Diese Beratungsstellen helfen bei Beziehungskrisen in Corona-Zeiten

rnFamilien- und Lebensberatung

Telefonseelsorge und Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle sind Ansprechpartner bei Beziehungskonflikten und in Corona-Zeiten oft nachgefragt. So helfen sie und das können Paare tun.

Dorsten

, 14.07.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Corona-Pandemie hat nicht bloß Auswirkungen auf die Wirtschaft, sondern auch auf die kleinen Dinge im Leben, die trotzdem nicht weniger bedeutsam sind - Beziehung, Partnerschaft, Ehe. Manch einer wittert schon einen Anstieg der Scheidungsrate.

Beate Borgmann, Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Dorsten und Marl, kann diesen Blick in die Glaskugel nicht mit Fakten füttern. Nur soviel: „Corona ist eine Prüfungsprobe für Beziehungen.“ Und: Da erst ein Jahr nach Beantragung der Scheidung ein Ehepaar offiziell geschieden ist, könne heute nur eine „Corona-bedingte Zunahme der Trennungen“ vermutet werden, aber auch das könne sie nicht bestätigen.

Telefonseelsorge stärker nachgefragt

Bei der Telefonseelsorge in Recklinghausen, die auch für Dorsten zuständig ist, sind seit dem Lockdown die Zahlen insgesamt gestiegen. Von April bis einschließlich Juni nahmen die Ehrenamtler 3.000 Anrufe entgegen; 2019 waren es im gleichen Zeitraum 2.200 Hilfesuchende. Über 400 Gespräche kreisten um das Thema familiäre Beziehungen; 100 mehr als im Vorjahr.

„Es sind nicht die großen Ausschläge“, stellt Gunhild Vestner, Pfarrerin und Leiterin der Telefonseelsorge fest. Um Trennung ging es bei knapp 100 Gesprächen in diesen drei Monaten, im Vergleichszeitraum zählte die Telefonseelsorge 65 Gespräche. Wegen konflikthafter Beziehungen suchten 220 Anrufer Rat (180 im Vorjahr). Auch Erziehungsprobleme fasst Vestner unter das Thema der familiären Beziehungen - 82 Gespräche handelten davon, 20 mehr als ein Jahr zuvor.

So läuft ein Gespräch bei der Telefonseelsorge ab

Wer wegen Beziehungsproblemen die Nummer der Telefonseelsorge wählt, der soll im Gespräch die Möglichkeit bekommen, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. „Oft gibt es ein inneres Tabu, das einem verbietet, Zorn, Wut oder Enttäuschung zuzulassen“, weiß die Pfarrerin. Dabei sei es wichtig, dass die Ratsuchenden ihren Ärger und ihre Sorgen aussprechen.

„Es kommen häufig mehrere Probleme zusammen und wir helfen dabei, die einzelnen Konflikte zu sortieren.“ Ein wichtiger Schritt sei hier, Abstand zu gewinnen. Denn: „Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht", weiß Vestner.

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Die geschulten Ehrenamtler am anderen Ende der Leitung versuchen, die Ressourcen und Fähigkeiten der Anrufer dafür zu entdecken und zu aktivieren. Bewegung sei beispielsweise eine sehr gute Möglichkeit, um Spannung abzubauen und „aus depressiven Schleifen rauszukommen“. Es könne aber auch ein ganz anderes Hobby sein, etwa Puzzeln oder den Garten umgraben. „Das ist hochindividuell“, weiß die Supervisorin aus ihrer täglichen Arbeit.

Zum Ende des Gesprächs sei die Stabilisierung entscheidend. „Was können Sie heute noch Gutes für sich tun?“, ist dann die leitenden Frage.

Paare haben zu Beginn der Krise als Team gut funktioniert

Die Telefonseelsorge vermittelt außerdem an andere Stellen weiter, um das „psychosoziale Hilfenet“ auszuschöpfen. Einer dieser Knotenpunkte im Netz ist die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Dorsten. Hier suchen Paare oder Einzelpersonen Rat.

Leiterin Borgmann hat beobachtet, dass sich zu Beginn des Lockdowns viele Paare zusammengerissen haben. „Wir haben als Arbeitsteam gut funktioniert“, sei eine häufige Feststellung der Klienten. Das sei eine normale Reaktion auf Krisenzeiten. Doch mit der Dauer der Einschränkungen, dem Homeoffice und Heimunterricht der Kinder sei die Überforderung deutlich geworden.

In Umbruchsphasen Aufgaben neu verteilen

Borgmann rät - wie in allen Krisen- bzw. Übergangsphasen - Paaren dazu, immer im Kontakt zu bleiben, offen und ehrlich miteinander zu reden und Bedürfnisse offen anzusprechen. Die Expertin spricht von „Oasen“, die man als Paar in den Alltag einbauen sollte. „Das müssen keine großen Events sein. An einem Abend gemeinsam etwas kochen oder alle 14 Tage einen Babysitter organisieren, um als Paar etwas Zeit zu verbringen“, schlägt Borgmann als Ideen vor. Diese Zeiten seien wichtig, um sich die gegenseitige Wertschätzung zu zeigen und auch um gemeinsame Erinnerungen zu stiften.

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Neue Phasen der Partnerschaft, wie etwa die Geburt des Kindes, Wiedereinstieg in den Beruf oder eben Corona, verlangen neue Aufgabenverteilungen, doch daran hapere es häufig. Oft sei die traditionelle Rollenverteilung üblich, auch in Corona-Zeiten. Wer übernimmt das Kochen? Wer bringt die Kinder ins Bett? - Diese Aufgaben bergen Konfliktpotenzial in Umbruchsphasen und sollten deshalb neu verhandelt und verteilt werden. „Keine Absprache gilt für immer und ewig“, gibt Borgmann zu bedenken.

So hilft die Eheberatung

In der Beratung selbst erhalten die Paare keine Ratschläge, stattdessen sollen sie in die Lage versetzt werden, gut miteinander ins Gespräch zu kommen. Für viele Paare sei das eine neue Erfahrung.

„Wie sehen gute Zeiten bei Ihnen aus, fragen wir zum Beispiel.“ Oft husche bei den Paaren dann ein Lächeln über das Gesicht und Borgmann beobachtet eine Veränderung bei ihnen, wenn sie sich an die schönen Zeiten erinnern. Diese Perspektivänderung sei wichtig, um von den Vorwürfen weg und hin zum Gespräch zukommen.

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 1110111 oder per Mail und Chat unter www.telefonseelsorge.de erreichbar. Die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle bietet persönliche Beratungen aufgrund der Corona-Maßnahmen nur nach vorheriger Terminvereinbarung an. Montags von 14 bis 17.30 Uhr und donnerstags von 9 bis 12.30 Uhr ist das Sekretariat in Dorsten besetzt und erreichbar unter 02362 24329. Außerhalb der Sprechzeiten ist der Anrufbeantworter eingeschaltet. Montags zwischen 9 und 10 Uhr gibt es außerdem eine offene Telefonsprechzeit.
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