Am Gulli abgedrängt

Dorsten "Der Gullideckel hat es nun mal nicht gebracht. Der Schuss ist nach hinten los gegangen." Richterin Lisa Hinkers fand gestern in ihrer Urteilsbegründung klare Wort.

25.07.2007, 18:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vorausgegangen war eine dreieinhalbstündige Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht inklusive einer spontanen Besichtigung des Tatortes in Gladbeck.

Ein 20-jähriger Dorstener musste sich wegen Diebstahls und eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verantworten. Konkret hatte er im Januar 2007 mit einem Freund Nummernschilder gestohlen, was er sofort zugab. Was er abstritt, war der Vorwurf, ein Zivilfahrzeug der Polizei auf der Straße abgedrängt zu haben.

Die beiden Polizisten schilderten die Vorfälle am Abend des 2. Februars: Den Beamten war in Dorsten ein Seat Leon als "sehr gepflegtes Fahrzeug mit dreckigen Kennzeichen aufgefallen". Ihre Überprüfung ergab, dass die Nummernschilder in Wulfen gestohlen worden waren. Die Zivilstreife folgte dem Seat Richtung Gladbeck, hatte aber Schwierigkeiten mit zu halten, da der Seat bei starker Motorisierung schnell beschleunigte. Dem Seat voraus fuhr ein Golf - am Steuer der Angeklagte.

In einen Kreisverkehr in Gladbeck bog der Seat nach links ab, fuhr damit gegen die Fahrtrichtung, bog gleich wieder links ab und fuhr damit vor dem Golf davon. Die Polizisten befuhren hinter dem Golf den Kreisel vorschriftsmäßig und wollten auf der Tunnelstraße überholen. "Wir haben zum Überholen angesetzt und der Golf zieht nach links rüber", schilderte der Polizist das, was von der Staatsanwaltschaft als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr zur Vertuschung des Kennzeichendiebstahls bewertet wurde.

Tatort besichtigt

"Ich bin nur wegen eines tief liegenden Gullideckels nach links ausgewichen, um mein Sportfahrwerk nicht zu beschädigen", erklärte der Angeklagte vehement. Kurzerhand verfügte Richterin Hinkers einen Ortstermin, um den Gullideckel zu besichtigen. Dieser riss weder ein Loch in den Boden, noch machten alle Autos einen Bogen um Deckel. "Es besteht kein Grund, wegen dieses Gullis einen Schlenker zu machen", befand der Staatsanwalt. Er sah den Tatvorwurf bestätigt und plädierte auf 100 Arbeitsstunden, einen Freizeitarrest und einen Führerscheinentzug.

Dem folgte das Schöffengericht nicht. Richterin Hinkers beließ es bei 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit oder wahlweise 500 Euro an die Stiftung Herzenswünsche. Sie sah in dem "Schlenker" des Angeklagten "eine Reflexhandlung: Denen mache ich mal kurz die Straße dicht". se

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