Die Telefonseelsorge im Kreis Recklinghausen sucht neue ehrenamtliche Mitarbeiter

Telefonseelsorge

Sie helfen Menschen in Notsituationen und verbessern auch ihre eigene Lebensqualität: Jetzt werden wieder ehrenamtliche Mitarbeiter für die Telefonseelsorge ausgebildet.

Dorsten

, 17.08.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Telefonseelsorge im Kreis Recklinghausen sucht neue ehrenamtliche Mitarbeiter

Laden dazu ein, sich zum ehrenamtichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge im Kreis Recklinghausen ausbilden zu lassen (v.l): Christa Bischoff (stellvertretende Leiterin TS Recklinghausen), Wolfgang Kuhn, Elke Tönnis (ehrenamtliche Mitarbeiter), Gunhild Vestner (Leiterin der TS Recklinghausen). © Jürgen Wolter

„Ich kann einfach nicht mehr“, „Mir geht es schlecht, ich kann nicht einschlafen“, „Ich weiß nicht mehr weiter“, Ich denke immer öfter daran, mich umzubringen“. - So oder ähnlich beginnen viele Gespräche in der Telefonseelsorge (TS) in Recklinghausen. Sie sucht jetzt wieder neue ehrenamtliche Mitarbeiter, die ab Januar 2020 ausgebildet werden.

Die Telefonseelsorge Recklinghausen ist eine Einrichtung der evangelischen und katholischen Kirche. Sie ist zuständig für 600.000 Bürgerinnen und Bürger im Kreis, auch in Haltern. Die Beratungsarbeit am Telefon wird von über 90 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geleistet.

„Die Ausbildung ist was fürs Leben“

13 neue Mitarbeiter werden jetzt wieder gesucht. „Nicht nur, aber vor allem Männer sind uns dabei herzlich willkommen“, sagt Gunhild Vestner, die Leitern der TS Recklinghausen. Und Elke Tönnis, die seit 14 Jahren ehrenamtlich in der TS mitarbeitet, ergänzt: „Die Ausbildung ist was fürs Leben. Davon profitiert man selbst in hohem Maße.“Sie selbst ist mehr durch Zufall zur Telefonseelsorge gekommen, als sie eine Aufgabe suchte, um sich ehrenamtlich zu engagieren. Wolfgang Kuhn, der seit 25 Jahren ehrenamtlich mitarbeitet, hatte noch eine weitere Motivation. „In der Gesellschaft sind wir auf einander angewiesen, es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig stützen“, sagt er. In der Ausbildung und der Arbeit bei der TS sieht er eine Win-Win-Situation: „Man lernt zuhören, lernt Techniken der Gesprächsführung, wird für den Klang einer Stimme sensibilisiert und erfährt Wertschätzung in der Arbeit im Team. Jeder Mitarbeiter profitiert mit seiner Persönlichkeit von der Arbeit bei der Telefonseelsorge“.

11.000 Anrufe im Jahr 2018

2018 erreichten die Telefonseelsorge Recklinghausen rund 11.000 Anrufe, die zu fast 8.000 Seelsorge- und Beratungsgesprächen führten. „Das sind rund 80 Prozent der Anrufe“, sagt Christa Bischoff, die stellvertretende Leiterin der TS, die auch die neue Ausbildung leiten wird. Die meisten Anruferinnen und Anrufer wollen sich vor allem durch das Gespräch entlasten (56%). Viele suchen Unterstützung bei der Klärung von Problemen (11%). Immer mehr Anruferinnen und Anrufer leiden unter einem Alltag, der sie überfordert. Sie suchen bei der Telefonseelsorge Begleitung und Orientierung für ihren Alltag (27%). Zwei bis dreimal am Tag sprechen die Mitarbeiter mit Anrufern, die in einer akuten Krise Hilfe suchen. Dabei geht es auch um Suizidabsichten.

Testanrufe von Kindern und Jugendlichen

Bei jedem fünften Anruf kam kein Gespräch zustande; manchmal braucht ein Anrufer mehrere Anläufe, bevor er den Mut findet, das Gespräch zu beginnen. Die Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger werden auch mit Scherz- und Testanrufen von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Meistens testen Jugendliche, ob Telefonseelsorge wirklich weiterhelfen kann. Es gibt auch Anrufe, bei denen es um Provokation oder sexuelle Stimulierung geht. „Diese werden aber zum Glück immer weniger, liegen inzwischen unter 4 Prozent“, sagt Christa Bischoff.

Einsamkeit, Konflikte in der Familie oder mit dem Partner und auch körperliche Beschwerden sind die Hauptthemen der Anrufe. „Die Ursachen sind heute mehr als früher miteinander verknüpft“, sagt Gunhild Vestner. 54 Prozent der Anrufenden leben allein, dann kommt oft in der Nacht die große Angst oder man ist morgens nicht in der Lage, den Tag zu beginnen. „In diesen Fällen leisten wir einfach Alltagshilfe“, sagt Elke Tönnis. Die Arbeit reicht aber auch bis zur akuten Krisenbewältigung. Ein Anrufer, den Elke Tönnis nachts am Telefon hatte, stand auf einer Brücke, von der er in den Tod springen wollte. Durch die Kooperation der Telefonseelsorge mit der Feuerwehr gelang es ihr, die Notfallhelfer direkt zum Ort zu dirigieren, während sie selbst am Telefon mit dem Anrufer in Kontakt blieb.

„Jeder der hier anruft, will auch leben“, sagt Gunhild Vestner. „Sonst würde er nicht mehr anrufen. Deshalb haben wir noch eine Basis für ein Gespräch. Und ein Gespräch entlastet - immer.“

Telefonseelsorge auch per Mail, Chat und bald über eine App

In Deutschland startete die Telefonseelsorge in den 1950er Jahren zunächst als „Lebensmüdenberatung“. Heute sind ihre Aufgaben weitaus vielfältiger. „Und nicht immer geht es nur ernst zu. Wenn es uns gelingt, Humor in das Gespräch zu bringen, dann ist das für beide Seiten meist sehr befreiend“, sagt Elke Tönnis. Seit Januar 2008 bietet die Telefonseelsorge auch im Internet Seelsorge und Beratung an. Seit 2010 gehört die Chatberatung zum festen Angebot. Auch über Mailkontakt oder im Chat kann man Hilfe und Beratung erfahren. „Tendenziell sind im Chat mehr jüngere, am Telefon eher ältere Ratsuchende vertreten“, sagt Gunhild Vestner. Im September soll eine neue App vorgestellt werden, der „Krisen Kompass“, über die man schnell den Kontakt zur TS herstellen kann.

Ausbildung dauert eineinhalb Jahre

Die neue Ausbildung für ehrenamtliche Mitarbeiter der TS beginnt im Januar 2020. Vorher gibt es am 28. September einen Kennenlerntag in den Räumen der TS in Recklinghausen. Die Ausbildung findet jeweils donnerstags von 17.30 bis 20 Uhr statt. Sie dauert insgesamt eineinhalb Jahre. Im ersten Jahr finden die Ausbildungsabende wöchentlich, danach 14-tägig statt. Jeweils zu Beginn und zum Abschluss gibt es ein Seminarwochenende. Der spätere Einsatz in der Telefonseelsorge beträgt 30 Tagschichten zu je drei Stunden im Jahr sowie fünf Nachtschichten. Wer sich für die Tätigkeit interessiert, wird zunächst zu einem Kennenlerngespräch eingeladen. Diese Gespräche sollen bis Anfang September abgeschlossen werden. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die ihre Dienststunden in Recklinghausen leisten, bleiben in der Regel anonym. Ab einem Alter von 20 Jahren kann man sich bewerben.

Informationen gibt es unter der Telefonnummer (02361) 27898, unter der Mailadresse ts@telefonseelsorge-re.de und im Internet unter www.telefonseelsorge-re.de .
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