Die tragische Geschichte des scheuen „Waldmenschen“ Engelbert Lehnert

Geschichte

Neben der Bank am Lembecker Böckenkamp wurde jetzt eine Gedenktafel für Engelbert Lehnert aufgestellt - für einen Mann, der 39 Jahre lang im Wald lebte. Das ist seine Geschichte.

Lembeck

von Frank Langenhorst

, 24.05.2021, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Diese Gedenktafel erinnert an den „Waldmenschen".

Diese Gedenktafel erinnert an den „Waldmenschen". © Frank Langenhorst

Engelbert Lehnert wuchs als Kind eines Tagelöhners auf einem kleinen Hof am Rande von Heiden auf. Als Kind erfuhr er zu Hause und in der Schule viel mehr Tadel als Lob oder Anerkennung.

Wege des Alleingehens

Seine Wege wurden Wege des Alleingehens. Nach Jahren als Knecht auf Bauernhöfen in Leblich, Marbeck, Endeln und Scholven verschwand er im Sommer 1917 zunächst spurlos. Er wollte „Ut de Papiern kommen“ aus Angst, noch in den Krieg ziehen zu müssen. Seitdem lebte er im und mit dem Wald.

Er erschien immer mal wieder bei verschiedenen Bauern in der Umgebung und fragt: „Bottram kriegen?“ Den Bottram bekam er und dazu auch immer mal wieder gebrauchte Kleidungsstücke, die er alle übereinander anzog. So nannten ihn die Leute bald „Sewen-Boiser-Ker“‘, also den Mann mit sieben Jacken.

„Sewen-Boiser-Anzug“ trotzte jedem Klima

Engelbert schlief im Wald, irgendwo in einer kleinen, windgeschützten Lichtung und mit seinem „Sewen-Boiser-Anzug“ war er nahezu jedem Klima gewachsen. Nur wenn es ganz schlechtes Wetter gab, nahm er sein Nachtlager irgendwo im Stroh in einer Scheune oder am liebsten in einem Museschoppen.

Gelegentlich arbeitete er bei einem Bauern für eine warme Mahlzeit und eine Übernachtung im Stroh. In die Häuser ging er nie und nahm auch kein Geld für seine Arbeit.

Er sprach so gut wie kein Wort

Obwohl er auf vielen Bauernhöfen gut bekannt war, blieb er menschenscheu und sprach so gut wie kein Wort. Nur bei der Maiandacht in der Waldkapelle Reken akzeptierte er die Gegenwart von anderen. So überstand Engelbert auch die Zeit des Zweiten Weltkrieges und trieb sich noch viele Jahre herum, fand auf Bauernhöfen gelegentlich Arbeit und sein Essen.

Im Februar 1956 schließlich veränderte sich Engelberts Leben drastisch. Er hatte in der Frühe bei einem Bauern in Wessendorf schon den Futterkessel fürs Vieh angeheizt, wobei sich seine sieben Jacken entzündeten. Die Bauersleute, die gerade von der Frühmesse nach Hause kamen, fanden ihn gerade noch rechtzeitig.

Jetzt lesen

Nach ein paar Tagen kam er ins St.-Michaelisstift, dem Lembecker Krankenhaus, allerdings in eine leer stehende Knechtkammer, wo er anderen Patienten nicht begegnen musste. Auf dem Gutshof des St.-Michaelisstifts arbeitete er nach seiner Genesung noch einige Jahre und kümmerte sich auch im Wald um die Fütterung der Tiere.

Bei Unfall wurde er schwer verletzt

An einem Frühwintertag 1964 war Engelbert wieder auf dem Rückweg zum Gut, als er von einem Auto angefahren und schwer verletzt wurde. Am 8. Dezember 1964 ging die außergewöhnliche Lebensgeschichte endgültig zu Ende.

Die Hefte mit der ganzen Geschichte liegen neben der Gedenktafel, die auf Initiative von Pastor Voss und Pastor i. R. Bauer von der Nachbarschaft Ober-Wessendorf aufgestellt wurde, aus.

Quelle: Nach der Geschichte Engelbert Lehnert – „Der Waldmensch“. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte von Franz Hüls, Pfarrer i. R., neu aufgelegt von Volker Bauer, Pastor i.R.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt