Zwischen Plastikwänden saßen die Politiker: In der ersten Reihe v.l. die Vertreter von Linken, SPD (3), Grüne (2), FDP, Die Fraktion, FWI und CDU (3). © Stadt Castrop-Rauxel
Stadtrats-Glosse

Wie sich ein Ratsmitglied den Platz in der ersten Reihe „erkaufen“ wollte

Kann man sich einen Platz in der ersten Reihe erkaufen? Warum will ein Ratsherr erst in die erste, dann in die letzte Reihe? Was hat das mit Geschichtsunterricht zu tun? Ein amüsanter Ratsauftakt.

Eigentlich war ein millionenschweres Thema Anlass für die Sondersitzung des Rates am Donnerstag. Bevor es aber um den Haushalt der Stadt Castrop-Rauxel für 2022 ging, stand auf Platz 2 der Tagesordnung ein wahrhaft wichtiges Thema: die Sitzordnung.

Dazu muss man wissen, dass es erstmals nach Corona zurück in den Ratssaal im Rathaus ging. Nebenbei: Ob das ein Fortschritt ist? Manchmal ist Normalität doch nicht die bessere Alternative zu den Corona-Bedingungen.

Statt in der luftigen Europahalle wie in den vergangenen Monaten fanden sich die 52 Ratsmitglieder erstmals wieder im Ratssaal und dann zwischen engen Plastikwänden wieder. „Ich traue mich kaum zu atmen“, sagte FDP-Schwergewicht Nils Bettinger und zog es vor, vom Platz aus zu reden, statt sich mühsam den Weg zum Rednerpult zu bahnen.

Seit der Kommunalwahl gibt es eine Fraktion mehr im Rat

12 Plätze in der ersten Reihe, 18 in der zweiten und 24 (davon 22 besetzte) Plätze in der dritten Reihe. Dazu acht Fraktionen statt sieben wie vor der Kommunalwahl 2020. Wer sitzt wo und neben wem? Ein offenbar schwieriges Thema. Dazu soll es kurzfristig noch Änderungswünsche gegeben haben. Deshalb gab es von der Verwaltung noch eine Tischvorlage. Und die gefiel allen: Nur einem nicht.

Thomas Schmidt (UBP) beschwerte sich: Als Fraktionsvorsitzender habe er als einziger keinen Platz in der ersten Reihe. Und das als viertstärkste Fraktion: „Eine Unverschämtheit“, kommentierte er. „Ich weiß, warum Sie das machen“, sagte er, „aber das war anders im Vorfeld besprochen“.

Andreas Kemna als Chef der„Fraktion“ sorgte für Aufklärung über die „Hinterzimmerpolitik vom Feinsten“, wie er es am Donnerstag nach der Sitzung bei Facebook beschrieb. Im Rat sagte er: „Wir haben uns den Platz ehrlich erkauft.“ Leises Gelächter. Und warum Thomas Schmidt überhaupt in die erste Reihe wolle… Er habe doch beim Geschichtsunterricht in der Schule sicher auch nicht in der ersten Reihe gesessen. Damit spielte Kemna darauf an, dass die UBP politisch eher auf der rechten Seite des politischen Spektrums angesiedelt wird. Die Bemerkung amüsierte die Politiker jedenfalls.

Wer hat was im Leistungskurs Geschichte gelernt?

Nun ist das mit dem Geschichtsunterricht ja so eine Sache. Schmidt und Kemna haben daraus wohl ganz unterschiedlichen Gewinn gezogen. Denn, so merkte der UBP-Politiker mit einem Seitenhieb an, man habe ja gemeinsam im Leistungskurs Geschichte gesessen. Und er offenbar im Gegensatz zu Kemna in der ersten Reihe. Wer sitzt neben wem, dieser Diskurs begleitet halt durchs Leben.

Andreas Kemna, mit seiner Spaß-Partei vor einem Jahr als achte Fraktion in den Rat gewählt, bewies, dass mit ihm Hinterzimmerpolitik eine gefährliche Sache ist. Erst im Rat und später auf Facebook schilderte er, wie er sich den Platz in der ersten Reihe „erkauft“ habe. „Also fragten wir bei der SPD an, was uns ein Platz vorn kosten würde. Der genannte Preis war uns nicht zu hoch, sodass wir ihn zu zahlen bereit waren. Wir können halt auch schmierige Hinterzimmerpolitik“, schrieb er auf Facebook begleitet von einem Zwinker-Smiley.

Die Aufklärung kam unter Tagesordnungspunkt 8. Per Dringlichkeitsantrag hatte die SPD kurzfristig noch eine Gremiumsumbesetzung im Verwaltungsrat des Stadtbetriebs EUV beantragt. Neu soll dort der Sachkundige Bürger Marcus Pelzing für die SPD eintreten. Dafür gibt Marcus Liedschulte, zweites Rats-Mitglied der „Fraktion“, den Platz auf.

Sitz im EUV-Verwaltungsrat „ehrenhaft ergaunert“

Oder um Andreas Kemna zu zitieren: „Die SPD bekam im Gegenzug ihren Platz im EUV-Verwaltungsrat zurück, den wir uns seinerzeit bei der Besetzung der Ausschussvorsitze ehrenhaft ergaunert hatten.“

Unterstützung für Thomas Schmidts Anliegen kam übrigens nur von Nils Bettinger: „Aus demokratischer Sicht ist es schwierig, wenn alle Fraktionen in der ersten Reihe sitzen und nur eine nicht.“ Daniel Molloisch (SPD) erklärte zur Sitzordnung, die SPD-Fraktion sei bereit gewesen, einen Platz, den sie auf jeden Fall vorne hätte, abzugeben: „Wir sind 20 und wir haben Zweier-Fraktionen, mehrere.“

Schmidt hatte dann noch einen Änderungsantrag. Dann wolle man es gleich richtig machen: „Dann setzen Sie uns beide bitte in die dritte Reihe, dann können wir uns wenigsten mittendrin mal absprechen.“ So geschah es dann auch. Der Platztausch wurde sofort vollzogen. Thomas Schmidt und Demis Theodorakis machen für die UBP jetzt Politik aus der letzten Reihe.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen