Ausnahmezustand in Dorstener Arztpraxen: Östricher wartet in Quarantäne auf Abstrich

rnCoronavirus

Mehr als 140 Patientenkontakte pro Tag und fast genauso viele Anfragen per Telefon: In Dorstener Arztpraxen herrscht Ausnahmezustand. Schutzausrüstung und Corona-Tests sind rar.

Dorsten

, 18.03.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Grundversorger und erste Anlaufstelle leisten Hausärzte aktuell Schwerstarbeit. In der Praxis herrsche Ausnahmezustand, teilte die Gemeinschaftspraxis von Dr. Doris Giek und Mariusz Schattka auf Nachfrage mit. „Wir haben jeden Tag mindestens 140 Patientenkontakte und 130 Anfragen von Patienten auf dem Anrufbeantworter, zusätzlich zu den normalen Telefonaten, die wir während der Sprechstunde führen.“

Sich selbst schützen können die Ärzte kaum. Aktuell stehe nur sehr begrenzt Schutzausrüstung zur Verfügung, teilte die Praxis mit. „Momentan haben wir nur Handschuhe und sehr wenige Atemschutzmasken.“

Hervester Arzt macht Praxis vorübergehend dicht

Ein Hervester Arzt hat seine Praxis letzte Woche geschlossen, weil sich die Mitarbeiter kaum noch schützen konnten. „Wir hoffen, am 23. März wieder wie gewohnt unsere Arbeit aufnehmen zu können und dies auch angemessen in adäquaten Schutzanzügen“, schrieb der Arzt auf Facebook. Den Post hat er inzwischen gelöscht, weil er für seine Entscheidung im Netz angefeindet wurde.

Jetzt lesen

Ein Östricher rief den Hervester Arzt dennoch an, um von seinem Hausarzt zumindest den Vertretungsarzt zu erfahren. Der Lkw-Fahrer, der anonym bleiben möchte, befindet sich in häuslicher Quarantäne, weil er seit Samstag verdächtige Symptome hat: „Husten, bisschen Fieber, keinen Geschmack mehr und Kopfschmerzen“, wie er sagt.

Krankschreibungen ohne Patientenkontakt empfohlen

Die von ihm kontaktierten Praxen in Dorsten baten ihn dringend, nicht vorbeizukommen und boten eine 14-tägige Krankschreibung ohne Patientenkontakt an. Diese Vorgehen ist den Ärzten empfohlen worden. „Ich will aber keine Krankschreibung für zwei Wochen“, sagt der Östricher. „Wir haben schließlich auch eine Verantwortung der Wirtschaft gegenüber.“

Er will vielmehr Gewissheit, ob er sich tatsächlich mit dem Coronavirus angesteckt hat. Also kontaktierte er das Gesundheitsamt des Kreises Recklinghausen, wo man ihn wiederum an die Hausärzte zurückverwiesen bzw. gebeten habe, die bundesweit gültige Telefonnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (116 117) zu wählen. Die war am Montag aber komplett überlastet.

Erst am Dienstag erreichte er unter der Nummer jemanden. „Man hat mich auf jeden Fall ernstgenommen“, so der Östricher. Hellhörig sei man geworden, als der Lkw-Fahrer mitteilte, dass er letzte Woche im Chemiepark Marl gewesen sei. 14 Stunden später bekam der Östricher einen Rückruf mit unterdrückter Rufnummer: „Mir wurde mitgeteilt, dass ich unter Quarantäne stehe und wahrscheinlich am Mittwoch (18.3.) ein Abstrich gemacht werden soll.“ Details wurden nicht genannt - und am Mittwoch passierte auch nichts.

Liste mit allen Kontaktpersonen der vergangenen 14 Tage

Die Ungewissheit sei schlimm, sagt der Östricher, der eine Liste mit allen Kontaktpersonen der vergangenen 14 Tagen anfertigen sollte. „Da komme ich auf gut 30 Menschen im eigenen Umfeld - die Arbeit nicht mit eingerechnet. Wenn der Test positiv ist, sind das wahrscheinlich alles Kandidaten für die Quarantäne.“

Jetzt lesen

Die Praxis Giek/Schattka bestätigt, dass die Behörden derzeit am Limit arbeiten und telefonisch schlecht zu erreichen sind: „Wenn man sie erreicht, sind sie aber sehr freundlich und immer kompetent.“ Viele Anfragen laufen aufgrund der schlechten Erreichbarkeit derzeit per Fax.

„Wir würden uns wünschen, dass chronisch kranke, geschwächte und ältere Patienten sich nicht selber in Gefahr bringen und weiterhin selbst in die Praxis kommen“, appellieren die Dorstener Ärzte. „Sondern der Empfehlung folgen und sich hauptsächlich zu Hause aufhalten.“

Lesen Sie jetzt