94-jährige Zechenlegenden und ihre 41 dramatischen Stunden im Januar 1964 auf Zeche Erin

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94 Jahre alt sind sie, haben in Castrop-Rauxel auf Erin gearbeitet. Sie erlebten das schwere Unglück von Januar 1964. „Jockel“ Wirths und Albert Brink erinnern sich an 41 dramatische Stunden.

Castrop

, 17.01.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Beide sind im September 1925 zur Welt gekommen. Beide haben entscheidende Jahre ihres Lebens auf der Zeche Erin verbracht. Beide erinnern sich in diesen Tagen besonders an das schwere Grubenunglück von 1964. Sie waren als Betriebsleiter und Fahrsteiger unmittelbar beteiligt.

Beide leben auch heute noch in Sichtweite des Erinturms an der Straße Am Wiedehagen als Nachbarn: Friedrich Joachim Wirths und Albert Brink haben Erin quasi im Blut.

Wenn sie im Wohnzimmer von Wirths, der allgemein „Jockel“ genannt wird, von den verhängnisvollen Tagen im Januar 1964 erzählen, spürt man den beiden 94-Jährigen noch heute die Aufregung der 41 Stunden an, in denen sieben Bergleute vom 15. bis zum 17. Januar verschüttet waren.

Schlaflose Tage im Januar 1964

Wirths war damals als Betriebsführer der Zeche gemeinsam mit Bergwerkschef Karlhans Knepper für die Organisation der Rettungsmaßnahmen verantwortlich. Albert Brink war für einen urlaubenden Kollegen eingesprungen und trieb mit seinen Kollegen als Fahrsteiger das Rettungswerk unter Tage voran.

„Das waren schlaflose Tage“, so Brink in der Rückschau auf die Ereignisse vor 56 Jahren. „Wir haben aber immer daran geglaubt, dass wir die sieben Bergleute da heil wieder heraus bekommen“, erinnert sich Wirths.

Ganz Castrop-Rauxel bangte damals um die Bergleute Hubert Wendschlag, Manfred Viething, Fritz Fürstenberg, Hans Kuthning, Otto Heuser, Horst Döring und Albert Fritz, die zwischen zwei Bruchstellen unter Tage eingeschlossen waren.

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Hohe Kohlenmonoxidkonzentrationen und eine Störzone erwiesen sich als große Handicaps beim Stollengraben. Nach 41 Stunden aber war es am 17. Januar um 6.28 Uhr dann doch so weit: Unter dem Jubel ihrer Kollegen und im Blitzlichtgewitter zahlreicher Kameras kletterten die sieben Bergleute wohlbehalten aus dem Förderkorb.

„Mutterklötzkes“ durften nicht liegen bleiben

Betriebsführer „Jockel“ Wirths war vor Ort, als die letzte Kohle-Barriere zu den Eingeschlossenen durchstochen werden konnte und die sieben Bergleute aus ihrer Isolation befreit wurden. „Ich war der Erste, der sie begrüßte. Anton Heuser war der Letzte, der raus kam. Der war vielleicht 5 Meter gegangen, als er ganz aufgeregt rief ,Betriebsführer, Betriebsführer, ich muss noch mal zurück. Ich habe die Mutterklötzkes vergessen.‘“

Für den Nicht-Bergmann sei erklärt: Das waren handlich zurecht gesägte hölzerne Stempelabschnitte, die die Bergleute nach der Schicht in ihren Taschen gern mit nach Hause schmuggelten, um zu Hause als Anmachholz von „Mutter“ im häuslichen Ofen benutzt zu werden.

Nach aufregenden 41 Stunden waren Fritz Fürstenberg (vorne rechts) und seine sechs Kollegen gerettet. Strebführer Werner Nowak (Mitte) hatte kurz vor dem Unglück ein verdächtiges Knirschen gehört. Er warnte seine Männer rechtzeitig.

Nach aufregenden 41 Stunden waren Fritz Fürstenberg (vorne rechts) und seine sechs Kollegen gerettet. Strebführer Werner Nowak (Mitte) hatte kurz vor dem Unglück ein verdächtiges Knirschen gehört. Er warnte seine Männer rechtzeitig. © Orwat

Wirths erinnert sich aber auch noch an den Anruf, den er unter Tage schon unweit der Unglücksstelle erhielt, als die Bergleute gerade befreit waren: „Knepper rief mich da an und sagte, dass er jetzt erst einmal den Arzt runter schicken wollte, der die Verschütteten unter Tage untersuchen sollte. ,Machen sie aber bloß nicht so schnell‘, sagte er zu mir, ,denn das französische Fernsehen hat erst in einer halben Stunde aufgebaut‘.“

Menschen in der ganzen Republik und darüber hinaus verfolgten das Schicksal der sieben Eingeschlossenen in Castrop-Rauxel in Fernsehen und Zeitung. Denn das „Wunder von Lengede“ (Oktober 1963) hatte gerade erst ein dramatisches Schlaglicht auf die Gefahren im Bergbau geworfen.

Diskussion um die Sicherheit kam auf

Während die Geretteten eine Woche Sonderurlaub bewilligt bekamen, wurde Kritik an der Sicherheit der Schachtanlage laut: Der Sicherheitsexperte der IGBE warf die Frage auf, ob die Zechenleitung die Kohleförderung für dringlicher angesehen habe als die Sicherheit der Männer. Friedrich Joachim Wirths kann das heute noch nicht nachvollziehen.

Und war in seiner Einschätzung schon vor Jahren von Kohlenhauer Fritz Fürstenberg, einem der sieben eingeschlossenen Bergleute, unterstützt worden: „Ich bin der Meinung, dass die Sicherungsmaßnahmen ausreichend waren. Und keiner von uns sieben hat unten gesagt, da hätte vorher etwas besser gemacht werden müssen.“

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Wirths stammt aus Eisleben. Er wr erst nach dem Krieg in den Westen und gekommen und hatte in Clausthal-Zellerfeld Bergbauwesen studiert. Er verbrachte nur sechs Jahre seines Arbeitslebens auf Erin, während Brink ein Erin-Urgestein ist. „Ich habe mit 14 Jahren 1939 auf Erin angefangen und bin immer hier geblieben“, so Brink. Nach dem Krieg besuchte er die Oberklasse der Bergschule und wurde so schließlich Fahrsteiger. 1985 musste er aus gesundheitlichen Gründen in Rente gehen.

Beide wohnen in Sichtweite des Turms

Im Schatten von Erin blieb er aber wohnen. Am Wiedehagen, wo er schon zu aktiven Erin-Zeiten eine Dienstwohnung hatte, ist er bis heute zu Hause. Früher mit seiner Ehefrau, die vor dreieinhalb Jahren verstorben ist, heute betreut von seiner Schwester.

Genau gegenüber wohnt seit 1973 „Jockel“ Wirths mit seiner Ehefrau, mit der er drei Kinder hat. Wirths verschlug es nach der Zeit auf Erin noch auf die Zechen Minister Stein, Hansa und Waltrop, die er 1978 dicht machen musste. Selbst ging er 1981 in den Ruhestand und hatte dann mehr Zeit für seine Hobbys, das Tennisspiel und die Jagd.

Dass der Erin-Förderturm und der Park ringsum erhalten worden sind, freut die beiden Alt-Eriner sehr. „Man hat immer bei einem Spaziergang die Zeche vor Augen, das ist schön“, so Albert Brink.

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