Das Museum lässt nicht nach im Kampf gegen Antisemitismus

rnJüdisches Museum

London - Dorsten. Für Dr. Kathrin Pieren war es eine direkte Verbindung von der englischen Metropole in die westfälische Gemeinde. Sie leitet seit 1. Juli das Jüdische Museum Westfalen.

Dorsten

, 30.07.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie hat eine Wohnung in Hervest gefunden und sich ein Fahrrad gekauft. Und Möbel, denn Dr. Kathrin Pieren hat wegen der hohen Mietpreise rund um London zuvor in einer Wohngemeinschaft gelebt. Die erste hauptamtliche Leiterin des Jüdischen Museums Westfalen ist seit Mitte Juni in ihrer neuen Wahlheimat unterwegs, seit 1. Juli im neuen Job - und hat schon das Gefühl, angekommen zu sein.

Von London nach Dorsten - wie kann das passieren? Kathrin Pieren lacht: „Das werde ich oft gefragt.“ 17 Jahre hat sie in Großbritannien gelebt, unter anderem im eher beschaulichen Petersfield in Hampshire, bevor sie 2016 Sammlungsleiterin und Kuratorin für Sozial- und Militärgeschichte am Jewish Museum in London wurde.

Muttersprache der gebürtigen Bernerin ist Schweizerdeutsch

Als sie in die britische Metropole zog, hatte sie also auch schon Erfahrung mit kleineren Städten, sozusagen von Geburt an. Denn Kathrin Pieren stammt aus dem schweizerischen Bern, das in etwa doppelt so viel Einwohner hat wie Dorsten. Schweizerdeutsch ist ihre Muttersprache.

Bis sie die Ausschreibung des Jüdischen Museums gesehen habe, berichtet sie, habe sie von Dorsten noch nie etwas gehört. Ihr Vater habe einst in Köln studiert, dennoch sei ihr das Bundesland Nordrhein-Westfalen eher unbekannt gewesen. Der Blick ins Internet habe dann offenbart, dass das hiesige Museum „in jeder Hinsicht ein attraktives Haus in einer schönen Umgebung ist.“ Pieren: „Dieses Museum ist zwar klein, es macht aber alles, was große Museen auch machen, nur etwas bescheidener.“

Museum ist in der Stadtgesellschaft verankert

Zum Vorstellungsgespräch sei sie erstmals in Dorsten gewesen, das im Übrigen viel näher an der Familie in der Schweiz liege als London. „Das Haus und sein Konzept haben mir gleich gefallen“, sagt Kathrin Pieren. „Man spürt, dass das Jüdische Museum in der Stadtgesellschaft verankert ist.“

Sie hofft nun, dass das Museum durch die erste hauptamtliche Leitung in der 28-jährigen Geschichte noch mehr Menschen erreichen kann. „Es soll ein Museum für alle sein“, wünscht sich Kathrin Pieren. „Wir bekommen schließlich öffentliche Gelder, das ist auch eine Verpflichtung.“

Die Arbeit gegen Antisemitismus hört niemals auf

Das Ziel der Museumsgründer, der Bürgerinitiative „Dorsten unterm Hakenkreuz“, die jüdische Kultur und die regionale jüdische Geschichte zu vermitteln, habe nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Kathrin Pieren: „Es gibt immer noch antijüdische Vorurteile, und Antisemitismus wird offenbar wieder salonfähig. Da haben wir als Museum eine Aufgabe.“ Dabei gehe es nicht nur um jüdisches Leben in Deutschland oder Westfalen. „Wir müssen uns doch auch fragen, wie wir jetzt mit Minderheiten umgehen. Das Museum sollte ein Raum sein, um das zu diskutieren.“

Dr. Kathrin Pieren Jüdisches Museum Westfalen

An dieser Stelle im Museum können Besucher hören, was für jüdische Menschen Heimat bedeutet. © Petra Berkenbusch

Kathrin Pieren fallen auf Anhieb viele weitere Dinge ein, die sie sich in einem Museum vorstellen kann: Konzerte, Lesungen, Kinderprogramme, Wechselausstellungen. Für Dorsten alles nicht neu, aber ausbaufähig. Damit auch Touristen, von denen immer mehr mit dem Rad in der Region unterwegs sind, an der Julius-Ambrunn-Straße häufiger Halt machen, will die Museumsleiterin die Werbung intensivieren: „In jedem Hotel der Umgebung sollten unsere Flyer liegen.“

Mit einer Mehrjahresplanung will Kathrin Pieren künftig die strategische Planung der Museumsarbeit auf sichere Füße stellen. Werbung wird dabei eine ebenso wichtige Rolle spielen wie Digitalisierung. Ihre internationale Vernetzung will Kathrin Pieren einsetzen, um das Dorstener Haus und seine Ausstellungsstücke noch weiter über die Grenzen der Region bekannt zu machen.

Studium in Bern und Neapel

Die Promotion verfestigte das Interesse an jüdischer Geschichte
  • Kathrin Pieren hat italienische Sprache und Literatur, Soziologie und Politikwissenschaft in Bern und Neapel studiert.
  • Nach einigen Jahren bei der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften machte sie einen Master-Abschluss in Museum Studies an der Newcastle-Universität in Nordengland.
  • An der University of London promovierte sie in moderner Geschichte mit einer Studie zu jüdischen Ausstellungen und Museen.
  • Diesem Themenfeld blieb die 50-Jährige seither treu.
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