Was man in deutschen Wohnzimmern so an "Kunst" an der Wand findet, ist schon sehr unterschiedlich und aussagekräftig. © Thomas Schroeter
Kolumne „Wohn(t)räume“

Zeigt her eure Wände: Ist das Kunst oder kann das hier alles weg?

Wohnen ist ein Lebensgefühl. In dieser Kolumne beschäftigt sich unser Autor regelmäßig mit „Wohn(t)räumen“. Heute geht es um Gemälde und Poster in den deutschen Wohnzimmern.

Zeig mir deine Wand und ich sag dir, wer du bist. Das ist jetzt natürlich ganz tief in die Kiste der Verallgemeinerung gegriffen, werden Sie sagen. Das kann sein, aber ich bin mir trotzdem sehr sicher, dass die Wandgestaltung ganz viel über uns aussagt. Ich nenne hier beispielhaft fünf weitverbreitete Typen:

Die komplett kahle, weiße Wand

Es gibt da diese komplett kahlen weißen Raufaser-Einöden, an die sich kein einziger Schmuck verirrt hat. Kein Foto, kein Gemälde, kein Poster. Das hat entweder etwas damit zu tun, dass der Bewohner sich hier gar nicht zu Hause fühlt und nicht lange bleiben will.

Oder wir haben es mit einem extrem nüchtern denkenden Menschen zu tun, der auch niemals auf die Idee käme, seinen Tisch mit einer Kerze oder Servietten zu dekorieren; der meint, eine 100-Watt-Lampe unter der Decke sei genauso gut tauglich, einen Raum zu beleuchten wie eine ganze Handvoll dezentraler Lichtquellen.

„Kunst“ aus dem Einrichtungshaus

Dann gibt es die Menschen, die ihre Einrichtung auf einen Schlag im Einrichtungshaus gekauft haben. Inklusive Dreisitzer, Zweisitzer, Sessel, Kacheltisch und praktischer Auslegware. Die nehmen dann auch gleich noch drei schmucke Bilder in Zellophanverpackung mit.

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Wahlweise zeigen sie gemäßigt abstrakte Malerei oder nachempfundene Meister. Aufgehängt werden sie schön symmetrisch mittig an drei von vier Wohnzimmerwänden und gern sehr nahe an der Decke. Die Wohnzimmer sehen dann aus wie das, was sie eigentlich sind: ein Schauraum im Möbelhaus.

Röhrende Hirsche und Seestücke

Der röhrende Hirsch, die feurige Zigeunerin(!) oder das Schiff auf aufgewühltem Meer sterben nur einen sehr langsamen Tod in manchen Wohnzimmern. Wer all diese Schmonzetten hergestellt hat, bleibt bis heute ein Geheimnis der „Kunstwelt“.

Dekoriert werden sie immer noch unbedingt mit schnörkeliger Eiche, dicken Brokatstoffen in viel zu engen und völlig zugepflasterten Räumen, in die Dank der Gardinen und Seitenstores möglichst wenig Licht fällt. In dieser Dämmerwelt überleben die öligen Wandverzierungen die Jahrhunderte.

Taffe Männer, schöne Frauen

Der Gegenentwurf sind die Wohnzimmer, in denen Holz keine Existenzberechtigung hat. Hier herrscht der Fliesenboden vor, sind die Möbel weiß oder grau, das Sofa aus Leder und die Fernseher mindestens fünf Quadratmeter groß.

In diesen Räumen landen dann nur noch gerahmte Poster an den Wänden. Die zeigen entweder ein dickes amerikanisches Motorrad, einen ewig coolen Steve McQueen oder ein kurvenreiches Supermodel. Manchmal schafft es sogar ein „witziger“ Spruch an die Wand, ein Wandtattoo oder, uahh, eine Fototapete mit karibischem Sonnenuntergang.

Die Hobbykünstlerin/der Hobbykünstler

Kunst liegt ja im Auge des Betrachters und Joseph Beuys sagte, jeder Mensch sei im Prinzip ein Künstler. Das nehmen manche Menschen zum Anlass, selbst Kunst zu produzieren. Entweder nach einem dreiwöchigen Kurs oder gar als Autodidakt.

Die Wohnungen dieser Künstler sehen dann nicht selten aus wie eine überfrachtete Galerie des Grauens. Florale Acryl-Arbeiten, Malen nach Zahlen, aquarellierte Berglandschaften und opulent farbige Avantgarde zeugen hier von den unterschiedlichen Schaffensphasen des ansässigen Künstlers.

Und dann gibt es noch…

Ja, und dann gibt es noch Wohnungen und Häuser, in denen man tatsächlich fasziniert von Raum zu Raum, von Wand zu Wand schreitet. Da müssen keine Richter- oder Van Gogh-Drucke Kunstsinnigkeit vorgaukeln, da ist man vielmehr gebannt von der Individualität der Dinge, die da ganz offensichtlich nach und nach und mit viel Freude zusammengetragen und gehängt worden ist.

Da stößt man auf kleine Zeichnungen, auf Miniaturen und die Sepia-Fotografie der Uroma, da hängen lokale Künstler neben Trödelmarktfunden, nüchterne Ikea-Rahmen neben üppigen Goldrelief-Rahmungen.

Das ist interessant gehängt, füllt mal dicht an dicht eine komplette Wand, ist mal in Petersburger Hängung angeordnet, mal streng formal gruppiert. Da steckt echtes Leben drin, machen Bilder ein echtes, unverwechselbares Zuhause aus. Was ist das schön.

Zur Kolumne

In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag so ausmacht.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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Thomas Schroeter

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