Der neue Pfarrer von St. Agatha in Dorsten muss seinen Elan noch zügeln

rnOsterliturgie ohne Gläubige

Bei der Osterliturgie wird er in der Kirche allein vor der Kamera stehen. Gut, dass der neue Pfarrer von St. Agatha, Dr. Stephan Rüdiger, sich mit Fernsehen bestens auskennt.

Dorsten

, 29.03.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Er hätte Lehrer werden können oder Arzt. Später öffnete sich auch noch einmal eine Tür zu Film und Fernsehen. Aber Stephan Rüdiger ist Pfarrer geworden. Katholischer. Und neuerdings in Dorsten. Hier fühlt er sich derzeit allerdings wie „ein Goldfisch im Glas“.

Praktisch direkt nach seiner Amtseinführung am 1. März lähmte Corona auch das kirchliche Leben in der Stadt. Veranstaltungen und Gottesdienste fallen aus, Treffen werden abgesagt. „Da ist man schon im Sprung gehemmt“, klagt Pfarrer Rüdiger, der mit ganz viel Elan ans neue Werk gehen wollte. Auch Ostern wird er wieder die Liturgie allein in der Kirche vor der Kamera feiern, während die Gläubigen sein Tun am heimischen Computer verfolgen und dort mitbeten.

Corona lähmt den Elan des neuen Pfarrers von St. Agatha

„Das ist ein unvorteilhafter Beginn“, sagt der 45-Jährige, der sich noch keinen wirklichen Überblick über sein neues Tätigkeitsfeld verschaffen konnte. „Es gab eine Pfarreiratssitzung, an der ich teilnehmen konnte“, erzählt er. „Meine erste Sitzung mit dem Kirchenvorstand musste ich gleich wegen Corona absagen.“ Er habe die Schulen noch nicht kennengelernt und schon gar nicht alle Akteure seiner Gemeinde. Er hofft, dass die Einarbeitung in Richtung Sommer so richtig Fahrt aufnimmt.

Einführung von Pfarrer Dr. Stephan Rüdiger in St. Agatha

Die Gemeinde bereitete Stephan Rüdiger Anfang März einen herzlichen Empfang. © Petra Berkenbusch

Bis dahin wird auch die Wohnung komplett fertig sein. Viele Umzugskartons sind schon ausgepackt, und so verrät ein Blick auf das moderne Regal im Arbeitszimmer eine Leidenschaft des Pfarrers: Playmobil-Schiffe.

Ich hätte Justus, Peter und Bob von den „Drei Fragezeichen“ gern mal persönlich getroffen.
Dr. Stephan Rüdiger

In diesem Fall ist es die Arche Noah. Erklärt ist diese Leidenschaft schnell: „Als Kind habe ich mir immer ein Piratenschiff von Playmobil gewünscht. Das fanden meine Eltern aber zu teuer. Später habe ich mir dann selbst das erste gekauft.“

Seine Leidenschaft für den Film half bei der Doktorarbeit

In einem Fach unter dem symbolträchtigen Spielzeugschiff steht ein dicker Wälzer: Fast 1000 Seiten umfasst seine Doktorarbeit, die nicht nur seine wissenschaftlichen Fähigkeiten, sondern gleich von einer zweiten großen Leidenschaft zeugt: dem Film.

Mein Lieblingsfilm ist „Der Club der toten Dichter“.
Dr. Stephan Rüdiger

„Vom Schauen zum Glauben“ ist der Titel, „Exegetische Untersuchung und filmanalytischer Vergleich der Passionsdarstellungen bei ausgewählten Jesusfilmen als Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Neuen Testaments“ der Untertitel der Dissertation, in der Rüdiger an der Universität Salzburg zwei Jahre lang untersucht hat, ob Filme über Jesus auf den Glauben von Menschen wirken können.

Da war er schon Kaplan, arbeitete in einer Gemeinde in der Wiener Neustadt. Nach seiner Entscheidung zum Theologiestudium in Bochum ist der Abiturient aus Gelsenkirchen-Buer als Priesteramtskandidat ins Essener Priesterseminar eingetreten.

Ich habe schon als Kind gern Liturgie gefeiert.
Dr. Stephan Rüdiger

In der Gemeinschaft der Zisterzienser in Bochum-Stiepel fand er eine Ordens-Heimat.

Nach dem Studium ließ er sich noch zum Fernsehredakteur ausbilden

Weil das Priorat in Stiepel zur großen Abtei Stift Heiligenkreuz im Wienerwald gehört, verschlug es den Nachwuchs-Priester nach Österreich. 2008 weihte ihn Kardinal Christoph Schönborn, mit dem ihn seitdem eine herzliche Freundschaft verbindet, zum Priester. In Trumau bei Wien, wo er nach der Kaplanszeit als leitender Pfarrer tätig war, erreichte ihn der Ruf der Katholischen Fernseharbeit der Deutschen Bischofskonferenz: In Mainz beim ZDF wurde er in einem Volontariat zum Fernsehredakteur ausgebildet.

In Österreich habe ich immer die Aktuelle Stunde des WDR geguckt.
Dr. Stephan Rüdiger

Parallel dazu arbeitete er in einer Gemeinde in Hochheim am Main. Bis heute berät er TV-Produktionen in Kirchenfragen, sorgt mit seiner Expertise dafür, dass kirchliche Zusammenhänge authentisch dargestellt werden, Darsteller von Geistlichen zum Beispiel im richtigen Outfit daherkommen.

Ihm selbst ist das priesterliche Outfit im Alltag nicht so wichtig. „Wenn ich mich über ein Stückchen Stoff identifizieren würde, wäre ja irgendwas falsch gelaufen.“ Und so habe er sich sicher auch schon mal den kritischen Blick seines Dienstherrn Felix Genn, des Bischofs von Münster, eingehandelt.

Die Agathakirche soll einen „kräftigen Durchputz“ bekommen

Es ist also nicht das Ornat, das Dr. Stephan Rüdiger in diesen gottesdienstlosen

Zeiten vermisst. Es sind die Menschen und die Begegnungen innerhalb und außerhalb der Liturgie, auf die er so gespannt ist und denen er sich zuwenden möchte. Wegen der Pandemie bleiben seine Ausstrahlung und seine Arbeitsweise bisher einem kleinen Kreis von Mitarbeitern und Ehrenamtlichen vorbehalten.

Was die Großgemeinde St. Agatha von ihrem neuen Pfarrer erwarten kann, bleibt vorerst Theorie.

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Aber Vorstellungen davon hat er schon: „Wir werden uns die Gottesdienstordnung genau anschauen müssen. Und ein großes Projekt wird die Agatha-Kirche sein. Die ist schön, aber mir fehlt da noch etwas.“ Veränderung, Öffnung, Nähe zwischen dem Priester und der Gemeinde - „das sollte sich auch im Kirchenraum widerspiegeln.“ In Absprache mit den Gremien möchte Stephan Rüdiger der Agathakirche einen „kräftigen Durchputz“ verpassen.

Dafür sei ein neuer Pfarrer manchmal gut: „Ein Wechsel ändert die Perspektiven, man fragt sich, wo die Reise denn hingehen soll.“ Seine persönliche Reise dürfte in Dorsten enden, bekräftigt Pfarrer Rüdiger. Er strebe keine Karriere in höheren Kirchenämtern an.

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