Lernen mit Digitalstift und iPad: Eine Pilotklasse in Dorsten macht‘s vor

rnDigitaler Unterricht

Der Schulunterricht in Dorsten soll digitaler werden. Grundschüler einer Pilotklasse lernen seit einem Jahr mit Digitalstift und iPad - ein Besuch, ein Fazit, ein Video.

Wulfen-Barkenberg

, 22.01.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jannis dreht am Rad. Der Klassensprecher tippt mit dem Zeigefinger auf das Display des iPads, und das Glücksrad mit den Namen aller Kinder rotiert. Es geht um die Klassendienste in diesem Monat, alle Kinder schauen wie gebannt auf das Whiteboard hinter Jannis. Dort dreht sich das Rad auch und bleibt bei Sultan stehen. Glückwunsch, Blumendienst!

Lernen mit Digitalstift und iPad: Eine Pilotklasse in Dorsten macht‘s vor

Klassensprecher Jannis teilt die Klassendienste der 3a ein. Das funktioniert am iPad wie mit einem Glücksrad. © Stefan Diebäcker

Minuten später ist der Spaß vorbei. Alle Aufgaben sind verteilt, Klassenlehrerin Steffi Wiegel „wirft“ mit ihrem iPad den Tagesplan an die weiße Tafel. Los geht‘s heute mit Deutsch. Früher hätte die Lehrerin wohl gesagt: „Schlagt bitte die Seite 95 auf.“ Jetzt projiziert sie die Inhalte des Buchs an die weiße Tafel, damit alle Schüler die Aufgabe sehen und vor aller Augen bearbeiten können.

Digitaler Unterricht ist Alltag

Seit fast einem Jahr lernt die 3a der Grünen Schule in Wulfen-Barkenberg auch digital. Sie ist eine Pilotklasse und demonstriert, was an allen Schulen in Dorsten eines Tages Alltag sein soll: Unterricht mit Tablet und Digitalstift, aber ohne Kreide. Mit Apps und Videos. „Etwa 20 Prozent“, schätzt die Grundschullehrerin, beträgt derzeit der „digitale Anteil“ am gesamten Unterricht. „Ich möchte darauf nicht mehr verzichten.“

Natürlich hat Steffi Wiegel die Diskussion der letzten Wochen in Dorsten verfolgt. Muss tatsächlich jedes Kind ein iPad haben, das die Eltern auch noch privat leasen sollen? Die Lehrerin der Grünen Schule nutzt ihr eigenes Tablet für Unterricht und Vorbereitung. Sie glaubt, dass jede Schulform eigene Anforderungen hat. „Für unsere Schule würden wahrscheinlich iPads für zwei Klassen reichen.“

Lernen mit Digitalstift und iPad: Eine Pilotklasse in Dorsten macht‘s vor

Fatima (l.) und Maria müssen auf Bücher und Hefte im Unterricht nicht verzichten. Der „digitale Anteil" beträgt etwa 20 Prozent. © Stefan Diebäcker

„Verbinde die Verben mit den Vorsilben“, lautet die Aufgabe. Fatima geht an die weiße Tafel, zieht mit dem Digitalstift eine Linie von einem Verb zur richtigen Vorsilbe und entscheidet, wer als nächstes nach vorne kommt. So läuft es auch bei der zweiten Übung. Verb und Vorsilbe werden markiert. „Gut gemacht“, lobt die Klassenlehrerin, die im hinteren Teil des Klassenraums steht und in diesen Minuten mehr Moderatorin ist.

Steffi Wiegel ist so etwas wie eine Vorzeigelehrerin. Sie mag den Begriff nicht, aber in gewisser Weise stimmt er ja. Für die Dorstener Grundschulen wurde sie im Dezember 2018 in die städtische „Arbeitsgruppe digitale Infrastruktur“ entsandt. „Ich bin keine Expertin“, sagt sie, „habe mich aber intensiv mit der Technik und den Anforderungen beschäftigt.“

Zusammenarbeit mit der Stadt war gut

Die Zusammenarbeit mit der Stadt war nach Meinung der Grundschullehrerin sehr gut. „Die Mitarbeiter waren nicht nur sehr engagiert und informiert, sondern sie hörten uns auch zu. Wenn wir aus dem Schulalltag berichteten oder Änderungswünsche hatten, fanden wir immer ein offenes Ohr.“

Nach ihrer Einschätzung ist Dorsten, was Beteiligung und Einbeziehung der Schulen betrifft, ganz weit vorne. „Ich werde von vielen Kollegen bei anderen Schulträgern beneidet. Meist wird den Schulen etwas vorgesetzt, oft auch ziemlich überraschend.“

Lernen mit Digitalstift und iPad: Eine Pilotklasse in Dorsten macht‘s vor

Stefanie Wiegel ist Klassenlehrerin einer „digitalen Pilotklasse" an der Grünen Schule. Sie möchte auf die moderne Technik nicht mehr verzichten. © Stefan Diebäcker

Im vergangenen Jahr hat Steffi Wiegel Kollegen und Schulleitungen eingeladen, sich die Ausstattung ihrer Pilotklasse anzusehen und auszuprobieren, und von ihren Erfahrungen berichtet. „Viele Kollegen kamen auch nachmittags zu mir, die Agathaschule hat in meinem Klassenraum eine ganztägige Fortbildung gemacht.“

Die Reaktionen sind unterschiedlich. „Manche Kollegen haben durchaus Berührungsängste und sind auch unterschiedlich fit im Umgang mit moderner Technik“, meint Steffi Wiegel. „Wir haben deshalb vereinbart: Es ist nicht schlimm, wenn man zehnmal nachfragt.“

Kinder drehen ein Erklär-Video

Steffi Wiegel lernt inzwischen auch von ihren 23 Schülern. „Die wissen manchmal mehr als ich“, sagt sie und schmunzelt. Manche haben schon ein Handy, fast alle dürfen zu Hause mehr oder weniger oft mit Computer und Tablets arbeiten - oder spielen. Mit einigen Kindern hat die Lehrerin ein Video gedreht, um die Schultechnik der Zukunft für Laien zu erklären.

Videos spielen im Unterricht generell eine wichtige Rolle. Um Unterrichtsinhalte zu vertiefen, um spielerische Elemente einzubringen. Die Entwicklung einer Raupe haben die Schüler selbst gefilmt, „das kann man sich immer wieder anschauen“, meint Steffi Wiegel. Hauptsache, der Unterricht ist lehrreich, spannend und flexibel zugleich.

Kontakt mit über 40 Schulen aufgenommen

Die Uhrzeit, ein schwieriges Thema, bringt Steffi Wiegel ihren Schülern mithilfe einer App und Erklär-Filmen bei. Immer wieder forscht sie im Internet nach geeigneten Hilfsmitteln. „Für das Medienkonzept der Grünen Schule hatte ich mit über 40 Schulen Kontakt, um zu erfragen, was gut funktioniert und was nicht.“

Zur Sache

Aus dem Medienkonzept der Grünen Schule

„Der Umgang mit Medien ist mittlerweile nicht nur für die Freizeit und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben relevant, sondern auch für den schulischen und beruflichen Erfolg. Die Medienkompetenz der Kinder hing bisher vom Elternhaus und (später) von den eigenen Vorlieben ab. Es ist sinn- und verantwortungsvoll, die Grundlagen der Medienkompetenz schon in der (Grund-) Schule zu vermitteln, um dem Recht auf Bildung und Chancengleichheit gerecht zu werden.“

Den Kindern gefällt der Unterricht. „Abwechslungsreich“, findet ihn Maria, „spannend“ sogar Mohammed. Die Eltern sind begeistert, mit wie viel Spaß die Kinder dem Unterricht folgen. „Sie lernen nachhaltiger“, sagt die Klassenlehrerin.

Ob die Leistungen der Mädchen und Jungen wirklich besser sind als an anderen Grundschulen, vermag sie nicht zu sagen. „Viel wichtiger ist meiner Meinung nach, dass der sachgerechte Umgang mit der Digitalisierung heute schon die vierte Kernkompetenz ist, die neben Rechnen, Schreiben und Lesen in der Schule vermittelt werden sollte.“

Die Unterrichtsstunde endet mit einem Lob. „Ihr habt gut gearbeitet“, sagt Steffi Wiegel ihren Schülerinnen und Schülern. „Wenn Ihr jetzt noch schnell aufräumt, gibt es den versprochenen Stopptanz.“ Und wenn im Unterricht bei einer Frage alle Kinder aufgezeigt haben, gibt es auch im Lehrerzimmer ein kleines Tänzchen.

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