, da werden die auch nichts mehr dran ändern.“ Wählen war er am Sonntag trotzdem. „Und mit dem Ergebnis war ich eigentlich ganz zufrieden“, so der Rentner. An Veränderungen glaubt er nicht. „Ich glaube, wir werden uns auch die nächsten Jahre noch hier über die Gärten hinweg austauschen. Und aufregen.“

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