Wieder ein Hund tot: Wie groß ist das Rattengift-Problem in Castrop-Rauxel wirklich?

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Immer wieder tauchen in den sozialen Netzwerken Fälle von vergifteten Hunden in Castrop-Rauxel auf. Gibt es also eine Serie von Rattengift-Attacken? Wir haben uns umgehört.

Castrop-Rauxel

, 22.02.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es will scheinbar nicht aufhören. Wieder ist ein Hund in Castrop-Rauxel wohl Opfer von Rattengift geworden. Der Fall wurde am Wochenende in der Facebook-Gruppe „Du bist Castroper, wenn...“ bekannt. Bereits am vergangenen Donnerstag soll Hund „Oskar“ demnach beim Tierarzt verendet sein. Qualvoll erstickt infolge einer Vergiftung. „So wie es aussieht im eigenen Garten“, schreibt die Besitzerin in dem sozialen Netzwerk und warnt andere Hundehalter: „Passt auf eure Fellnasen auf.“

Blaues Granulat an der Rennbahn gefunden

Eine durchaus begründete Warnung, schaut man einmal auf die vergangenen Wochen zurück. Mitte Januar musste zunächst Labrador-Hündin Luna eingeschläfert werden. Sie hatte beim Gassigehen an der Pferderennbahn Rattengift gefressen. Blaues Granulat wurde hier später gefunden - vermutlich böswillig ausgelegt.

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Mitte Februar folgten die drei Dackel Anton, Fritz und Smilla. Sie wurden ebenfalls vergiftet. Vermutlich im eigenen Garten an der Kirchfeldstraße in Merklinde. Zwergteckel Smilla musste um ihr Leben kämpfen, alle drei Hunde überstanden letztendlich.

Gibt es eine ernsthafte Vergiftungsserie in Castrop-Rauxel?

Nun also der aktuelle Fall „Oskar“ in Ickern. Da stellt sich die realistische Frage, ob es in Castrop-Rauxel aktuell eine ernsthaften Vergiftungsserie gibt eines oder man es mit mehreren Hundehassern zu tun hat.

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Ein weiterer Facebook-Beitrag aus der „Du bist Castroper, wenn...“-Gruppe vom Montag passt da ins Bild. Er zeigt das Foto eines Aushangs am Sportplatz des TuS Henrichenburg an der Lambertstraße. Dort wird vor ausgelegten Rasierklingenködern in der Umgebung gewarnt. „Bereits 20 Stück wurden entfernt“, heißt es auf dem Aushang.

Ein Aushang am Sportplatz des TuS Henrichenburg an der Lambertstraße warnt vor ausgelegten Rasierklingenködern. Der Aushang ist aber schon rund ein halbes Jahr alt.

Ein Aushang am Sportplatz des TuS Henrichenburg an der Lambertstraße warnt vor ausgelegten Rasierklingenködern. Der Aushang ist aber schon rund ein halbes Jahr alt. © Inga Buschhaus

Später stellt sich heraus: Ein aktueller Fall liegt hier nicht vor. Der Aushang in Henrichenburg hängt dort laut einer Anwohnerin bereits seit vergangenem Herbst. Allerdings: Die Warnung ist natürlich weiterhin berechtigt. Denn nicht entdeckte Rasierklingenköder stellen auch ein halbes Jahr später immer noch eine echte Gefahr dar.

Wir haben bei den offiziellen Behörden nachgefragt

Wie gefährlich leben Vierbeiner also aktuell in Castrop-Rauxel? Wir haben bei mehreren Stellen nachgefragt:

  • Das Ordnungsamt habe in letzter Zeit lediglich einen vereinzelten Hinweis auf ausgelegtes Rattengift erhalten, heißt es bei der Stadt Castrop-Rauxel. Der Außendienstmitarbeiter habe den vermeintlichen Giftköder eingesammelt und festgestellt, dass es sich nur um Trockenfutter handelte.

    Man gehe davon aus, dass sich Menschen, die Gift- oder Rasierklingenköder entdecken, in der Regel direkt an die Polizei oder an das Kreisveterinäramt wenden. Aber auch „der Bereich Ordnung und Bürgerservice der Stadtverwaltung wäre der richtige Ansprechpartner“, heißt es in der Stellungnahme der Stadt.
  • Das Kreisveterinäramt hat in der Vergangenheit auch keine Auffälligkeiten beobachtet. „Diese These können wir nicht stützen. Uns haben keine besorgten Anrufe oder Hinweise erreicht“, sagt Jochem Manz, Pressesprecher des Kreises Recklinghausen.
  • Auch bei der Polizei sind in letzter Zeit keine Fälle eingegangen. „In Castrop-Rauxel und auch in den umliegenden Städten ist die Situation völlig unauffällig“, sagt Polizei-Sprecherin Ramona Hörst. Sie empfiehlt, bei konkreten Hinweisen oder Köder-Funden immer die Polizei einzuschalten.

    Genau das würden Betroffene aber oft nicht tun. „Wir können nur helfen, wenn wir auch informiert werden“, sagt Ramona Hörst. Zwar sei es in solchen Fällen tatsächlich schwierig, im Nachhinein einen Täter zu ermitteln. Aber die Polizei könne ja auch zu anderen Mitteln greifen - wie etwa Zeugenaufrufe, Warnungen an die Bevölkerung oder vermehrten Kontrollen.

Und was sagen Tierärzte in Castrop-Rauxel?

  • Die Tierärztliche Praxis für Kleintiere an der Erinstraße warnt auf ihrer Facebook-Seite in einem Beitrag vom 14. Februar „aus aktuellem Anlass“ vor Vergiftungsfällen im Raum Castrop-Rauxel, speziell an der Pferderennbahn und auf Schwerin. Drei konkrete Vergiftungsfälle und einen Verdachtsfall habe man in jüngster Zeit gehabt, heißt es auf Nachfrage. Zwei Hunde hätten die Vergiftung nicht überstanden.
  • Tierarzt Axel Lehmann praktiziert an der Wartburgstraße in Habinghorst. „Was Rattengift angeht, haben wir in letzter Zeit gar nichts gehabt“, sagt er.
  • Georg Boesing hat seine Praxis an der Bahnhofstraße in Rauxel. Auch bei ihm habe es aktuell keine Fälle von vergifteten Hunden gegeben. Auch richtige Phasen mit mehreren Vergiftungen habe er noch nicht erlebt. Der letzte konkrete Fall, in dem er mit einem Giftköder-Fund zu tun hatte, sei ungefähr ein Jahr her.

Tierarzt Georg Boesing gibt aber noch etwas zu bedenken: Nicht jeder Verdachtsfall ist auch nachweislich ein Vergiftungsfall. Das werde manchmal bei entsprechenden Symptomen vorschnell deklariert.

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Ähnlich sieht das auch Polizei-Sprecherin Ramona Hörst. „Das ist ein sehr emotionales Thema“. Aus „ein Hund könnte eventuell vergiftet worden sein“ werde so manchmal ein „der Hund ist vergiftet worden.“

Keine handfeste Serie, aber weiter Obacht geboten

Betrachtet man die Aussagen aller Beteiligten in Summe, muss man zu folgendem Ergebnis kommen: Von einer Vergiftungsserie kann in Castrop-Rauxel wohl keine Rede sein. Eine Entwarnung ist das aber keinesfalls. Obacht ist weiter geboten, eine gewisse Gefahr bleibt.

Auch in Zukunft sollten Hundehalter beim Gassigehen die Augen offenhalten und vorab einen Blick in den heimischen Garten werfen, bevor der Vierbeiner hinausgelassen wird.

Kommentar von Marc-André Landsiedel Es ist ein sensibles und emotionales Thema, das sich da zusammengebraut hat. Rattengift absichtlich an Hunde zu verfüttern ist schlicht widerlich. Da gibt es nichts zu diskutieren. Und auch wenn der Eindruck einer ausgewachsenen Serie von Gift-Attacken dem Fakten-Check nicht standhält, so lässt sich genauso wenig wegdiskutieren, dass es die konkreten Fälle gegeben hat. Die Berichte von Hunden, die vergiftet worden sind, lassen Hundehalter zurecht mit einem Gefühl von Fassungs- und Hilflosigkeit zurück. Kein Wunder also, dass Sorge und Wut in den sozialen Netzwerken hochkochen. Schließlich geht es dort um Familien mit Kindern, die ihren besten Freund verlieren. Ich persönlich mache mir aber noch aus einem ganz anderen Grund sorgen: Warum ist in den letzten Wochen kein einziger Fall oder Köderfund bei den Behörden gemeldet worden? Abgesehen von einem vereinzelten Fehlalarm wurden weder Ordnungsamt, noch Polizei oder Kreisveterinäramt verständigt. Deshalb mein Appell: Liebe Hundehalter, natürlich sollt ihr euch über die sozialen Netzwerke gegenseitig warnen. Aber belasst es nicht dabei! Und denkt bloß nicht: „Eine Anzeige bringt doch nichts.“ Schlagt bei jedem begründeten (!) Verdacht Alarm an offizieller Stelle. Nur das kann euren Vierbeinern auf lange Sicht helfen.
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