Die „letzte verbliebene Freifläche“ am Rande der Dorstener Altstadt soll nicht bebaut werden. © Guido Bludau
Lippetal

Dorsten will beste Wohnlage in Innenstadtnähe nicht bebauen

Die Innenstadt ist einen kurzen Spaziergang entfernt. Der Kanal fließt quasi vor der Haustür. Um solch ein Grundstück würden sich viele Investoren reißen, doch in Dorsten bleibt es unbebaut.

Schiffbauer hatten dort einst ihre Werkstätten. Viehhändler haben ihre Tiere verkauft. Später drehten sich einige Jahre die Karussells bei der Katharinen- und Nikolauskirmes, als das Atlantis gebaut wurde. Ja, das Lippetal war mal ein bedeutender Platz für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in Dorsten. Doch die Schiffbauer und Viehhändler gibt es lange nicht mehr, die beliebte Kirmes wurde 2005 eingestellt.

Geblieben sind die Altstadtschützen, die alle zwei Jahre ihr großes Fest feiern – wenn nicht gerade Corona ist. Ansonsten ist das Lippetal ein Parkplatz, ein kostenloser immerhin. Und damit wären auch schon die beiden wesentlichen Argumente genannt, weshalb dieses Filetstück nicht verkauft und bebaut werden darf.

Im Lippetal feiern die Altstadtschützen alle zwei Jahre ihren neuen König – oder manchmal auch einen neuen Kaiser, wie 2015 Leslie Watkins. © Anke Klapsing-Reich (Archiv) © Anke Klapsing-Reich (Archiv)

Der Stadtrat hat dies kurz vor der Sommerpause mit großer Mehrheit und gegen die Stimmen der SPD entschieden. Mehr noch: Selbst „Bemühungen“ seitens der Stadtverwaltung, das Gelände oder Teile davon zu vermarkten, seien nicht erwünscht.

Die Schützen können auch in Zukunft feiern

Die CDU wollte „das Thema endlich vom Tisch haben“, machte Fraktionsvorsitzender Bernd Schwane deutlich. Für Innenstadt-Kunden und -Beschäftigte sei eine kostenlose Parkmöglichkeit wichtig. Und ja, die Schützen müssten die Sicherheit haben, auf der „letzten verbliebenen Freifläche in der Altstadt“ feiern zu können.

Doch macht es sich die Ratsmehrheit nicht ein wenig zu einfach? Die SPD ist davon überzeugt. Fraktionsvorsitzender Friedhelm Fragemann sprach von einer „vergebenen Chance“ und erinnerte an den Masterplan „Brückenschlag“. Der verstaubt zwar schon seit einigen Jahren in einem Aktenschrank, aber es könne doch zumindest mal geprüft werden, ob und wie die Fläche insgesamt „neu strukturiert“ werden könnte.

Vertreiben wollen die Sozialdemokraten die Schützen aus dem Lippetal nicht, gleichwohl gibt es in Dorsten aus der Vergangenheit genügend Beispiele, dass Ärger droht, wenn Partylärm durch Wohnsiedlungen dröhnt. Alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, das scheint manchmal tatsächlich schwierig zu sein.

CDU und Grüne sperren sich indes nicht dagegen, einen Teil des Lippetals eines Tages anders zu gestalten, solange die Pläne die „Aufenthalts- und Erholungsqualität“ des Lippetals steigern. Ein kleiner Park in Nähe des Kanals beispielsweise würde zwar Parkplätze, nicht aber das Traditionsfest der Schützen kosten.

Politik schaut der Verwaltung mehr auf die Finger

Das Lippetal steht stellvertretend für eine Strategie, die die Politik in Dorsten nun offenbar verfolgt: Sie will der Stadtverwaltung mehr auf die Finger schauen. So legte der Stadtrat kürzlich auf Antrag der CDU auch fest, dass „bedeutsame städtische Grundstücksflächen“ grundsätzlich im Besitz der Stadt bleiben sollen. Eine Vermarktung als Erbbaurecht soll aber möglich sein, heißt es in dem Beschluss, der de Überschrift „Nachhaltig denken – städtische Entwicklungsflächen erhalten“ trägt.

Viel wichtiger allerdings: Jedes Verkaufsgespräch mit möglichen Investoren muss von den Politikern künftig abgesegnet werden. Und nur der Stadtrat kann in Dorsten ab sofort ein Verkaufsverbot aufheben, wenn es nicht gerade um rein gewerblich genutzte Flächen geht. Da gelten andere Spielregeln, weil es dann bestenfalls auch um neue Arbeitsplätze geht. Und dagegen mag sich wohl niemand sträuben.

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Redaktionsleiter in Dorsten
Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
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Stefan Diebäcker

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