Darum geht es beim Streik in den Kitas

Unbezahlbar und unterbezahlt

Die Gewerkschaft Verdi hat die Erzieher der städtischen Kitas für heute (15. 4.) zum Streik aufgerufen. Ein Besuch in der Kita Wittenbrink in Wulfen macht deutlich, worum es geht.

Dorsten

, 15.04.2015, 09:53 Uhr / Lesedauer: 3 min

Chris Altkemper (19) steht neben einem Baum. Ein Mädchen singt ihm "Die Eisprinzessin" auf Spanisch vor, hält seine Hände. Auf dem Baum klettern Kinder herum, die Chris nicht aus den Augen lassen darf. Plötzlich kullern Tränen auf einen Ast. Chris hebt das Mädchen, das weint, herunter. Jetzt ist er Trostspender. Im nächsten Moment Küchenhilfe. Dann Entertainer. Wer wie Chris in einer Kindertagesstätte (Kita) arbeitet, würde sich manchmal am liebsten vervielfältigen. Und das Gehalt gleich mit.

Chris Altkemper ist Jahrespraktikant in der Kita Wittenbrink in Wulfen. Die Kinder lieben ihn. Und er liebt die Arbeit mit den Kindern. Das sagt er. Und das sieht man, wenn man ihn im Trubel des Kita-Alltags beobachtet.

Einstiegsgehalt kann bei 1200 Euro liegen

Aber später Erzieher werden - das kann der 19-Jährige sich nicht vorstellen. Vor allem wegen des Gehalts. Vor dem fünften Ausbildungsjahr gibt es gar nichts. Das Einstiegsgehalt kann bei 1200 Euro liegen. Das ist zu wenig, findet Chris Altenkemper. Das ist zu wenig, finden die Erzieher in der Kita Wittenbrink. Das ist zu wenig, findet die Gewerkschaft Verdi. Sie fordert Einkommenssteigerungen von durchschnittlich zehn Prozent und hat die Erzieher der städtischen Kitas für heute zum Streik aufgerufen. Kirchliche Einrichtungen - Träger der Kita Wittenbrink ist der Verband der evangelischen Kirchengemeinden - sind nicht vom Streik betroffen. Aber das Team um Kita-Leiterin Ulrike Scherer (49) steht hinter den Forderungen von Verdi.

Mehr Geld ist nur ein Punkt auf der Wunschliste der Kita Wittenbrink. Ganz oben steht der Wunsch nach Anerkennung. "Wir sind nicht die Spiel- und Basteltanten", sagt Erzieherin Angelika Schober (60). "Und wir trinken auch nicht ständig Kaffee und amüsieren uns über die lustigen Sachen, die die Kinder machen."

Der Personalschlüssel

Und dann ist da noch der Personalschlüssel. Sarah Tiné (26) betreut mit zwei weiteren Erziehern und Chris 23 "Fische" (U3) in ihrer Gruppe. Sie verbringen den Tag mit 26 "Eichhörnchen" (U3) und 22 "Bären". Auf 71 Kinder kommen zehn Erzieher, der Jahrespraktikant, eine Anerkennungspraktikantin und eine Hauswirtschaftskraft, die aber "viel zu wenige Stunden da ist", sagt Schober.

Und die Kollegen stimmen ihr zu. "Es funktioniert, solange alle da sind", sagt Tiné. "Aber auch Erzieher sind mal krank." Problematisch findet das Kita-Team vor allem, dass die Zahl der Erzieher sich aufgrund des Gesetzeslage jährlich neu berechnet, anhand der Stunden, die die Eltern buchen. "Wenn die Stundenzahl sinkt, kann es passieren, dass befristete Verträge nicht verlängert werden können", sagt Schober. Sie ist seit 1995 dabei, hat viele Veränderungen miterlebt. Auch die Ausweitung der U3-Betreuung.

"...dann stößt man schon mal an seine Grenzen"

Die Kleinsten in der Kita, sie müssen noch gewickelt werden, brauchen Hilfe am Esstisch und besonders in der Eingewöhnungsphase viel Nähe und Trost. Gleichzeitig wollen die Älteren gefördert und gefordert werden, im Atelier, in der Leseecke, an Lernstationen. Und manchmal wollen alle alles gleichzeitig. "Wenn das Wetter gut ist, dann ist meist auch die Laune der Kinder gut", sagt Tiné. "Aber es gibt eben auch andere Tage. Dann stößt man schon mal an seine Grenzen."

Was Tiné sehr zu schätzen weiß: "Hier ist es selten lange richtig laut." Das liege an den vielen Freiheiten der Kinder. Sie können sich frei in der Kita bewegen, müssen wenig und dürfen viel.

Auf jedes einzelne Kind eingehen

Wer trotz Sonnenschein nicht nach draußen gehen will, der geht nicht nach draußen. Wer nichts essen will, der isst nichts. "Das war früher ganz anders", sagt Scherer. "Ich finde es grausam, dass die Kinder zum Essen gezwungen wurden. Wer nicht lernt, Verantwortung für seinen Körper zu übernehmen und am Tisch fremdbestimmt handelt, der kämpft später schnell mit Essstörungen." Sowohl Scherer als auch Tiné erinnern sich nicht gerne an ihre eigene Kindergartenzeit zurück.

"Ich musste immer puzzeln", sagt Scherer, "obwohl ich Puzzle gehasst habe. Diese Abneigung habe ich noch heute. Und ich erinnere mich daran, dass die Kinder, die nicht stumpf und leise vor sich hinpuzzeln wollten, bestraft wurden. Sowas ist heute nicht mehr vorstellbar." Tiné erinnert sich daran, wie in ihrer Kindergartenzeit alle stets alles zusammen machen mussten. "Die Freiheiten, die die Kinder heute haben, hatten wir nicht. Heute gehen die Erzieher viel mehr auf das einzelne Kind ein." Und dokumentieren mehr.

Praktikant hat andere Pläne

Dass der Beruf des Erziehers anstrengend ist, hat Praktikant Chris sich zu Beginn bereits gedacht, sagt er. "Und jetzt weiß ich es."

Das Team der Kita Wittenbrink ist traurig, dass Chris sich nicht vorstellen kann, Erzieher zu werden. Aber es kann den 19-Jährigen verstehen. "Wenn die Gesellschaft will, dass junge Menschen Erzieher werden", sagt Scherer, "dann muss sie auch die Grundlagen schaffen."

 

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