Die Dattelner Kinderklinik wird aktuell von einer Welle von zum Teil schweren Atemwegserkrankungs-Fällen überrollt. © picture alliance / Patrick Pleul/dpa
Welle von Atemwegserkrankungen

Dattelner Kinderklinik platzt aus allen Nähten

Eine Welle von Atemwegserkrankungen stellt die Dattelner Kinder- und Jugendklinik vor große Probleme. Sie platzt seit Wochen aus allen Nähten.

Das Ungewöhnliche daran ist der Zeitpunkt dieser Welle, sagt Prof. Dr. Michael Paulussen im Gespräch mit unserer Redaktion. „Der Anstieg an Atemwegserkrankungen findet normalerweise im Dezember oder Januar statt. In diesem Jahr nahm die Fallzahl aber schon im August drastisch zu“, berichtet der Ärztliche Direktor der Kinderklinik.

Und mit dieser Problematik muss nicht nur die Dattelner Kinderklinik kämpfen. Diese Entwicklung sei in vielen Kinderkliniken zu beobachten, zum Beispiel in Münster, weiß der Mediziner durch den Austausch mit seinen Kollegen an anderen Häusern.

Corona könnte schuld sein

Das frühe Einsetzen könnte aus Sicht von Prof. Paulussen mit Corona zusammenhängen. Während der Pandemie waren die Kinder monatelang aus den Kita- und Krabbelgruppen heraus. Das wirkte sich auch auf die Belegung in der Kinderklinik aus. Es habe kaum Atemwegserkrankungen im letzten Winter gegeben. „Das waren vielleicht ein Dutzend während des ganzen Winters. Aktuell haben wir ein Dutzend Fälle pro Woche“, schildert der Arzt die Problematik. Und in der Zeit des Lockdowns habe sich möglicherweise das Immunsystem heruntergefahren. Jetzt, da die Kinder wieder Kontakt mit Gleichaltrigen haben, käme die Gefahr vor Infektionskrankheiten mit Wucht zurück.

Kinder müssen zum Teil mit Sauerstoff versorgt werden

Das macht sich aber nicht nur in der Häufigkeit der Fälle bemerkbar, sondern auch bei der Schwere der Krankheitsverläufe. Kinder, die sich mit dem sogenannten RS-Virus angesteckt haben, haben oft schwere Bronchitis oder Lungenentzündungen. „Zum Teil müssen die Kinder auch mit Sauerstoff versorgt werden“, sagt der Mediziner.

Während Erwachsene oder Jugendliche bei einer RSV-Infektion in der Regel mit normalen Symptomen wie Schnupfen, Husten etc., zu kämpfen haben, fällt der Verlauf bei kleineren Kindern oft heftiger aus. „Besonders betroffen sind die 0- bis 4-Jährigen“, sagt Prof. Paulussen.

Notaufnahme musste schon abgemeldet werden

Besonders heftig ist es an den Wochenenden in der Notaufnahme. Der Andrang sei so groß, dass die Notaufnahme der Kinderklinik zeitweise bei der Feuerwehr abgemeldet werden musste. „Wir mussten auch schon Kinder im Behandlungsraum übernachten lassen, weil wir keine Betten mehr hatten“, betont Paulussen. Notfälle habe man bislang noch nicht abweisen müssen. „Aber wir haben schon einige geplante Behandlungen verschoben, um Platzkapazitäten zu haben.“

Umbau des Kinderpalliativzentrums verschärft die Lage

Verschärft wird das Platzproblem dadurch, weil die Hälfte der Betten auf der Station 1 – der gerade umgebauten Infektionsstation – von Patienten des Kinderpalliativzentrums belegt ist. Das erhält bekanntlich ein zusätzliches Stockwerk. Und in der ersten Bauphase konnten die Kinder wegen des Lärms nicht im Palliativzentrum bleiben. Prof. Paulussen hofft, dass der Rück-Umzug wie geplant Ende Oktober stattfinden kann. Dann stehen 16 weitere Betten wieder zur Verfügung. „Die Zeitplanung für die Erweiterung des Kinderpalliativzentrums ist richtig gewesen. Es konnte aber niemand wissen, dass die Welle mit Atemwegserkrankungen in diesem Jahr so früh einsetzt“, betont der Ärztliche Direktor.

Mediziner rät zur Grippe-Impfung

Prof. Paulussen rät Eltern auch dazu, Kinder gegen Grippe impfen zu lassen. „Das ist wegen Corona in den Hintergrund gerückt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass jedes Jahr Tausende an der Influenza sterben.“ Paulussen rät nicht nur Kindern mit Vorerkrankungen, sondern auch gesunden Kindern zur Grippe-Impfung. Wenn in der aktuell schon angespannten Lage auch noch eine Grippewelle grassiere, würde das weitere Betten in der Kinderklinik blockieren.

Grippe-Impfung bei Kindern

Für Kinder ab sechs Monaten stehen inaktivierte Impfstoffe (Totimpfstoffe) zur Verfügung. Kinder bis 9 Jahre, die zuvor noch nie gegen Grippe geimpft wurden, erhalten in der Regel bei der Verwendung dieser Impfstoffe zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen (maßgeblich sind die Angaben in der Fachinformation des jeweiligen Impfstoffes).

Für Kinder von zwei bis einschließlich 17 Jahren kann alternativ ein sogenannter Lebendimpfstoff genutzt werden, der als Nasenspray verabreicht wird. Dieser sollte bevorzugt bei Störungen der Blutgerinnung oder bei Angst vor Spritzen gegeben werden. Er darf jedoch nicht bei Immunschwäche und schwerem Asthma sowie einer Salicylat-Therapie (bestimmte Schmerzmittel, Fiebersenker)

eingesetzt werden.

Über den Autor
Redakteur Ostvest
Geboren und aufgewachsen in Marl. Dort wurde mir schon früh die Liebe zum FC Schalke 04 in die Wiege gelegt. Mit 14 Jahren als freier Mitarbeiter im Marler Lokalsport gestartet, bin ich seitdem für Geschichten unterwegs. Mit 19 Jahren begann das Volontariat, wenig später verschlug es mich in die Redaktion in Datteln, in der ich bis heute mit gleicher Begeisterung im Lokaljournalismus unterwegs bin.
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