Wenn alles schon da war, musst Du noch krasser sein: WLT-Stück über einen Amok-Plan

Westfälisches Landestheater

Am 10. Mai wird das Stück zum zweiten und dritten Mal aufgeführt. Es stellt die Frage danach, wie jugendliche Amokläufer ticken. Das WLT spielt „Good Morning, Boys And Girls“. Und so ist es.

Castrop-Rauxel

, 22.04.2019, 08:43 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wenn alles schon da war, musst Du noch krasser sein: WLT-Stück über einen Amok-Plan

Susanne (Sabrina Sauer) und Jens (Adrian Kraege) teilen ihren Frust, hinten Jens‘ Lehrer und Mutter. © Volker Beushausen

Was macht intelligente, sensible Jugendliche zu Mördern, die an ihrer Schule ein Blutbad anrichten? Gab es Alarmzeichen? Wer hat versagt, wenn es zu spät ist? Eltern, Lehrer, Mitschüler? Und wie werden Eltern damit fertig, dass man ihr Kind ein Monster nennt?

Um diese Fragen kreist Juli Zehs „Good Morning, Boys And Girls“, das am Sonntag Premiere am Westfälischen Landestheater (WLT) hatte. Ein vielschichtiges, komplexes Drama für Jugendliche ab 14 Jahren, das zu guten Teilen im Kopfkino des jungen Jens stattfindet, den Adrian Kraege mit einer starken Portion Wut und Weltekel spielt.

Wie er Nazischweine und Öl-Augen abknallte

Im Schulaufsatz fantasiert Jens einen Gewaltfilm herbei, in dem er „Nazischweine“ und „Öl-Augen“ (Türken) hinrichtet. Dort sieht er sich als eiskalten Vollstrecker auf den Spuren einer endlosen Liste anderer Amokschützen, die Julius Schleheck (als Jens‘ Vater) in das Stück einstreut.

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„Wenn alles schon da war, musst Du eben noch krasser sein“, sagt Jens zu seiner Mitschülerin Susanne (Sabrina Sauer). Sie ist die Einzige, die er in seine Seele blicken lässt und ins Vertrauen zieht. Andere, der Lehrer (Felix Zimmermann), Jens‘ Vater und seine Mutter (Edda Lina Janz) halten die Planspiele des Jungen für pubertäre Fantasien. Der Pauker will seinen Schüler pädagogisch „einhegen“, er ahnt nicht, wie konkret dessen Absichten sind.

Ein Film, mit dem er ein Fanal setzen will

Morde von Amoktätern passieren nicht im Affekt, immer geht minutiöse Planung voraus. Jens gefällt sich als Regisseur eines Films, mit dem er ein Fanal setzen will. Vor seinem Auge imaginiert er die Medienmeute, die seine Eltern interviewt, er sieht voraus, wie seine Mutter „Er war ein lieber Junge“ stammelt.

Jens ist eine tickende Bombe, eindringlich bricht das Stück seine Gefühlswelt auf. Ja, er ist ein Außenseiter, der Ballerspiele mag, aber da ist noch mehr. Regisseur Ralf Ebeling vertraut mit Recht auf Juli Zehs klugen Text, der im Wechselchor gesprochen wird und in seinen Facetten ein Gesamtbild ergibt.

Große Intensität, dramaturgische Dichte

Ausstatter Jeremias H. Vondrlik hat den Darstellern kleine Kammern gebaut, in denen sie (wie in einem zu engen Leben) hocken, Adrian Kraege und Sabrina Sauer agieren davor um ein Podest. Eine Inszenierung von dramaturgischer Dichte und großer Intensität, auch sprachlich nah am Leben. Sehenswert.

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