Nur die Abschussklassen werden derzeit in den Dorstener Schulen unterrichtet. Die meisten Schüler bleiben im Distanzunterricht. Doch bis das klar war, gab es viel Ärger und Ungewissheit. © dpa
Coronavirus

Der Ärger um den Distanzunterricht – das Protokoll der Chaostage

Dorstens Schüler sind weiter im Distanzunterricht. Doch bis das entschieden war, vergingen zwei Tage mit Ärger und Unverständnis in vielen Familien. Das Protokoll der beiden Chaostage.

Vernünftig“, sagen die einen, „rechtswidrig“ die anderen. Es geht um den Vorstoß des Kreises Recklinghausen und seiner zehn Städte, frühzeitig den Distanzunterricht an den Schulen zu verlängern. Bis Eltern, Schüler und Lehrer Gewissheit hatten, was am Montag (19.4.) gilt, vergingen zwei Tage.

Die Dorstener Zeitung hat versucht, den Zeitablauf der beiden Chaostage zu rekonstruieren. Das Protokoll belegt, dass Kreis und Kreisstädte angesichts steigender Inzidenzzahlen und zunehmender Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig bemüht waren, die Klassenräume geschlossen zu halten. Doch in Düsseldorf hatte man es offenbar nicht so eilig.

Donnerstag, 15. April

9.30 Uhr: Landrat Bodo Klimpel (CDU) trifft sich (digital) mit den Bürgermeistern der zehn Kreisstädte. Allen Beteiligten ist klar: Am Wochenende oder spätestens Anfang der nächsten Woche überschreitet der Kreis Recklinghausen die 200er-Inzidenz. Vereinbart wird, dass der Landrat einen Brief ans Schulministerium schreibt mit der Bitte, den Wechselunterricht weiterhin auszusetzen.

Freitag, 16. April

12.07 Uhr: Aus Düsseldorf gibt es noch kein Signal, das Wochenende naht jedoch. Also veröffentlicht die Kreisverwaltung eine Pressemitteilung, dass die Berufskollegs im Distanzunterricht bleiben. Sie befinden sich in Trägerschaft des Kreises. Landrat Bodo Klimpel („Die Lage auf den Intensivstationen spitzt sich zu“) sagt: „Es wäre schwer vermittelbar, wenn wir Montag und Dienstag in den Wechselunterricht gehen würden, um anschließend wieder in den Distanzunterricht zurückzukehren.“

13.27 Uhr: Bürgermeister Tobias Stockhoff fragt bei allen Schulleitern nach, ob sie seiner Empfehlung folgen würden, den Wechselunterricht auszusetzen. Wichtig ist allen: Familien sollen frühzeitig wissen, was ab Montag gilt.

14.11 Uhr: Die Stadt veröffentlicht eine Pressemitteilung, dass alle Schulen ab Montag im Distanzunterricht bleiben. Aus Düsseldorf gibt es noch immer keine Rückmeldung auf den Brief vom Vortag. Es wird nachgefragt.

ca. 15.30 Uhr: Der Kreis und seine Städte bekommen einen Hinweis aus dem Schulministerium, dass die Vorgehensweise „gegebenenfalls rechtswidrig“ sei. Denn die 200er-Inzidenz sei ja noch nicht erreicht. Außerdem fehle der „formale Antrag“.

Landrat Bodo Klimpel bekam auf seinen Brief an die Landesregierung zunächst keine Antwort. © Hendrik Griesbach © Hendrik Griesbach

ca. 17 Uhr: Die NRW-Landesregierung veröffentlicht eine Liste mit 13 Kreisen und kreisfreien Städten, deren Schulen ab Montag im Distanzunterricht bleiben dürfen. Tenor: „Die Landesregierung schafft schon jetzt die Vorgaben, die den noch ausstehenden geplanten bundeseinheitlichen Regelungen entsprechen.“ Der Kreis Recklinghausen fehlt in dieser Liste.

Zwischen Recklinghausen (Kreis), Dorsten (Stadt), Münster (Bezirksregierung) und Düsseldorf (Land) glühen die Drähte.

ca. 19.30 Uhr: Die Kreisverwaltung schickt eine neue Allgemeinverfügung mit der Bitte um Genehmigung an das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, damit alle Schulen am Montag kreisweit einheitlich im Distanzunterricht bleiben. „Wir hatten mit unserem Schreiben von Donnerstagmittag versucht, frühzeitig Planungssicherheit für die Schulen und die Familien zu schaffen“, rechtfertigt Landrat Bodo Klimpel das Vorgehen.

21 Uhr: Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff sagt: „Im Sinne der Eltern, Kinder und Schulen hoffe ich, dass es zu einer Lösung kommt, die dem hohen Infektionsgeschehen Rechnung trägt.“ Die kreisweite Allgemeinverfügung wird erst mit der Genehmigung durch das Ministerium gültig – und die kommt am Freitagabend nicht mehr.

Samstag, 17. April

11.04 Uhr: Im Kreis Recklinghausen wird es weiterhin Distanzunterricht geben. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) hat sein Einvernehmen zur Allgemeinverfügung erteilt, die der Kreis Freitagabend auf den Weg gebracht hatte, heißt es in einer Pressemitteilung.

„Aufgrund der deutlich höheren Ansteckung gerade bei Jüngeren ist der weitere Distanzunterricht geeignet, um das Infektionsrisiko zu reduzieren“, heißt es in der Allgemeinverfügung, „Bei Kindern unter 10 Jahren liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Recklinghausen trotz der Osterferien und der Schulschließung in dieser Woche bei 204,7 und bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 19 bei 298,8.“

Die Dorstener SPD hat in einem Schreiben an NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) das Vorgehen von Kreis und Stadt ausdrücklich gelobt. „Der Landrat des Kreises Recklinghausen und die zehn Bürgermeister des Kreises zeigen Weitblick, da sie vorausschauend beim Distanzunterricht bleiben wollten. Leider fehlt der Landesregierung hier scheinbar der Durchblick. Aber das passt ins Bild: Eher wird neuerdings die Gewöhnung an etwas höhere Inzidenzzahlen empfohlen, wie von Herrn Laumann kürzlich in einem Interview geäußert.“

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Redaktionsleiter in Dorsten
Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
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Stefan Diebäcker