Wie sich Rechtsextremisten in der heutigen Zeit neue Zielgruppen erschließen

rnRechtsextremismus

Thomas Pfeiffer hielt Montag einen Vortrag bei der VHS. Wir sprachen mit dem Experten vom NRW-Verfassungsschutz über die rechte Szene und ihre gefährliche, zum Teil neue Strategie.

Castrop-Rauxel

, 22.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Erlebniswelt Rechtsextremismus: Zu diesem Thema war in dieser Woche Dr. Thomas Pfeiffer zu Gast bei der Volkshochschule. Er ist beim Verfassungsschutz NRW und an der Ruhr-Universität Bochum tätig und kennt die „Szene im neuen Gewand“, so der Untertitel seines Vortrages, sehr genau. Wie geht sie vor? Wo finden wir sie? Unser Mitarbeiter Christian Püls, der vor Jahren ein Seminar bei Pfeiffer besuchte, sprach mit ihm über die rechtsextreme Szene in der Region, ihre Anziehungskraft für Jugendliche und wie man reagieren kann, falls jemand abdriftet.

Herr Pfeiffer, als ich 2002 bei Ihnen als Student ein Seminar besuchte, ging es um Rechtsextremismus im Internet. Damals enthielt die Einführungsliteratur noch ein Glossar, das Begriffe wie E-Mail, Chat und MP3 erklärte. Das ist inzwischen Alltagssprachgebrauch. Sind Rechtsextreme im Netz alltäglich?

Das Netz ist sicher nicht in erster Linie von Rechtsextremisten geprägt. Aber sie sind insofern alltäglich, als das Internet für Rechtsextremisten das Medium Nummer eins geworden ist, aus einer ganzen Reihe von Gründen. Rechtsextremisten sind fast am ersten Tag, als das Internet für die breite Öffentlichkeit zur Verfügung stand, dort auch aktiv geworden, weil sie wussten was sie sich davon versprechen können: bessere Vernetzung nach innen und zusätzliche Möglichkeiten, ihre Inhalte nach außen zu transportieren.

Rechtsextremisten richten sich seit längerer Zeit vor allem an jüngere Zielgruppen. Der Einstieg liegt heutzutage meist bei 13 bis 15 Jahren. Und wenn ich diese Zielgruppe passgenau ansprechen möchte, ist das Internet das Medium der Wahl – weil Jugendliche dort unterwegs sind. Weil es mir ermöglicht, mich modern zu geben, mich multimedial zu präsentieren, wird mein Inhalt interessanter. Vielleicht auch unterhaltender, näher an dem, was Jugendliche interessiert. Wir erleben also Rechtsextremisten, die mit Musik und Videos im Internet unterwegs sind. Mit der ganzen Bandbreite von Bildern. Die Videos sind häufig gezielt so gemacht, dass sich Jugendliche angesprochen fühlen. Nicht zuletzt darin liegt die Gefahr.

Wie sich Rechtsextremisten in der heutigen Zeit neue Zielgruppen erschließen

Schmierereien aus dem Jahr 2018 im Stadtgebiet: Neonazis oder Rechtsextreme... © Tobias Weckenbrock

Die Erlebniswelt Rechtsextremismus beschränkt sich nicht allein aufs Internet, oder?

Die Erlebniswelt des Rechtsextremismus gibt es in der realen Welt und es gibt sie im Internet. Beide sind zum Teil eng miteinander verbunden. Rechtsextremisten präsentieren im Netz alles, was sie in der Real-Welt tun, werbewirksam. Das heißt unter anderem Konzerte, Festivals, Kampfsportveranstaltungen, Demonstrationen. Alles, was die Erlebniswelt Rechtsextremismus ausmacht, findet man im Netz. Das führt dazu, dass Rechtsextremismus für die Zielgruppe leichter erreichbar ist als früher. Es sind ein paar Klicks. Darauf muss sich die Arbeit mit Jugendlichen einstellen.

Um wen geworben wird, wissen wir nun. Wer wirbt da?

Um wen geworben wird, kann man noch genauer sagen. Die Gruppen, die Rechtsextremisten erreichen wollen, sind breiter als in der Vergangenheit. Das zeigt sich auch im Netz. Wenn es bis in die 1990er-Jahre hinein überwiegend um eine männliche, oft gewaltaffine Klientel ging, haben wir heute Angebote im Netz, die sich mindestens so sehr an Frauen und Mädchen richten. Auf diese Weise möchten sich Rechtsextremisten neue Zielgruppen erschließen. Wir finden Darstellungen, in denen praktisch nichts mehr unmittelbar an Nationalsozialismus erinnert. Rassismus, Ausgrenzung und Feindbilder sind aber nach wie vor zentral. Es geht zum Teil auch um Zielgruppen, die formal höher gebildet sind, beispielsweise Studierende.

Wer tut es? Es gibt so gut wie keine rechtsextremistische Vereinigung, die nicht das Internet aufsuchen würde. Das heißt, die Landschaft des Rechtsextremismus ist so breit wie der Rechtsextremismus insgesamt. Das sind die Parteien, die NPD beispielsweise, oder „Die Rechte“, die Partei „Der dritte Weg“; das sind Musikgruppen vom klassischen Rechtsrock bis zum Rap, all das wird man in Musikvideos finden. Das ist die ganze Bandbreite der Verschwörungstheorien, auch verbunden mit denen der Reichsbürger, vielfach antisemitisch.

Wie sich Rechtsextremisten in der heutigen Zeit neue Zielgruppen erschließen

Laut Thomas Pfeiffer ist das Internet für Rechtsextremisten das Medium Nummer eins geworden. © Christian Püls

Wir hatten 2018 verstärkt Schmierereien im Stadtgebiet, vor allem angrenzend zu Dortmund: „Nazi Zone“, „NS Zone“, „88“ und die Reichskriegsflagge waren darunter. Viele können die 88 als rechtsextreme Chiffre entziffern: Es steht für den achten Buchstaben des Alphabets, was HH bedeuten würde, also „Heil Hitler“. Was hat es mit der „Zone“ auf sich?

Rechtsextremisten versuchen, Machtpositionen einzunehmen. Das tun sie im Netz, indem sie ihre Stärke, ihre Dynamik überhöhen. Und das tun sie in der realen Welt. In öffentlichen Räumen versuchen sie, nicht nur Präsenz zu zeigen, sondern auch dominant zu wirken. Mit Begriffen wie Nazizone oder Nazikiez versucht man, eine Sphäre zu umreißen, in der sie vermeintlich den Ton angeben, das Heft in der Hand haben. Macht zu demonstrieren und Machtgefühle anzubieten zählen zu dem, was Rechtsextremismus für bestimmte Jugendliche verführerisch machen kann.

Wie sich Rechtsextremisten in der heutigen Zeit neue Zielgruppen erschließen

... hinterließen eine Spur im öffentlichen Bild, die (zumindest teilweise) bereinigt wurde. © Tobias Weckenbrock

Zurück zum Kernthema des Seminars. Diese Erlebniswelt, wie sieht sie überhaupt aus?

Ich meine mit Erlebniswelt erst mal alles, mit dem sich Rechtsextremisten gezielt an Jugendliche wenden. Rechtsextremisten versuchen seit einiger Zeit, ihre Programme so zu präsentieren, dass sie bei der Altersgruppe Anklang finden. Sie geben sich einen modernen, subversiven, rebellischen Touch und möchten damit auf sich aufmerksam machen. Zur Erlebniswelt Rechtsextremismus wird es dann, wenn sich die Inhalte, also menschenverachtende, rassistische und nationalsozialistische Inhalte mit Formen verbinden, die Freizeitwert und Gemeinschaft versprechen. Sie sprechen also das Gefühl an, zu etwas Wichtigem, Großen, Bedeutsamen zu gehören. Auch andere zu dominieren, Macht über andere zu gewinnen. Gefühl, Inhalt und Form sind ganz eng verbunden.

Rechtsextremisten versprechen Anerkennung: Du bist wer, wenn du in unseren Kreisen unterwegs bist. Wir nehmen dich ernst, bei uns gehörst du vorbehaltlos dazu. Das ist nicht die Realität dieser Szene, aber das ist das Werbeversprechen. Werbemuster, mit denen man versucht, Jugendliche zu erreichen, die möglicherweise genau danach suchen.

Kann man Parallelen zum „Islamischen Staat“ ziehen? Der galt ja mal eine Weile als Weltmarktführer, was menschenverachtende Propaganda angeht, und hat sich ja auch vornehmlich an Jugendliche oder junge Erwachsene gerichtet.

Ich selbst bin kein Experte für den „Islamischen Staat“, aber vieles spricht dafür, dass die grundlegenden Motive, sich islamistischen Gruppen und rechtsextremistischen Gruppen anzunähern, ähnlich sein können: die Suche nach Gemeinschaft, Anerkennung, Zugehörigkeit, Klarheit, Orientierung in einer unübersichtlichen Welt, Verschwörungstheorien, die die Welt einfacher machen. Sie bieten klare Feindbilder an, wer für das verantwortlich ist, was möglicherweise in meinem eigenen Leben nicht gelingt. Motive und Formeln können sich ähneln. Moderne Auftritte im Internet finden wir in beiden Bereichen. Sie haben inhaltlich mit der Moderne, mit der offenen Gesellschaft aber nichts zu tun. Die Ausdrucksformen der Propaganda sind oft die des 21. Jahrhunderts.

Der Mann und das Buch

Erlebniswelt Rechtsextremismus

Wie merken Eltern, dass ihre Kinder in eine radikale Richtung abdriften?

Eine Faustformel gibt es nicht. Wenn Eltern mit ihren Kindern im Gespräch bleiben und sich dafür interessieren, was sie im Internet tun oder welche Musik sie hören, dann können Eltern Veränderungen bei Tochter oder Sohn eher feststellen.

Wie reagiert man darauf?

Wenn Eltern die Vermutung haben, dass eine Annäherung ihres Kindes an den Rechtsextremismus stattfinden könnte, sollten sie es ernst nehmen. Sie können sich an die Elternberatung zu diesem Thema wenden, ein dezentrales Netzwerk in NRW mit einer Hotline in Düsseldorf. Auch Lehrerinnen und Lehrer können sich dort informieren. Falls jemand bereits fester in rechtsextremistischen Kreisen verankert ist, helfen Aussteigerprogramme. Alle Kontaktmöglichkeiten zu solchen Angeboten finden sich auf der Website www.nrweltoffen.de.

Wie kann ich der Masche und den Argumenten wirksam etwas entgegensetzen?

Es wird kaum möglich sein, Parolen mit einem Satz den Wind aus den Segeln nehmen. Es lohnt sich aber praktisch immer zu widersprechen, damit pauschale Behauptungen und Vorurteile nicht als normal gelten können. Wenn Jugendliche rechtsextremistische Orientierungen zeigen, ist es auch wichtig, nach den Motiven zu suchen, die dahinterstehen.

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