Deutsch für Flüchtlinge wichtigste Job-Voraussetzung

Geschäftsführer der Arbeitsagentur im Interview

Die Zahl der Flüchtlinge wächst und wächst. Es sind Menschen, die auch in Arbeit kommen wollen. Wie das gelingt – und wie die Lage derzeit aussieht? Dr. Dietmar Thönnes, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Recklinghausen, im Interview.

Dorsten

07.08.2015, 15:25 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Flüchtlingsstrom ist ungebremst. Viel zu tun also für die Arbeitsagentur?

Langfristig wird es so sein, ja, bisher sind jedoch erst sehr wenige Asylbewerber im Kontakt mit uns. Das liegt daran, dass diese Menschen erst nach frühestens drei Monaten in Deutschland arbeiten dürfen – es sei denn, sie möchten eine Ausbildung beginnen.

Einen Job bekommen die Asylbewerber nach besagten drei Monaten nur, wenn für die Tätigkeit kein deutscher oder EU-Bewerber in Frage kommt. Wie groß sind da ihre Chancen tatsächlich?

Das wird in Zukunft stark darauf ankommen, in welchen Branchen sie arbeiten möchten. Interessieren sie sich für Berufe, in denen wir einen Fachkräfte-Engpass verzeichnen – also etwa in Ingenieurberufen, Handwerk oder Gesundheits- und Pflegebranche – wird es für sie leichter, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wie bei deutschen Bewerbern kommt es natürlich auf den Einzelfall an, also wie gut qualifiziert und motiviert der Bewerber ist.

Gibt es bei den Arbeitgebern im Kreis eine Nachfrage nach Asylbewerbern?

Bisher hat kein Arbeitgeber konkret nach Asylbewerbern gefragt. Wir tragen dieses Thema aber in Netzwerken und im persönlichen Gespräch mit den Arbeitgebern in die Lande und sensibilisieren dafür, dieses Bewerberpotenzial aktiv zu nutzen.

Wie läuft Ihr Kontakt zu den Asylbewerbern ab?

Wir haben im Juli und August drei neue Integrationsfachkräfte eingestellt, die sich kreisweit um die Beratung und Vermittlung der Asylbewerber kümmern werden. Sie werden, nachdem sie vollständig eingearbeitet sind, auf diese Menschen zugehen, beispielsweise auch in Flüchtlingsheime fahren. Sie sind sehr gut qualifiziert, haben selbst Migrationshintergrund und sprechen über sieben Sprachen, was die emotionale und sprachliche Verständigung begünstigt. Wenn bisher Beratungsbedarf bestand, wurde der Kontakt durch die Bleiberechtsorganisation Elnet hergestellt.

Wie wollen Sie den erwarteten Ansturm meistern?

Neben unseren neuen Integrationsfachkräften pflegen wir einen sehr intensiven Austausch mit anderen Netzwerkpartnern, also der Bleiberechtsorganisation, mit den Volkshochschulen, dem Bundesministerium für Arbeit, Migration und Flüchtlinge. Denn dies sind Stellen, an denen diese Menschen ankommen, um um Unterstützung zu bitten. Je besser wir uns gegenseitig informieren, desto besser können wir uns auf die Bedarfslagen der Menschen vorbereiten und ihnen letztlich Hilfe zukommen lassen.

Wie schwierig ist für Flüchtlinge die Anerkennung der in ihrer Heimat erbrachten Leistungen?

Es kommt sicherlich darauf an, ob diese Menschen Zeugnisse vorlegen können, die dann nach deutschen Standards geprüft werden. Die Entscheidung über die Anerkennung liegt aber beim Bundesministerium für Arbeit, Migration und Flüchtlinge.

Was sind für die Asylbewerber Voraussetzungen, um Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben?

Die erste und wichtigste Hürde wird eine ausreichende deutsche Sprachkenntnis sein. Bisher haben wir von unseren Netzwerkpartnern sehr oft gemeldet bekommen, dass es sich bei vielen um sehr gut qualifizierte und hoch motivierte Menschen handelt. Dies wird ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt natürlich erleichtern.

Es gibt neue Mittel für Sprachkurse. Wie ist der Stand – wann starten sie?

Bis zum 28. August dürfen noch Interessensbekundungen von Trägern abgegeben werden, die Sprachkurse anbieten möchten. Danach wird entschieden, wie viele es tatsächlich geben wird. Wir sind dann dafür zuständig, die bei uns betreuten Menschen diesen Kursen zuzuweisen. Insgesamt stellt sich jetzt schon heraus, dass es einen sehr großen Bedarf gibt.

In den ersten drei Monaten des Aufenthalts dürfen Flüchtlinge nicht arbeiten. Danach haben Asylbewerber Zugang zum Arbeitsmarkt – aber nur Chancen auf einen Job, wenn es für ihn keinen deutschen oder EU-Bewerber gibt. Erst nach dem 15. Monat in Deutschland entfällt diese Einschränkung.

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