Wrocklage: "Das ist ein ganz anderer Beruf"

Schulrätin im Interview

Die Leitung an den Grundschulen in Castrop-Rauxel ist derzeit ein großes Thema. Viele der Leitungsstellen sind schwer zu besetzen - was die Gründe dafür sein könnten und warum diese Stellen bei Lehrern weniger beliebt sind, hat Schulrätin Marita Wrocklage im Interview erklärt.

CASTROP-RAUXEL

, 06.02.2017, 14:56 Uhr / Lesedauer: 5 min
Wrocklage: "Das ist ein ganz anderer Beruf"

Marita Wrocklage, Schulrätin für die Grundschulen im Kreis Recklinghausen. Foto: Thomas König, 16062011

Warum gibt es so viele Stellen, die „nur“ kommissarisch besetzt sind, Frau Wrocklage? Die aktuelle Situation der Schulleitungsvakanzen ist auf eine Gesamtentwicklung zurückzuführen: Diese Funktion hat sich sehr verändert. Wenn ich 15, 20 Jahre zurückdenke, da hatten die Personen noch weit weniger komplexe Aufgaben. Heute kann man sagen: Schulleitung ist ein vollkommen anderer Beruf geworden als der eines Lehrers oder einer Lehrerin.

Ob ich Unterricht plane, vorbereite, methodisch-didaktisch mit Kindern arbeite, oder ob ich in Organisations-Entwicklung tätig bin, Change-Management betreibe, ein Team führe, in Gremien sitze, finanzielle Verantwortung und eine große Personalverantwortung sowie viel intensivere Elternarbeit habe – das ist ein ganz anderer Beruf. Schulleitung ist deutlich mehr eine Erwachsenen-didaktische Tätigkeit: Ich muss Mitarbeiter führen, auch die Kolleginnen und Kollegen aus der Offenen Ganztagsschule, arbeite mit Eltern, Schulträgern, der Schulaufsicht. Da muss ein Schulleiter gucken: Wie entwickele ich so ein System weiter?

Erstens strebt das nicht jede Lehrkraft an, und zweitens traut sich das nicht jede Lehrkraft zu. Das ist ein vielfältiges Tableau. Wir haben ja viele weibliche Kolleginnen, die versuchen, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Zu einem Großteil sind sie auch in Teilzeit tätig. Sie streben so einen Full-Time-Job gar nicht an. Zudem tun Beobachtungen in Kollegien ihr Übriges dazu: Mensch, die Schulleitung, die wir gehabt haben, die trägt aber eine extrem hohe Verantwortung – gerade auch im Bereich Personalentscheidungen und Personalentwicklung. Und sie muss das oft allein tun, weil Konrektoren-Positionen nicht besetzt sind.

Warum ist das denn so? Dahinter verbirgt sich auch, dass die Konrektoren-Stellen einerseits wenig lukrativ sind, andererseits weil viele unserer Schulen mittelgroß sind, also zweizügig in etwa mit 180 Schülern, mal ein paar mehr, mal ein paar weniger. Und die Grenze für eine Konrektorenstelle an einer Schule liegt bei 180 Schülern. Die Systeme sind also überwiegend nicht so aufgestellt, dass eine dauerhafte stellvertretende Schulleiterstelle sichergestellt ist. Das überlegen sich die Kollegen auch.

Genau das ist aber unser Nachwuchs für Schulleitungen. Wir haben im Kreis Recklinghausen derzeit 40 Konrektorinnen-Stellen an unseren 84 Grundschulen nicht besetzt. Es gibt immer mal wieder Interesse und auch dienstliche Beurteilungen in diese Richtung, aber dennoch sind viele Stellen vakant. Und natürlich hat das Konsequenzen für die Besetzung von Leitungsstellen.

Wird immer eine Konrektorin später Nachfolger der Rektorin? Im besten Fall ja, denn eine erfahrene Konrektorin, die jahrelang an der Seite einer Rektorin gearbeitet hat, kennt schon viele der Aufgabenfelder. Die Person hat die Schulleitungsqualifizierung vielleicht schon durchlaufen. Dann geht es noch um das Eignungsfeststellungsverfahren, das es inzwischen auch für die Bewerbung an Grundschulen gibt. Alle, die sich bewerben, gehen seit Kurzem durch dieses Verfahren.

Wie kommt es denn konkret zu einer Neu-Besetzung der Schulleiterstelle? Der klassische Weg ist: Eine Rektorin kündigt den Ruhestand an. Dann wird zunächst ein Schulprofil erstellt, die Schulkonferenz stimmt dem zu, und die Bezirksregierung schreibt die Stelle aus. Das geschieht etwa ein halbes Jahr, bevor jemand ausscheidet. Dann bewerben sich im besten Fall eine, zwei oder drei Personen auf so eine Stelle. Letztlich trifft die Entscheidung dann die Bezirksregierung. Wenn wir keine Bewerbung erhalten, beauftragen wir die Konrektorin mit der kommissarischen Schulleitung. Das geschieht zunächst für ein halbes oder ein ganzes Jahr, parallel läuft die Stellen-Ausschreibung weiter.

Ist kommissarisch denn nicht nur eine Notlösung? So lange wir eine Person in dieser Funktion dort haben, weiß ich, dass diese Kollegin sich für dieses Berufsbild Schulleitung interessiert. Das ist dann aber keine Notsituation, sondern eine Übergangssituation. Daraus kann ja erwachsen, dass dieser Kollege sagt: Ich bewerbe mich jetzt auf die Schulleiterstelle.

Wie lange kann denn eine kommissarische Lösung gehen? Letztlich kann diese Vertretungsregelung langfristig laufen, denn im Schulgesetz steht, dass der Stellvertreter bei Vertretungsbedarf die Schule führt. Herausfordernder wird es dann, wenn es keinen Konrektor mehr gibt wie an der Cottenburgschule. Dann gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten.

Welche? Wir können nach Rücksprache die dienstälteste Kollegin anfragen, ob sie bereit ist, die Vertretung zu übernehmen. Das kann auch ein anderer Kollege sein und ist in der Regel mit dem Schulleiter und im Kollegium klar so kommuniziert, wer das machen könnte. Geschieht das früh genug, kann die Lehrkraft noch eingearbeitet werden. Oder es findet sich eine „Steuergruppe Schulleitung“ aus dem Kollegium, die die Aufgabenfelder in den Blick nimmt. Dann werden die Aufgaben unter den Kollegen verteilt: die eine macht Stundenpläne, die andere die Schulbuchbestellung, die dritte kümmert sich um Elternanliegen… Oder ich greife darauf zurück, aus einer anderen Schule eine Leiterin mit einem Stundendeputat abzuordnen, um wichtige Aufgaben zu übernehmen: zum Beispiel Schulkonferenzen leiten, Personal einstellen.

Letztlich ist es so: Jede Schule ist geleitet. Aber ich strebe in der Zuständigkeit für die Grundschulen und als verantwortliche Stellengeneralistin ein Optimum an, also möglichst ein Team zu gewinnen aus Schulleitung und Konrektorin. Die Aufgaben sind wirklich sehr herausfordernd. Es ist besser, wenn sich mehrere Personen darum fachlich fundiert kümmern.

Das gelingt ja nun nicht mehr immer. Zum Beispiel an der Cottenburgschule, wo sich jetzt ein Team um die Leitungsaufgaben kümmert und eine benachbarte Schulleitung zudem aushilft... Ich will die Situation nicht schönreden. Nicht für jede Lehrkraft ist Schulleitung der richtige Beruf. Was jungen Konrektoren und Konrektorinnen aber nun ein wenig helfen könnte: Die Besoldung für alle Leitungen von Grundschulen wird auf A14 angehoben. Das entspricht viel mehr den Tätigkeiten, die zu leisten sind. Mir liegt dazu noch nichts Schriftliches vor, aber wir erwarten die Umsetzung zeitnah.

Und mit mehr Gehalt wird dann alles gut? Nein, das greift zu kurz, wenn man nur aufs Gehalt schaut: Mir ist niemand bekannt, der Schulleiter wird aus finanziellen Erwägungen. Man wird das aus Überzeugung machen, man hat Ideen, man hat den Wunsch, für ein ganzes System wirksam zu werden; etwas neu und intensiv anzugehen. Es gehört viel Idealismus dazu – und das ist auch immer eine supergute Grundlage. Dass aber die Besoldung dem Aufgabenfeld und den hohen Anforderungen gerecht wird, ist gut und wichtig.

Betrifft das denn nur die Rektorenstellen? Ja, bei den Konrektoren steht das derzeit noch nicht an, auch wenn die Lehrerverbände das seit Längerem fordern. Die Konrektorinnen sind gleichzeitig Lehrkräfte und haben anspruchsvolle Leitungsaufgaben. Das wird derzeit mit A12 mit Zulage vergütet.

Noch mal zum Generellen zurück: Warum hat sich das Berufsbild Schulleitung so verändert? In den vergangenen zwölf Jahren haben wir ganz deutlich eine Verlagerung von Aufgabenfeldern an die Schulen erlebt. Das stärkt die Schulen, aber macht die Arbeit komplexer. Beispiel schulscharfe Stellenausschreibungen: Das hat es früher gar nicht gegeben. Zu jedem Halbjahr oder jedem Schuljahr war geregelt, wer geht und nach einer Liste in der Bezirksregierung wurden die Stellen nachbesetzt. Jetzt können Schulen schulscharf ihre Stellen ausschreiben, setzen eine Kommission ein und entscheiden dann selbst über ihr Personal. Weitere Aufgaben: Schulleiter verfassen heute unter anderem dienstliche Beurteilungen von Kollegen, die in der Probezeit sind. Sie regeln die Budgetierung und agieren in ihrer Funktion als Dienstvorgesetzte. Diese Aufgaben sind an die Schulen verlagert worden.

Also viel mehr Regulierungs-Aufgaben… Nein, mit Regulierung hat das nichts zu tun. Eine Schule ist in gewissem Maße eine eigene Behörde. Es ergibt doch Sinn, dass eine Schule die Chance hat, passgenau zu ihrem Schulprogramm eine Kollegin auszusuchen und nicht nach einer Liste zu bekommen.

Die Bereiche Inklusion und Seiteneinstieg sind noch relativ neu und werden an vielen Schulen unterschiedlich geregelt. Da muss es auch eine Passung geben mit dem Personal. Da schaut man unter anderem deutlich auf die Anforderungen, die an dieses Arbeitsfeld gestellt werden. Dienstliche Beurteilungen in der Probezeit, die Vereidigung von neuen Kollegen; das sind doch schöne Aufgaben der Schulleitungen, wenn sie ihre neuen Leute ins Team aufnehmen. Es ist der richtige Weg, die Eigenverantwortlichkeit zu stärken.

Aber Stellen zu besetzen bleibt trotzdem schwierig. Warum? Wenn wir alle Stellen so gut unterfüttern könnten mit den passenden Menschen, wäre das schön. Stellen haben wir unendlich viele im System. Uns fehlen leider im Moment die Lehrkräfte als Personen, die die Lücken füllen könnten.

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