David Schraven recherchierte Hintergründe zum NSU

Investigativer Journalist zu Gast

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und der "Fall Tschäpe" sind kein auf Thüringen beschränktes Phänomen. Das sagte David Schraven vom Recherchebüro „Correctiv“ aus Essen am Montagabend (1.2.) im Jüdischen Museum.

Dorsten

, 02.02.2016, 17:40 Uhr / Lesedauer: 2 min
David Schraven recherchierte Hintergründe zum NSU

Norbert Reichling (l. Jüdisches Museum) und Sabine Podlaha (VHS) hatten den investigativen Journalisten David Schraven (M.) eingeladen, um über seine Recherchen zum NSU, die er in der grafischen Reportage "Weiße Wölfe" dargestellt hat, zu diskutieren.

Der Journalist betonte in seinem Vortrag: „Auch in Dorsten gibt es das Potenzial, dass sich zusammen mit Städten aus dem Umkreis solche Bewegungen entwickeln.“ Warum fährt man von Thüringen nach Dortmund, um einen Türken umzubringen? Jahrelang trieb Schraven diese Frage um.

Strukturen hinter dem NSU

Bei seinen Recherchen stieß er auf die Strukturen hinter dem NSU und ist nun überzeugt: „Es gibt in Deutschland mehrere Gruppen, die mindestens auch zur Gewalt bereit sind.“ Polizeisprecher Michael Franz betonte am Dienstag (2.2.) auf Nachfrage unserer Redaktion: „Es gibt in Dorsten keine Hinweise auf feste Strukturen. Es gibt Einzelpersonen, die rechtsradikal auffällig geworden sind, aber keine feste Gruppierung.“

Doch zurück zum Vortrag vom Montagabend: In seiner grafischen Reportage „Weiße Wölfe“ hat David Schraven seine Recherchen rund um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zusammengefasst. Seine Ausführungen hinterließen bei den Gästen ein mulmiges Gefühl. Der investigative Journalist beschäftigte sich jahrelang mit der rechtsextremen Szene, aus der sich auch der NSU gründete, weil er nicht glauben konnte, dass es sich bei dieser Gruppe um einen Einzelfall handelt: „Der NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe klärt nicht die Zusammenhänge auf.

"Blood & Honour"

Es geht allein darum, ihr die Schuld nachweisen zu können, das hängt nur von ein paar Fingerabdrücken ab.“ Dabei steckt hinter dem NSU ein rechtsradikales Netzwerk, das in ganz Europa agiert. Auch der NSU bildete sich nach Schravens Recherchen aus der „Blood & Honour“-Gruppe, die international agiert und über legale Wege rechtsradikale Propaganda betreibt. „Blood & Honour“ „Musik ist für die Szene besonders wichtig. Bei Konzerten können sich kleine Gruppen austauschen und in Kontakt treten, gleichzeitig wird auch eine Menge Geld eingenommen, das dann in den illegalen Arm dieser Szene fließt“, erklärt der Journalist.

Mitglieder von „Blood & Honour“ findet man auch im Ruhrgebiet, vor allem in Dortmund, wo David Schraven lange in der Szene recherchierte. Für den Journalisten begann die „Reise durch das Grau“, nachdem er erste Polizeiakten und Verfassungsschutzpapiere ausgewertet hatte. Dass es so lange dauerte, dass vom Staat hinter den Morden ein rechtsradikaler Hintergrund vermutet wurde, findet Schraven erschreckend: „Ich habe Unterlagen erhalten, die den NSU schon lange, bevor es bekannt wurde, mit den Morden in Verbindung bringen.“

Kleine Terrorzellen

Denn in Dortmund traf er auf „Blood & Honour“-Anhänger, die ihm auch erklären konnten, dass sich aus dieser legalen Gruppe kleinere Terrorzellen bilden, die autonom agieren und alle ähnlich wie der NSU zusammengesetzt sind. Auffällig ist, dass der Verfassungsschutz schon lange von dieser Gruppierung gewusst haben muss, denn etliche V-Männer waren im direkten Umfeld des NSU positioniert, trotzdem handelte der Staat lange nicht: „Für mich hat der Staat vollkommen versagt. Es ist mir ein Rätsel, wie der Verfassungsschutz so lange nicht auf die Idee gekommen ist, Dinge zu verknüpfen“, so Schraven.

„Letztendlich ist die Aufklärung für mich eine gesellschaftliche Aufgabe, die sowohl die Politik in Untersuchungsausschüssen übernehmen muss, aber auch Rechercheure und Journalisten, die zusammen dafür sorgen können, dass die Wahrheit ans Licht kommt und daraus politische Konsequenzen gezogen werden können“, so Schraven.

Lesen Sie jetzt