Wie viele Betten auf den Intensivstationen im Kreis sind frei? © dpa
Coronavirus

Wie viele Intensivbetten sind frei? Ärger um unterschiedliche Angaben

Waren am Freitag wirklich nur 12 Betten auf Intensivstationen im Kreis Recklinghausen frei? Oder viel mehr? Offizielle Angaben gehen in dieser wichtigen Frage auseinander. Eine Spurensuche.

Einen Rekord an Corona-Patienten auf den Intensivstationen im Kreis Recklinghausen hat unsere Redaktion am Dienstagmorgen gemeldet. Berufen haben wir uns auf die offiziellen Zahlen des Intensivregisters (Divi). In der Übersicht hieß es aber auch, es gebe noch eine große Zahl freier Betten. 36, um genau zu sein, doch in den vergangenen Tagen waren es nie deutlich weniger.

Diese Meldung stand allerdings in Widerspruch zu dem, was der Kreis Recklinghausen vergangenen Freitag (16.4.) verlautbart hatte. Er hatte sich unter anderem auf die dramatische Lage in den Krankenhäusern berufen, um die Fortsetzung des Distanzunterrichts für diese Woche beim Land zu erwirken und zu begründen.

So heißt es am Freitag letztlich in der Allgemeinverfügung des Kreises: Es sei wichtig, weiterhin am Distanzunterricht festzuhalten, da es gerade unter Jüngeren deutlich mehr Ansteckungen gebe.

Bürgermeister zeigte sich sehr besorgt

Und weiter: „Dies gilt auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Auslastung der Krankenhäuser einschließlich der Intensivbetten im Kreisgebiet (seit heute sind lediglich noch 12 Intensivbetten im Kreis Recklinghausen verfügbar).“ Am Donnerstag (15.4.) sollen es laut Stadt Castrop-Rauxel unter Berufung auf den Kreis 17 Betten gewesen sein.

Bürgermeister Rajko Kravanja zeigte sich gerade mit Blick auf die Lage in den Krankenhäusern im Gespräch mit uns am Freitag sehr besorgt. Dass das Land den Distanzunterricht zunächst nicht erlaubten wollte, kommentierte Kravanja mit: „Wahnsinn. Einfach Wahnsinn.“ Schließlich segnete die Landesregierung die Allgemeinverfügung aber ab und erlaubte den Distanzunterricht.


Das Divi-Register führt mehr freie Betten an

12 beziehungsweise 17 freie Betten. Das ist wenig. Nur: Im Divi-Register, das bundesweit die freien Intensivbetten erfasst, sind andere Zahlen gelistet. Und die sind höher: Demnach sollen am besagten Freitag 30 Intensivbetten im Kreis frei gewesen sein und am Donnerstag 33. Insgesamt waren laut Divi seit Anfang des Jahres nie weniger als 22 Betten frei.

Dieser Umstand fiel am Dienstag auch dem Castrop-Rauxeler FDP-Politiker Nils Bettinger auf. „Stimmt denn gar nichts von dem, was der Bürgermeister noch kürzlich so empört in den RN von sich gab?“, kommentierte Bettinger bei Facebook angesichts der Tatsache, dass sich Rajko Kravanja am Freitag im Gespräch mit der Redaktion zum einen auf die 12 freien Betten berufen hatte, zum anderen auf die nahende Inzidenz von 200. Tatsächlich lag die Inzidenz im Kreis Recklinghausen aber noch an keinem einzigen Tag bei mehr als 200.

Seine Kritik erweiterte er noch: Auch an anderer Stelle sei der Bürgermeister „schwer übers Ziel hinausgeschossen. „Aus unserer Sicht hatten BM und Landrat schlicht das Verfahren nicht im Griff.“ Er ärgere sich vor allem darüber, dass der Bürgermeister das von FDP-Politikerin Yvonne Gebauer geführte Schulministerium angreife und sich dann herausstelle, „das wesentliche Anwürfe nicht korrekt waren“.

Kreis kann Differenz nicht aufklären

Und weiter: „Nur weil das Schulministerium aus Sicht Einzelner eine schlechte Performance hat, kann man es nicht nach Belieben für alles verantwortlich machen.“

Wie es zu den unterschiedlichen Zahlen kam, konnte der Kreis Recklinghausen am Dienstag nicht aufklären. Sondern nur, wie er auf seine Zahlen kommt – und das sei „denkbar einfach“, wie Sprecherin Svenja Küchmeister auf Anfrage sagte: Alle Krankenhäuser im Kreis melden ihre freien Intensivbetten an die Kreisleitstelle der Feuerwehr in Recklinghausen. Denn dort werden die Rettungsdienstfahrten im ganzen Kreis koordiniert.

„Die Zahlen sind immer aktuell und verlässlich“, versichert Küchmeister. Alles andere wäre fatal: Der Rettungsdienst müsse schließlich wissen, wo er Patienten hinbringen kann. Sonst stünde er im schlimmsten Fall mit einem Herzinfarkt vor einem Krankenhaus und würde abgewiesen.

Kreisdaten sind Grundlage für den Krisenstab

Diese Daten aus den eigenen Krankenhausberichten seien Grundlage für den Krisenstab des Kreises und damit auch für dessen Handeln. Und am Freitag, als Kreis und Städte so vehement für weiteren Distanzunterricht kämpften, hätte der Rettungsdienst de facto nur noch 12 Intensivpatienten im Kreis unterbringen können, so Küchmeister.

Inwieweit man die kreiseigenen Meldungen mit dem Divi-Register vergleichen kann, wisse sie nicht, sagt die Kreissprecherin. Insgesamt sei es aber schwierig, immer ganz präzise Bettenzahlen zu nennen. So könne es sein, dass ein Bett in einem Zweibett-Zimmer theoretisch frei ist, aber praktisch nicht belegt werden kann, weil Corona-Patienten, die sich mit einer Mutation infiziert haben, allein in einem Zimmer liegen müssten. Auch schwanke die Zahl der belegten Betten immer leicht binnen eines Tages.

Alle Kliniken müssen jeden Tag Meldung fürs Divi-Register machen

Bei den Betreibern des Divi-Registers, der deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und dem Robert-Koch-Institut (RKI), ist man am Dienstag auf Anfrage ebenfalls erstmal ratlos, wie es zu so unterschiedlichen Angaben kommen kann. Fakt ist: Alle Kliniken mit Intensivstationen sind verpflichtet, jeden Tag bis 12 Uhr ihre freien Betten an das Register zu melden, erklärt Jochen Albrecht, Pressesprecher des Divi-Registers. Das ist seit April 2020 gesetzlich festgelegt. Das RKI wolle den Abweichungen auf den Grund gehen, sagt Albrecht. Eine Antwort steht noch aus.

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Ist fürs Journalistik-Studium vor 20 Jahren nach Dortmund gezogen und hat danach jahrelang in der Nachrichtenredaktion gearbeitet. Lebt schon lange im Dortmunder Westen und freut sich, hier und in Castrop-Rauxel auch journalistisch unterwegs zu sein.
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Natascha Jaschinski
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