Zweite Gesamtschule schon vor der Gründung gefährdet? Warnung an Politik und Verwaltung

rnWBG mit offenem Brief

Die Willy-Brandt-Gesamtschule lehnt die Neugründung einer Gesamtschule in Ickern und die Errichtung eines Teilstandorts ab. Ist das Angst vor neuem Wettbewerb oder statistischer Realismus?

Castrop-Rauxel

, 09.07.2019, 08:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Mitteilung aus dem Schulleiterbüro flatterte einige Tage nach den euphorischen Stellungnahmen der Parteien in die Redaktion: Chefin Violetta Kroll-Baues und Stellvertreter Burkhard Edeler von der Willy-Brandt-Gesamtschule (WBG) sprechen sich im Namen der Schulkonferenz gegen eine neue Gesamtschule aus. Sie treten gegen etwas an, das bisher fast nur Befürworter gefunden hatte.

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Eine Elternbefragung, an der sich über 1000 Grundschul-Eltern beteiligt hatten, ergab: Es gibt viele Befürworter für eine zweite Gesamtschule in der Stadt. 152 Eltern der Zweit- und Drittklässler gaben im Frühjahr an, dass sie ihr Kind in einer fünften Klasse an einer neuen Gesamtschule anmelden würden. Das wären über 75 pro Jahrgang. Dabei muss man auch bedenken, dass 237 Eltern - also fast ein Viertel - angaben, dass sie es noch nicht wüssten.

Bei neuer Schule im Norden: 94 statt 140 WBG-Interessenten

Für die WBG sprachen sich in dieser Umfrage 140 Eltern aus, wenn das Schulangebot so bliebe wie aktuell. 46 weniger, also 94, wenn es eine neue Gesamtschule im Norden gäbe. Heißt im Ergebnis: Die WBG hätte große neue Konkurrenz. 94 Schüler aus zwei Jahrgängen - das wäre sehr wenig.

Eine Gesamtschule brauche für den gesicherten Bestand über Jahrzehnte Anmeldezahlen, die eine solide Vierzügigkeit ermöglichen, heißt es im von Kroll-Baues und Edeler unterschriebenen offenen Brief an den Bürgermeister und die Politik. Die Anmeldezahlen müssten also konstant und pro Jahrgang über 120 Anmeldungen liegen.

Oberstufe muss garantiert sein

Ebenso benötige eine Gesamtschule eine heterogene Schülerschaft, also stärkere und schwächere Schüler. Aus der Sekundarstufe I müsse eine Oberstufe hervorgehen. 70 bis 80 Anmeldungen seien dafür erforderlich. „Nur dann ist eine Oberstufe auch bis in die Jahrgangsstufe 13 lebensfähig und organisierbar“, so Kroll-Baues. Das liegt daran, dass in der Jahrgangsstufe elf und zwölf Schüler auf dem Weg zum Abi die Schule verlassen. In diesem Jahr sind auf dem Abitur-Entlassfoto der WBG nur 29 Schüler.

„Die Schule kann aus den vorliegenden Zahlen der Elternbefragung dieses Ergebnis nicht herauslesen“, schreibt die WBG-Leitung. „Eine neue zweite Gesamtschule ist also noch vor Gründungsbeschluss im Bestand gefährdet.“

Eine Schule, zwei Standorte: „Nicht organisierbar“

Und der Alternativ-Vorschlag einer geteilten WBG an zwei Standorten? Für Kroll-Baues und Edeler ist das auch keine Option: „Die Führung einer Dependance der WBG ist nicht organisierbar. Schon mit der damaligen JKG konnte die WBG nicht kooperieren, da die Wege viel zu weit sind. Dazu kommt die aktuell schwierige Lehrerversorgung in der Emscherzone.“

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Das schlägt die WBG-Schulkonferenz zum weiteren Vorgehen vor:

  • Abschulungsproblem lösen: Was ist mit den leistungsschwächeren Schülern? Weil Sekundarschulen Schüler aufnehmen, die es an anderen Schulformen nicht geschafft haben, haben sie einen schlechteren Ruf - wie die frühere Hauptschule.
  • Zwei-Säulen-Modell schaffen: Es gibt nur Gymnasien und integrierte Schulformen.
  • Begrenzung auf vier Züge an den Gymnasien, drei Züge an der Realschule. „So hätte die Sekundarschule eine faire Chance, als alternative integrierte Schulform wie die WBG angesehen zu werden.“

Brigitte Edeler, die Ehefrau von WBG-Stellvertreter Burkhard-Edeler, ist Leiterin der Sekundarschule Süd. Ihre Schule, die nach den Ferien umbenannt werden soll, ist akut gefährdet. Nach so mancher Verlautbarung ist sie sogar schon am Ende. In der Elternbefragung hatten 14 Eltern diese Schule für ihr Kind als Zielschule angegeben.

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