Er wird 53 Jahre alt, ist seit drei Monaten in Castrop-Rauxel: Pastor Christian Naton, oder „Don Naton“, wie ihn Freunde einst nannten. Wie tickt er? Ein Gespräch über Gott und die Welt.

Merklinde

, 26.01.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 11 min

Christian Naton ist Priester, seit er im Jahr 1996 im Dom zu Paderborn dazu geweiht wurde. Er war damals 30 Jahre alt, geboren wurde er am 22. Februar 1966. Er wuchs in Dortmund auf und ist seit November im Pastoralen Raum St. Lambertus tätig. Redakteur Tobias Weckenbrock traf ihn im Gemeindebüro von St. Marien in Merklinde zum Interview.

Sie können das Interview entweder lesen oder hier anhören:

Herr Naton, wie kam es dazu, dass Sie nach Merklinde gekommen sind?

Es stand mal wieder ein Stellenwechsel an, das ist bei uns Pastören so üblich. Die Stelle hier im Ruhrgebiet war ausgeschrieben, und da ich als gebürtiger Dortmunder gern wieder in den Ruhrpott zurück wollte, passte das. Noch dazu ist es eine Gemeinde ganz in der Nähe von Brechten.

Bereuen Sie es schon oder sind Sie froh, dass Sie es gemacht haben?

(lacht) Nein, ist alles okay. Ruhrpott ist in Ordnung. Da komme ich gut klar.

Was charakterisiert den Ruhrpott für Sie?

Mein Vater war Bergmann und hier sind noch eine ganze Menge Momente und Erinnerungen, die sich mit dem Bergbau verbinden - auch wenn die Zechen heute zu sind. Viele Straßen sehen so aus wie die Straßen meiner Kindheit. Die Leute sind sehr offen, unkompliziert in der Kommunikation, egal, ob sie zur Kirche gehören oder nicht. Kirche gehört dazu, ist aber nicht übermäßig wichtig. Grundsätzlich ist es eine relativ entspannte Situation, bei allen sozialen und politischen Problemen, die es natürlich gibt.

Warum sind Sie selbst nicht in den Bergbau gegangen, trotz der Bergbaufamilie?

Unser Vater war da recht hellsichtig. Wir sind sechs Kinder, aber unser Vater sah, dass das keine Zukunft hatte. Er hat keinen von uns gedrängt, obwohl er es wahrscheinlich gern gesehen hätte. Ich wollte ursprünglich Buchhändler werden oder so was in der Art, hatte auch mit einem Germanistik-Studium begonnen. Der Abbieger zur Theologie kam für mich etwas später.

Gab es einen Ruf?

Kann man so sagen, ja.

Gab es einen Augenblick, in dem der Ruf kam?

Ich war schon immer in einer katholischen Gemeinde aktiv, gut-katholische Familie, nicht streng, aber sehr aktiv.

Sprich Kommunionkind, Messdiener, Sternsinger, ...

... genau das, Gruppenleiter mit Jugendlichen, Theatergruppe in der Gemeinde und sowas alles. Als mich im Gymnasium mal jemand fragte, ob ich nicht Priester werden wollte, habe ich gesagt: „Nee, zwei Berufe werde ich nie machen - Lehrer und Priester. Das ist beides nichts für mich.“ Und zehn Jahre später war ich Priester und Lehrer. (lacht) Man soll nie „Nie!“ sagen, das habe ich gelernt.
Also Ruf insofern vielleicht, dass bei einem spirituellen Erlebnis, das man nicht gut in Worte fassen kann, am Nachmittag desselben Tages die Gewissheit da war, die vormittags noch überhaupt nicht da war, nämlich: Das, was der Priester da am Altar macht, das sollst du auch machen. Da will Jesus dich hin haben.

„Es wäre zu romantisch, jetzt zu sagen, dass das seitdem ein glühender roter Faden und immer Euphorie wäre.“

Das spüren Sie bis heute? War das der richtige Weg für Sie?

Ja und nein. Es wäre zu romantisch, jetzt zu sagen, dass da seitdem ein glühender roter Faden und immer Euphorie wäre. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, und dafür ist die Arbeit auch - ich will nicht sagen - zu hart, sie geht an die Grenzen. Man erlebt sehr viele Dinge, schaut in Abgründe, stellt sich immer wieder die Gottesfrage. Irgendwann ist man sich nicht mehr so sicher, was Gott wirklich will, was er wirklich gesagt hat oder was ich ihm in den Mund gelegt habe. Aber ich mache diesen Beruf gern und will ihn auch weiter so ausüben. Die Romantik der frühen Jahre ist vielleicht vergangen, aber die Notwendigkeit des Berufes und zu erkennen, was ich kann und was nicht, das hängt damit zusammen. So passe ich gut in den Beruf herein.

Empfinden Sie das als in den Dienst stellen? Als Entbehrlichkeit? Denn Priestersein bedeutet, auch ohne Familie im Zölibat zu leben. Hätten Sie das auch gern gehabt?

Jein. Ich bin, bevor ich mich für das Studium entschieden hatte, zweimal verliebt gewesen. Aber die andere Geschichte war größer. Der Zölibat ist für viele Priester ein Problem, für mich persönlich - das ist vielleicht eine Fügung und eine innere Struktur - ist es ein eher kleineres Problem. Natürlich ringt man damit, so wie jemand, der mit der Treue ringt oder mit Einsamkeit. Aber ich ringe eher mit der Sinnfrage angesichts der Weltereignisse. Man weiß nicht so recht, was Gott sich bei alldem denkt. Das macht einem die Sache schwer. Und natürlich die Kirche, wie sie ist: Die macht einem auch nicht immer das reine Vergnügen.

Welches Konzept haben Sie für die Kirche im Pastoralverbund Süd, Herr Naton?

Christian Naton, hier mit Papst Franziskus im Nacken: „Die Sklaverei ist abgeschafft, die Demokratie hat sich durchgesetzt, die Gleichberechtigung der Frau ist geschafft, die Ächtung der Gewalt ist Standard - und trotzdem werden die Menschen nicht glücklich.“ © Tobias Weckenbrock

Das Unheil in der Welt ist unter Theologen als Theodizee bekannt: Gott ist doch eigentlich ein guter Lenker; er müsste doch dafür sorgen, dass es gar kein Unheil gibt. Welche Antwort finden Sie persönlich darauf und welche geben Sie zweifelnden Christen?

Das muss man auf drei Ebenen betrachten. Es ist zuerst ein philosophisches Thema. Es taugt nicht, wenn man mit den Leidenden selbst darüber spricht. Das Grundthema ist ja, was Glück und Glücklichsein bedeutet und welche Vorstellung von Frieden wir haben. Wir erzielen immer wieder Fortschritte: Die Sklaverei ist abgeschafft, die Demokratie hat sich durchgesetzt, die Gleichberechtigung der Frau ist geschafft, die Ächtung der Gewalt ist Standard - und trotzdem werden die Menschen nicht glücklich. Frieden und Glück ist da schwer einzuschätzen, weil die Menschheit sich bei der Bewertung, was gut und schlecht sei, nie sicher ist.
Eine theologische Antwort ist die: Wir leben als erlöste Kinder Gottes noch nicht in einer völlig erlösten Welt. Diese Antwort kann ich bejahen. Christus hat uns durch das leere Grab, die Auferstehung, verheißen. Aber erlöst ist das Drama der Welt dadurch noch nicht. Wir leben in der Zwischenphase, in der das Böse und das Leid immer noch in der Welt sind, aber nicht die Macht haben, die sicher kommende Erlösung aufzuhalten.
Dem, der wirklich leidet, dem versuche ich klar zu machen, dass Gott im Leid präsent ist. Und dass ein Leiden kein Gegenargument gegen die Anwesenheit Gottes ist, sondern im Gegenteil: Viele Menschen erfahren gerade dann, wenn sie leiden, die Sehnsucht nach Gott und spüren sogar den Halt, denen ihnen Gott gibt. Das ist in der Zeit der Wohlfahrt und Prosperität kaum gefragt. Fragen Sie mal einen Millionär, dessen Ehe funktioniert und dessen Kinder glücklich sind nach Gott. Der redet nicht darüber. Vielleicht ist das ein Naturgesetz, aber ich will Leid und Existenz Gottes nicht gegeneinander ausspielen. Wenn Menschen Gott suchen, sollen sie zu den Armen und Leidenden gehen - da ist die Chance am größten, ihn zu finden.

Zur Person

Christian Naton...

  • ... stammt aus dem Stadtteil Dortmund-Brechten und wuchs in einer Familie mit sechs Geschwistern auf.
  • ... ist BVB-Fan, geht aber eigentlich nicht mehr ins Stadion - anders als früher. Die WM-Vergabe nach Katar hat für eine große Distanz zum Profifußball gesorgt, sagt er. „So eine Korruptionsgeschichte darf man gar nicht mehr mitmachen. Dass die Profiklubs nichts dagegen tun, hat mich sehr enttäuscht.“ Er will gern im Frühjahr auf die Castrop-Rauxeler Sportplätze zu den Amateuren gehen.
  • ... studierte einst Theologie zusammen mit seinem heutigen Chef Winfried Grohsmann, dem Pfarrer des Pastoralverbundes Süd, und Markus Ueter, ebenfalls Pastor in der Groß-Gemeinde, in Paderborn.
  • ... spielte in seiner Studienzeit in einer Band mit Markus Ueter, seinem heutigen Pastoren-Kollegen in Castrop-Rauxel. Naton spielt Gitarre und war Lead-Sänger.
  • ... war zweimal verliebt, ehe er dem Ruf folgte, Priester zu werden. „Der war stärker“, sagt er.

Gott suchen: In der gesellschaftlichen Entwicklung muss man die Frage stellen, wer das eigentlich noch tun will. Statistisch ist nur noch ein Drittel der Bevölkerung in Castrop-Rauxel katholisch. Vor 15 Jahren waren es noch 40 Prozent. Bereitet Ihnen diese Entwicklung großes Kopfzerbrechen?

Die Frage möchte ich präzisieren: Gottsuche ist das eine, Konfession das andere. Sie finden auch in den anderen Konfessionen und Religionen Gottsucher - bei Moslems, Hindus. Selbst bei Agnostikern, die sagen, es gebe keinen Gott, gibt es noch die Sinnsuche, die oft eine unbewusste Gottsuche ist. Grundsätzlich macht mir Kopfzerbrechen, dass die Christen in Deutschland weniger werden. Weltweit wächst das Christentum ja, aber wie alle Religionen, darum müssen wir darauf nicht stolz sein. In Deutschland werden nicht nur die Kirchen kleiner, sondern auch die Kompetenz, die Sinnfrage zu stellen und mit Religion umzugehen. Viele Getaufte wissen wenig über ihren Glauben und haben von ihrer Hoffnung, die sie beseelen sollte, keine Ahnung. Und wenn diese Hoffnung und dieses Vertrauen, dass es einen liebenden Gott gibt, nicht verstanden wird, dann hat das, was eine Konfession anbietet, wenig Reiz. Dieser religiöse Analphabetismus, wie einige sagen, sorgt für viele Probleme. Auf diesem Themenfeld will ich gern ackern. Ich möchte Menschen Sehnsucht einpflanzen. Insofern ist eine krisenhafte Gesellschaft, wo das alles brüchig ist, sogar interessanter als eine Hochburg des Katholizismus, wo alle selbstverständlich katholisch sind, alles super ist und alle „Papst hurra!“ rufen. Das ist wenig spannend - dann lieber hier in so einer kritischeren Ecke, wo man sich sicher sein kann, dass nichts selbstverständlich ist. Das ist spannender.

„In jeder Gemeinde muss ich neu sortieren: Wen kann ich ansprechen?“

Haben Sie da eine genaue Zielgruppe vor Augen? Wahrscheinlich predigen Sie sonntags vor allem vor Leuten über 60, vielleicht sogar über 70 Jahren, und die unter 40 Jahren sucht man mit der Lupe. Was ist die Kernbotschaft?

Das stimmt nicht ganz. Wir haben neulich neue junge Messdiener aufgenommen, in dieser kleinen Gemeinde sind es über 20. In St. Elisabeth war kürzlich die Kirche mit sehr vielen Kindern und jungen Eltern voll. Aber tendenziell haben Sie natürlich Recht: Der Sonntagsgottesdienst bindet eher die Älteren. Die Zielgruppe muss natürlich über die Gottesdienstgemeinde hinaus gehen. Ich bin noch nicht lange genug hier, um das zu beschreiben. Mit dem Pfarrer ist abgesprochen, dass ich mich im ersten Jahr erst einmal orientiere, bevor ich richtige Schwerpunkte setze. Denn jede Gemeinde ist anders. Zuletzt war ich bei Löhne, Bad Oeynhausen: totale Diaspora katholischerseits, ganz andere Mentalität, auch von der bürgerlichen Prosperität. Dann war ich mal im Sauerland, wo es kreuzkatholisch war. In jeder Gemeinde muss ich neu sortieren: Wen kann ich ansprechen? Ich arbeite sehr gerne mit Familien, mit jungen Eltern, Kindern und Jugendlichen - wobei mir Kinder- und Jugendarbeit vor 20 Jahren leichter gefallen ist als heute, weil ich für die heutige Generation natürlich ein Neandertaler bin und denen nicht mehr so nahe stehe wie den Jugendlichen der 90er-Jahre, deren Welt ich besser kannte. Auch wenn ich kein Fachmann für die Welt der jetzigen Teenager bin, komme ich mit ihnen ins Gespräch. Wir haben demnächst die Vorbereitung auf das Firmsakrament, auf die ich mich freue, mit einem starken Team von Laien, Frauen, die da mitarbeiten und das leitend tragen.
Ich möchte auch gern für Leute da sein, die nicht zur Gemeinde gehören; mit Leuten anderer Religionen ins Gespräch kommen. Aber ich breche das nicht übers Knie, das lassen wir mal langsam wachsen.

Welches Konzept haben Sie für die Kirche im Pastoralverbund Süd, Herr Naton?

Christian Naton: „Es tut der Kirche gut, wenn Franziskus den Fokus auf die Probleme dieser Welt richtet und trotzdem treu beim Evangelium und bei Jesus bleibt.“ © Tobias Weckenbrock

Wir haben hier zwei große Pastoralverbünde in der Stadt, Nord und Süd. Es gibt viele andere Verbünde in der Region. Und es gibt einige, die sich die einzelnen Kirchen anschauen und Schwerpunkte verteilen: eine Jugendkirche, eine für Kinder und Familie, eine ganz klassische, eine für Senioren, die gut an den ÖPNV angeschlossen ist. Ist das für Sie ein Modell, das gut funktionieren könnte? Oder sehen Sie eher, dass ein Dorf mit seiner Kirche weiterhin alles für alle anbieten soll?

Es ist ein echter Spagat. Sie beschreiben das sehr gut, denn genau diese Ansprüche werden an uns gestellt. Wie es nun präzise bei uns im Castrop-Rauxeler Süden gemacht werden kann, kann ich noch nicht beurteilen. Ich weiß, dass die Gemeinden noch sehr sehnsüchtig zurückschauen und sagen: Ach, wäre es doch noch so, dass wir einen Pfarrer, eine Kinder-, eine Jugendarbeit für uns hätten. Gleichzeitig sehe ich aber, dass sich in allen Bereichen des Alltags etwas verändert. Es gibt nicht mehr den Tante-Emma-Laden für das Dorf - Sie fahren selbstverständlich 30 oder 15 Kilometer zum Groß-Discounter. Man ist viel mobiler bei Freizeitverhalten und Arbeitsstelle. So wird es vielleicht auch mal bei den Gemeinden sein. Ich gebe noch keine feste Antwort darauf...

... aber vielleicht haben Sie ja eine Idee oder eigene Vision...

Auf jeden Fall möchte ich, dass es solche Spezialkirchen gibt, dass Leute, die ein Charisma, eine Begabung für Jugendliche oder Obdachlose oder interreligiösen Dialog haben, dass diese einen Ort finden, an dem sie in die Vollen gehen können. Das ist dann in einer Dorfgemeinde nicht machbar. Da ist dann zu viel andere Verantwortung. Auf der anderen Seite träume ich auch davon, dass es eine Zentralgemeinde gibt, wo man immer vorbei kommen kann, wo im Pfarrhaus immer jemand ist und wo man die Nachbarn kennt. Wo die Möglichkeit besteht, von der Wiege bis zur Bahre alle Generationen anzutreffen. Das wird nicht mehr die Regel sein, aber mein Traum wäre schon, dass es vereinzelt noch diese Inseln gibt. In der Antike war das religiöse Christentum in den Städten. Auf dem Land war nichts, da gingen die Missionare ab und zu hin. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das verbessert, möglicherweise kommen wir aber wieder dorthin, wo wir vor 2000 Jahren waren. Kulturbrüche sind meistens bitter, aber sie kommen, ob wir wollen oder nicht, und hinterher geht es weiter.

Es gibt eine junge Castrop-Rauxelerin, die wir vor zwei Wochen bei ihren Vorbereitungen trafen für eine Tour nach Mittelamerika, wo in dieser Woche der Weltjugendtag in Panama läuft. Was kann so ein Event für Kirche bewegen? Oder bedeutet es wenig?

Individuell kann es sehr viel bedeuten. Für manche Jugendliche ist die Teilnahme daran eine Offenbarung gewesen, was den Blick auf die Welt, das Kennenlernen anderer Jugendlicher und Länder angeht als auch für die Gottesfrage. Den Jugendlichen gönne ich das auch. Die Kirche als Institution sollte aber nicht dem Trugschluss erliegen, mit solchen Events die Krise zu überwinden. Ich habe den Weltjugendtag in Köln mit Jugendlichen erlebt und ich weiß, dass sich hinterher in den Gemeinden, aus denen die Jugendlichen kamen, nichts geändert hat. Dass der große Aufbruch kam, die Jugendlichen mit ins große Rad greifen und eine neue Heimat in der Kirche finden - das sehe ich eher nicht. Aber ich muss persönlich auch einräumen: Ich bin kein Event-Mensch und bin immer etwas skeptisch, wenn es zu euphorisch wird. Darum bin ich nicht fair in meiner Bewertung.

„Ich weiß, dass es heftigen Widerstand gegen Papst Franziskus gibt, aber da bete ich wirklich für: Dass ihm nichts passiert.“

Hinter Ihrem Schreibtisch hängt ein Porträtfoto von Papst Franziskus. Wie finden Sie den?

Gut. Ich war völlig überrascht, als er gewählt wurde. Freunde und ich waren damals skeptisch, wie es weiter gehen sollte, weil die Linie von Papst Benedikt in einigen Dingen - nicht in allen - problematisch war, zum Teil sehr bedenklich. Dass das Konklave es geschafft hat, so einen Richtungswechsel vorzunehmen, habe ich nicht erwartet. Ich kann nicht alle theologischen Aussagen bewerten, ich weiß gar nicht alles von ihm - und er hat ja für deutsche Verhältnisse ein sehr konservatives Familienbild -, aber seine Art, allein schon, wie er den Leuten „Buona sera“ zugerufen hat, das Herausgehen aus dieser gewaltigen barocken Liturgiekulisse in eine menschlich nahe Alltäglichkeit sowie die Begeisterung dafür, dass wir uns mit Armut und sozialen Schieflagen auseinandersetzen müssen - davor habe ich großen Respekt. Ich weiß, dass es heftigen Widerstand gegen ihn gibt, aber da bete ich wirklich für: Dass ihm nichts passiert.

Welches Konzept haben Sie für die Kirche im Pastoralverbund Süd, Herr Naton?

Christian Naton im Interview mit RN-Redakteur Tobias Weckenbrock. „Nehmen Sie das doch als Hintergrund“, sagt er und wir machen das Foto mit dem Pfingstmotiv, den lodernden Flammen und der Taube, im Hintergrund. © Tobias Weckenbrock

Widerstand kommt dann vor allem aus der Kurie, aus der festen vatikanisch-kirchlichen Aufstellung - oder was meinen Sie?

Es gibt einen reaktionären Flügel wie in allen sozialen Gruppen. Im Islam, bei den Protestanten, bei Agnostikern - es gibt überall Fundi-Flügel. In der katholischen Kirche sind die Verfechter sauer, weil ihnen gerade Macht entschwindet, die sie vorher hatten. Ich bin selbst in einigen Punkten durchaus konservativ, aber da, wo es fanatisch wird, ist die Bereitschaft da, mit Intrigen und Gewalt die Probleme zu lösen. Das wäre in der Geschichte der Menschheit nicht das erste Mal. Es gab das Attentat auf Johannes-Paul II. aus anderer Richtung - aber jemand, der sich aus dem Fenster lehnt und etwas verändern will, kriegt Widerstand. Das ist ein Naturgesetz, Menschen sind so.

Hat er denn eine Chance, die fundamentalistischen Strömungen zu durchbrechen?

Er hat ja schon viel bewegt, keine Frage. Die fundamentalistischen Kräfte zum Beispiel im Islam sind ja auch wesentlich militanter. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass wir in Deutschland eine völlig andere Mentalität haben und die Religiosität auf den meisten anderen Kontinenten eine tiefere ist, darum bin ich zurückhaltend mit der Bewertung, wer Fundamentalist ist. Hier in Deutschland gilt man ja schon als solcher, wenn man jeden Sonntag in die Kirche geht.
Aber es tut der Kirche gut, wenn Franziskus den Fokus auf die Probleme dieser Welt richtet und trotzdem treu beim Evangelium und bei Jesus bleibt.

„Dass die Christen Europas an Einfluss verlieren, ist logisch, denn den verlieren wir ja auch politisch. Damit kann ich leben, das ist einfach so.“

Ist er zu alt? Hat er bald nicht mehr die Kraft, seine Strategie bis zum Ende zu führen? Und gewinnen dann die reaktionären Kräfte wieder die Oberhand?

Im Alter sehe ich nicht das Problem. Johannes-Paul II. ist ja auch sehr alt geworden und hat lange gewirkt. Es ist ja kein Zufall, dass Franziskus Papst geworden ist. Es muss eine ganze Menge Kirchenleute geben, die das mittragen. Deswegen: Selbst wenn in absehbarer Zeit Papst Franziskus nicht mehr im Amt wäre, habe ich nicht die Angst, dass es ganz nach rechts kippt. Da sind andere Strömungen, die Christen von Afrika werden mehr an Einfluss gewinnen. Dass die Christen Europas an Einfluss verlieren, ist logisch, denn den verlieren wir ja auch politisch. Damit kann ich leben, das ist einfach so.

Was glauben Sie: Wo steht die Kirche, wenn Sie Goldenes Priesterjubiläum feiern?

(lacht) Ich feiere in ein paar Jahren erstmal das silberne. Sie wird noch kleiner sein als heute, ein bisschen weniger reich - und das ist sehr gesund. Sie wird nicht mehr so sehr in der Öffentlichkeit stehen, was ich auch für nicht so schlecht halte. Dass wir so oft in den Medien sind, steht ja in keinem Verhältnis zum Anteil der aktiven Katholiken an der Bevölkerung. Wenn wir weniger prominent sind, können wir trotzdem wirken. In anderen Ländern, wo die Kirche ärmer ist und politisch weniger zu sagen hat, da sind die Gemeinden oft sehr viel lebendiger. Ich habe Christen aus Ruanda kennengelernt, wo es vor Jahren den furchtbaren Bürgerkrieg gab, da hab es ein Gemeindeleben, einen Aufbau, eine Versöhnungsarbeit, die faszinierend sind.
Wir werden in 20, 25 Jahren weniger Anteil an der Bevölkerung haben. Durch die Migration werden viel mehr Kulturen an der katholischen Kirche hier bei uns in den Gemeinden teilhaben. Das wird sie lebendig halten. Ob ich dann noch das Gehalt von jetzt bekomme? Ich stelle mich nicht darauf ein, denn die meisten Priester in der Welt müssen mit deutlich weniger auskommen - und schaffen das auch. Wie viele Kollege ich noch habe, wie viele Leute noch bereit sind, als Mann oder Frau, Kirchendienst wahrzunehmen, weiß ich auch nicht. Aber irgendwie hat der Heilige Geist immer etwas daraus gemacht. Ich bin da nicht pessimistisch.

Sie haben Mann und Frau gesagt: Im Bezug auf Laienarbeit oder auf Frauen im Dienste am Altar?

Ich persönlich hätte nichts dagegen. Ich sehe auch keine biblischen Gründe dafür.

Aber Jesus war doch ein Mann...

(lacht) ... ja, und er war ein beschnittener Jude... Das wäre ein abendfüllendes Thema, aber sagen wir so: Ich hätte kein Problem, zu einer Messe zu gehen, die eine geweihte Priesterin hält, wenn es eine gescheite katholische Messe mit dem Sakrament der Kommunion selber ist. Ich bin mir aber auch sicher, dass uns das nicht rettet. Wenn die katholische Kirche sich für das Frauenpriestertum öffnet, werden eine ganze Reihe konservativer Leute raus gehen. Wir werden aber auch nicht allzu viele Leute dazu bekommen. Den Anglikanern ist das so passiert: Sie haben sich sehr zur liberalen Theologie und Praxis geöffnet und sind leider nach diesem riesigen Schritt von der weltweiten Presse ziemlich ignoriert worden. Ich dachte, jetzt würde jeder den Fokus auf die Anglikaner richten. Sie ringen nun um ihre Existenz.
Ich brauche Frauen als Priester nicht unbedingt nächstes Jahr, aber wenn es nächstes Jahr eingeführt würde, würde ich nicht dagegen protestieren. Für den Erhalt der Kirchen und der lebendigen Gemeinde gibt es aber andere Dinge, die wichtig sind. Die hängen nicht an dieser Frage. Es bleibt die Gottesfrage, die Frage nach Jesus: Wenn sie lebendig bleibt, ist die Form, von der sie umgeben und getragen wird, nicht so wichtig.

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