Wie ein Castrop-Rauxeler sein Zuhause verlor

Neue Wohnung gesucht

Viele würden Andreas Schmidt* als Obdachlosen bezeichnen, „aber ich bin heimsuchend“, sagt der Castrop-Rauxeler. Das Dach über seinem Kopf ist das Dach der ehemaligen Friedrich-Harkort-Schule. Darunter leben Menschen aus über einem Dutzend Nationen. Schmidt verlor sein Zuhause - aber nie die Hoffnung.

CASTROP-RAUXEL

, 31.12.2016, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wie ein Castrop-Rauxeler sein Zuhause verlor

Die ehemalige Friedrich-Harkort-Schule an der Wittener Straße ist aktuell Andreas Schmidts Bleibe.

„60 Jahre lang habe ich ein normales, glückliches Leben geführt“, sagt der 62-jährige Mann. Er ist 1,92 Meter groß und wog bei seinem Einzug in die Unterkunft nur noch 74 Kilo. Weil viel passiert war. Weil er keinen Appetit mehr hatte. „Ich bin Diplomvolkswirt, war selbstständig, hatte eine Versicherungsagentur. War erfolgreich. Habe nebenbei Hunde gezüchtet.“ Doch dann kamen die Krankheiten.

„Ich bin seit 17 Jahren Diabetiker“, sagt Andreas Schmidt, „seit vier Jahren auf dem linken Auge fast blind und seit rund zwei Jahren auch noch Dialyse-Patient.“ All das zehrte an Schmidts Kräften. Es warf seine Pläne über den Haufen. Hinzu kamen Mietnomaden, durch die er „eine Riesensumme Geld“ eingebüßt hat.

Und dann stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür

Mit 60 Jahren konnte der Castrop-Rauxeler seinen Beruf nicht mehr ausüben, das Ersparte war irgendwann aufgebraucht, eins kam zum anderen – und dann, am 27. Oktober, stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür. „Meine schöne, große Wohnung wurde leer geräumt“, sagt Andreas Schmidt.

„Und ich – ich kam hierher.“ In die ehemalige Friedrich-Harkort-Schule. Wo aktuell sechs in Not geratene Castrop-Rauxeler mit 69 Menschen verschiedenster Nationen zusammenleben, von denen viele aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Schmidt hilft lieber, als Hilfe anzunehmen

„Die kulturelle Vielfalt in meiner neuen Bleibe ist absolut bereichernd“, sagt Andreas Schmidt, der keinerlei WG-Erfahrung hatte und sich jetzt mit einem 18-Jährigen und einem 52-Jährigen ein Zimmer teilt. „Für den jungen Mann in meiner Herren-WG bin ich ein bisschen wie ein Vater, ich hole ihn auf den Boden zurück, wenn er in seiner jugendlichen Unbesonnenheit mal übers Ziel hinausschießt“, sagt Schmidt. 

„Und wenn ich den Kindern meiner Nachbarn beim Deutschlernen oder Schuhezubinden helfen kann, dann freut mich das.“ Andreas Schmidt komme klar mit seiner Situation, sagt er. Er sei dankbar für die Hilfe, die er bekommt – auch wenn er lieber Hilfe gebe als annehme.

"Dann wurde ich hier eingelagert"

Der Anfang unter dem neuen Dach sei alles andere als einfach gewesen. „Wenn es zu einer Zwangsräumung kommt“, so schildert es Susanne Köhler, Abteilungsleiterin der städtischen Fachstelle für Asylbewerber und Obdachlose, „bekommt die Stadt eine Nachricht. Dann wird versucht, die Zwangsräumung abzuwenden – was meistens, aber nicht immer gelingt.“

Von einem der städtischen Mitarbeiter bekam Andreas Schmidt die Adresse der ehemaligen Harkort-Schule – noch am Tag der Zwangsräumung. „Ich sollte mich bis 17 Uhr melden. Das tat ich – und dann wurde ich hier eingelagert. Im Schockzustand. Ich war am Boden zerstört.“

"Ich bin gläubig und ich glaube, dass alles seinen Sinn hat"

Aber Andreas Schmidt hat den Schock überwunden. Hat nach vorne gesehen. „Ich bin immer der gewesen, der sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht“, sagt der 62-Jährige. „Ich habe nie gedacht ‚Ich will nicht mehr’ – und ich habe mich auch nie gefragt: ‚Warum ich?‘ Ich bin gläubig und ich glaube, dass alles seinen Sinn hat.“

Dabei geholfen, den ersten Schock zu überwinden, haben ihm Unterkunftsleiterin Martina Wagener und ihr Team, das „sehr respektvoll“ gewesen sei und ihn „aufpäppelte“, wie er sagt. Und seine Freunde. „Meinen engen Freundeskreis kenne ich über 40 Jahre“, sagt Schmidt.

„Jeder von uns hatte mal Problemphasen – und jeder von uns ist immer für die anderen da.“ Alle zwei Wochen treffen sich die Freunde: reden, spielen Karten, kochen. „Nur, dass ich sie grad nicht intensiver einspanne, dafür schelten mich die anderen.“

Schmidt will kein "Heimsuchender" mehr sein

Und dann sind da noch Schmidts 18-jähriger Sohn und Schmidts Freundin, die in Budapest lebt und ihm „viel Kraft gibt“. Sie hatte alles daran gesetzt, dass sich jemand um ihren Freund kümmert, als sie von der Zwangsräumung erfuhr. „Und sie wünscht sich fast mehr als ich, dass ich eine neue Wohnung finde“, sagt Schmidt. Der 62-Jährige will kein Heimsuchender mehr sein. Er will endlich ein Heim finden.

Wer eine kleine, bezahlbare Wohnung besitzt und sich Andreas Schmidt gut als Mieter vorstellen kann, kann sich per melden. 

*Name von der Redaktion geändert

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