Das zahlen Dorstener Abiturienten für den Abiball

rnAbiball

Dorstens Abiturienten bekommen in wenigen Wochen ihre Abschlusszeugnisse. Dann wird das Ende der Schulzeit ausgiebig gefeiert. Das kostet - viel mehr als zu Schulzeiten ihrer Eltern.

Dorsten

, 31.05.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Wettlauf um die beste Location für den Abiball begann für den Abschlussjahrgang 2019 des St.-Ursula-Gymnasiums schon Ende 2017. „Glück“ nennt es Stufensprecherin Celina Binder, dass die jungen Dorstener einer anderen Schule die Victoria-Halle in Marl vor der Nase weggeschnappt haben. „Die Jahrgänge vor uns haben immer in der Vision-Halle in Gelsenkirchen gefeiert, aber die war damals schon vergeben.“ Anderthalb Jahre vor der Zeugnisausgabe ...

„Der Trend geht zur Amerikanisierung“

Wer angemessen feiern will, muss frühzeitig planen. Doch was ist überhaupt angemessen? Tilda Isimbi (16) aus Dortmund, Vorstandsmitglied der Landesschülervertretung, gibt zu: „Der Trend geht zur Amerikanisierung, immer noch größer. Das liegt nicht am Staat oder an den Schulen, sondern an uns Schülern.“

Mit 35.000 Euro kalkulieren die Ursulinenschüler in diesem Jahr, sagt Celina Binder. Die Halle, der DJ, der Bus-Shuttle - ein teurer Spaß, aber im Vergleich offenbar nicht überdimensioniert. Tilda Isimbi hat schon von Schulen gehört, bei denen der Abiball „bis zu 60.000 Euro“ kostet. Dieter Cohnen pflichtet ihr bei. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Landeselternschaft der NRW-Gymnasien: „Meine Tochter macht 2020 in Aachen Abitur. Sie rechnet bei 75 bis 80 Schülern mit 23.000 Euro.“

650 Gäste werden zum Abiball erwartet

Am St.-Ursula-Gymnasium in Dorsten bekommen in wenigen Wochen etwa 130 Schüler das Abschlusszeugnis. 650 Gäste werden am 6. Juli zum Abiball in Marl erwartet. Die Absolventen, Freunde und Familien zahlen 45 Euro Eintritt, Essen und Softdrinks inklusive. „Damit ist ein Großteil der Kosten gedeckt“, rechnet Celina Binder vor. Kuchen- und Waffelverkauf und Abivorfeten spülen ebenfalls Geld in die Kasse - „das ist ein schöner Prozess“, findet die Stufensprecherin rückblickend.

Das zahlen Dorstener Abiturienten für den Abiball

Stufensprecherin Celina Binder und ihre Mitschüler aus dem Abijahrgang des St.-Ursula-Gymnasiums rechnen mit 650 Gästen beim Abiball. © privat

30 Euro hat jeder Schüler vorgestreckt, damit die begehrte Halle reserviert werden konnte. Denn Abibälle sind ein Riesen-Geschäft. Etliche Agenturen haben sich darauf spezialisiert. So kann man etwa bei der Dortmunder Agentur Abigrafen.de nicht nur den Ball bestellen, sondern eine Abizeitung, T-Shirts und mehr. Gegen Extra-Bezahlung, versteht sich.

Abiturfeiern

Erst brav, dann verpönt, jetzt pompös

  • Abiturfeiern spiegeln den Zeitgeist, sagt Volkskundlerin Christiane Cantauw vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster:
  • 50er- und 60er-Jahre: Neben der Zeugnisübergabe mit Musik und Reden gab es bescheidene und angepasst-brave Abitur-Feste. Feiern mit Alkohol und Tanz fanden eher im privaten Kreis statt.
  • 70er-Jahre: Ein Abitur-Ball war vielerorts verpönt. Das Abitur stand einerseits unter dem Einfluss der 68er. Andererseits sorgte der wirtschaftliche Abschwung für ein „No future-Gefühl“. So sah man oft keinen Grund, das Abitur zu feiern – als Zeichen gegen das Establishment und aufgrund fehlender Job-Aussichten. So ließen sich Abiturienten bisweilen die Zeugnisse zuschicken, organisierten Anti-Aktionen.
  • 80er-Jahre: Nun wurde wieder gefeiert, allerdings recht normal: Es wurde kein großer Kleider-Aufwand betrieben, oft brachten die Teilnehmer zum Büfett etwas zu essen mit.
  • Ab Ende 80er-Jahre: Die Abi-Bälle haben sich bis heute gesteigert, sind inzwischen sehr groß, sehr professionell. Auch die Bräuche neben dem Abi-Ball haben sich gesteigert – zum Beispiel gibt es große Abitur-Zeitungen, der letzte Schultag wird ebenso gefeiert wie die Mottowoche. Gründe sind sicherlich einerseits eine Traurigkeit, die Schule und Stufengemeinschaft verlassen zu müssen, andererseits eine Eintrittskarte für Job und Auskommen zu erhalten.

Am Gymnasium Petrinum geht es kaum bescheidener zu. 15.000 Euro kostet der Abiball am 5. Juli im Gladbecker Van der Valk-Hotel, es werden aber auch „nur“ 300 Gäste erwartet. „Wir Abiturienten bekommen die Karte geschenkt, Eltern, enge Freunde und Lehrer zahlen 30 Euro“, sagt Schülerin Janne Rößmann. „Wir haben den Ball außerdem durch verschiedene Caterings, einen Schüler-Kiosk und unsere Abivorfete im April finanziert.“

„Das kostet mehrere hundert Euro“

Und der Ball ist nicht alles. „Hinzu kommt festliche Kleidung und bei Mädchen der Haarschmuck“, sagt Dieter Cohnen von der Landeselternschaft. Unterm Strich koste die Abifeier eine Familie schnell mehrere hundert Euro. Petrinum-Schülerin Janne Rößmann bestätigt das im Wesentlichen: „Das ist bei Jungen und Mädchen sehr unterschiedlich, glaube ich. Viele Jungs tragen Anzüge, die sie schon haben und kaufen sich nur ein neues Hemd“, sagt sie.

Mädchen seien da oft anspruchsvoller, denn oft werde zur morgendlichen Entlassfeier ein anderes Kleid getragen als beim Abiball. „Zwischen 200 und 500 Euro wird das inklusive Schuhe und Accessoires kosten“, tippt Janne Rößmann. Celina Binder (St. Ursula) glaubt, mit 200 Euro auszukommen. Geld, das nicht jeder hat.

„Die Lauten wollen es pompös“

Hilfe vom Staat gibt es für Bedürftige nicht. Im Herbst 2018 wies das Sozialgericht Düsseldorf die Klage von Hartz-4-Empfängern auf Kosten-Übernahme ab. Tilda Isimbi aus der Landesschülervertretung sagt: „Viele verstehen, dass es nicht zu teuer werden darf. Aber es gibt immer Leute, die es noch pompöser wollen. Und die sind lautstark.“ Wer weniger Geld habe, traue sich nicht, das zu sagen. „Dann gewinnen die Lauten.“

Lesen Sie jetzt