Befremdliches Klima beim „Bürgerdialog“ der AfD in Dorsten

rnAfD in Dorsten

Nach der Demonstration für Vielfalt und Respekt in Dorsten fand der „Bürgerdialog“ der AfD in Dorsten statt. Das Klima ist befremdlich, was nicht nur an merkwürdigen Wetter-Theorien liegt.

Dorsten

, 18.09.2019, 19:03 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die „lasche“ Einlasskontrolle hat Hakan problemlos passiert, ebenso wie der Mann von den „Mainstreammedien“ neben ihm. Den Begriff hat die AfD geprägt, und er fällt schon in den ersten Sätzen der Begrüßung.

Wir befinden uns in Dorsten, sagt der Moderator, der sich namentlich dem Publikum nicht vorstellt. Es ist das einzige Mal, dass der Name der Stadt fällt. Es geht an diesem Abend nicht explizit um Dorsten, was der Vertreter des örtlichen Mainstreammediums ein bisschen schade findet. Aber es überrascht ihn nicht, denn die Themen der drei „Impulsvorträge“ waren ja bekannt.

AfD will das Land bunter machen

„Wir sind diejenigen, die das Land bunter machen“, sagt Jochen Haug. Er ist einer von drei Bundestagsabgeordneten, die in jeweils 20 Minuten ihre Sicht der Dinge zu einem Spezialgebiet erklären sollen. Hakan zieht die Stirn in Falten. Dann ist ja schon mal eine Stunde rum, bevor der „Bürgerdialog“ beginnt.

Befremdliches Klima beim „Bürgerdialog“ der AfD in Dorsten

Von den meisten Zuhörern gab es Applaus für die Ausführungen der drei Bundestagsabgeordneten. © Stefan Diebäcker

Die Forderung des ersten Redners ist leichte Kost. „Wir wollen die repräsentative Demokratie nicht abschaffen, sondern ergänzen um Volksabstimmungen auf Bundesebene.“ Applaus von Reihe eins bis neun. Alle sollen mitbestimmen können – das kapiert jeder und klingt doch spitze. Egal, was für ein Unsinn da möglicherweise herauskommt.

Über den organisatorischen Aufwand und die Kosten für den Steuerzahler spricht Herr Haug lieber nicht. Hauptsache, die „Altparteien“ in Berlin machen nicht mehr, was sie wollen.

Der Mensch macht nicht das Klima

Zum Beispiel über völlig überflüssige Kohlendioxid-Abgaben zu debattieren. Das kritisiert Dr. Michael Espendiller. Er ist promovierter Mathematiker, glaubt nach intensivem Studium verschiedener Klimamodelle die richtige Wetter-Formel zu kennen. Erstens: Es gibt Klimawandel. Zweitens: Der Mensch hat darauf keinen Einfluss, denn „wir kennen das Klima noch gar nicht“.

Na dann, hau doch weiter raus die giftigen Gase, möchte man ihm zurufen. Doktor Espendiller hat kein Problem damit, denn er meint ernsthaft: Pflanzen und die Weltmeere kriegen das schon in den Griff.

„Zurück zum rechten nationalen Weg“

An dieser Stelle wird vereinzelt gekichert, andere staunen mit offenem Mund. Die meisten Zuhörer applaudieren allerdings – und dann noch etwas mehr, als Martin Renner auf die Bühne kommt.

Der Mann, der von sich behauptet, den Partei-Namen der AfD „kreiert“ zu haben, war schon mehrfach in Dorsten und fordert wortakrobatisch, „den rechten nationalen Weg zu finden, nachdem wir jahrzehntelang gelinkst wurden“.

Er wollte mal katholischer Priester werden, „bis mich der Gott Eros berührt hat“, und hat sich nach eigener Aussage 30 Jahre mit dem Koran und dem Islam beschäftigt. „Der Islam passt nicht zu einer freiheitlichen und demokratischen Grundordnung.“ Punkt.

Nicht neu, die Aussage, wird aber trotzdem gefeiert. Bunt ist aber anders.

„Geht doch dahin zurück, wo ihr herkommt“

Eine bessere Dramaturgie kann es aus Sicht der Veranstalter wohl nicht geben. Jubelrufe brechen aus, donnernden Applaus gibt es von den meisten der mittlerweile rund 90 Zuhörern. Renner legt nach. Den beiden jungen Frauen muslimischer Herkunft, die mit einer Mischung aus Entsetzen und Belustigung auf solche und weitere Äußerungen reagieren, sagt er ins Gesicht: „Geht doch einfach zurück, da wo Ihr herkommt!“

Jetzt gibt es auch vereinzelte Pfiffe.

Befremdliches Klima beim „Bürgerdialog“ der AfD in Dorsten

Etwas ein Dutzend Gegner der AfD fanden Einlass in die Petrinum-Aula. © Stefan Diebäcker

Ein anderer Kritiker wundert sich, dass „die Vielfalt nach ihrer Meinung nicht möglich ist, wenn Menschen zu uns kommen, hier arbeiten und sich integrieren wollen, weil sie aus einem Kreisgebiet kommen“. Ein junger Mann wundert sich, dass der Fast-Priester den Koran wörtlich auslege, aber man ja auch den christlichen Glauben nicht ausleben könne, wenn man die Bibel wörtlich auslege.

Hakan bringt es auf den Punkt. „Der Mann spricht die Unwahrheit.“ Er meint den Politiker.

„Wo bleibt denn da die Freiheit?“

Renner, der schwäbische Schwadronierer und Koran-Kritiker, warnt, dass man „mit den Mitteln der Demokratie die Demokratie abschaffen kann“. Wenn nämlich „die“ die Mehrheit bekämen.

Nicht nur eine junge Frau mit Kopftuch, die nach eigener Aussage in Deutschland geboren wurde, fragt sich in diesem Moment: „Sie reden von Freiheit. Wo, bitte, bleibt die Freiheit, wenn ich meine Religion nicht richtig ausüben darf?“

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Hakan schaltet sich ein. „Kultur unterliegt Wandel, richtig?“ Kein Widerspruch. Er will wissen, was für die AfD „die Nation“ bedeute. Der Abgeordnete redet, aber er beantwortet die Frage nicht.

Wir sind ein Land voller Terroristen?

Da schaltet sich ein Zuhörer ungefragt ein: „Wir haben Terroristen und hochgradige Gefährder mit einer halben IS-Armee im Land, das hat mit Integration nichts zu tun. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.“ Woher er diese geheimdienstlichen Erkenntnisse hat, sagt er nicht, stört aber auch niemanden.

Und spätestens jetzt wird es abstrus. Der Moderator lenkt geschickt die Diskussion auf den Klima-Kenner, der auf Stichwort referiert: „Deutschland hat am weltweiten, menschgemachten CO2-Ausstoß einen Anteil von 2,3 Prozent. Tendenz sinkend, weil natürlich gerade in Indien und China haufenweise Kohlekraftwerke gebaut werden.“

„Der Klimawandel ist nicht menschgemacht“

Was er sagen will: Die ganze Klimadiskussion in Deutschland, die Freitag-Demos, die vielen und teuren Umweltschutzmaßnahmen seien mit Blick auf die verschiedenen Modelle für die Katz. „Damit verlegt man den Weltuntergang allenfalls um ein paar Wochen nach hinten.“

Ein junger Umweltaktivist widerspricht, wird aber letztlich auf die späteren „bilateralen Gespräche“ vertröstet.

Herr Espendiller bekommt derweil ungefragt Unterstützung aus dem Publikum. „Jedes in Betrieb befindliche Windkraftrad trägt zur Erderwärmung bei“, sagt ein älterer Herr. Diese Erkenntnis verblüfft sogar den AfD-Politiker. „Wenn Hundertausende Windräder sich dem Wind in den Weg stellen, wird die Erde weniger abgekühlt.“ Aha!

Wenn die Eiszeit abklingt, wird es wärmer...

Das Schlusswort gehört einem bulligen Mann aus der hinteren Reihe, der zwischendurch den Bundespolitikern schon mal „Daumen hoch“ signalisiert hatte.

„Wir hatten vor 12.000 Jahren die letzte Eiszeit. Für Biologen war das erst gestern. Und wenn eine Eiszeit abklingt, wird es automatisch wärmer. Da hat der Mensch nichts mit zu tun.“

Mittlerweile sind auch die Temperaturen in der Petrinum-Aula gestiegen. Zeit, die Diskussion zu beenden. Hakan will sich noch ein paar der bereitgestellten Häppchen gönnen und ein bisschen weiterdiskutieren.

Der Vertreter des örtlichen Mainstreammediums macht Feierabend. Doch er weiß: Am nächsten Tag liest er sich seine umfangreichen Notizen noch mal durch. Auch wenn er längst nicht alles wird schreiben können, was an diesem Abend gesagt wurde. Was wahrscheinlich auch besser so ist.

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