„Dorstener Standard“: Wo Bürgersteige und Straßen Vorgärten und Hecken vernichten

rnAnwohner-Kritik

Beim Ausbau von Straßen gilt der „Dorstener Standard“. Was das bedeutet, erfahren nun auch Anwohner vom „Schwickingsfeld“. Sie verlieren Grün und müssen das auch noch teuer bezahlen.

Dorsten

, 23.09.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Peter Pawlitza lebt seit vielen Jahren in einer kleinen Gemeinde in Niedersachsen und engagiert sich dort auch politisch. In drei Jahren, wenn er in den Ruhestand geht, will er zurückkehren in seine Geburtsstadt Dorsten und in sein Elternhaus am „Schwickingsfeld“. Dann, weiß er, wird vor der Haustür vieles nicht mehr so sein, wie es über Jahrzehnte war.

Ein letzter Fragenkatalog in der Sitzung

Der Umwelt- und Planungsausschuss hat in der vergangenen Woche den Endausbau der Straßen „Auf dem Beerenkamp“ und „Schwickingsfeld“ beschlossen. Anwohner beider Straßen hatten in der Vergangenheit die Pläne mehrfach kritisiert. Beerenkamp-Bewohner hatten Unterschriften gesammelt und den Politikern und der Stadtverwaltung vergangene Woche noch einen letzten Fragenkatalog vorgelegt. Geändert hat das nichts mehr.

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Jetzt werden alle Anwohner zur Kasse gebeten werden. In Einzelfällen sind sechsstellige Forderungen denkbar, heißt es. „Dorstener Standard“ bedeutet für Peter Pawlitza: hohe Qualität auf Kosten der Bürger.

„Es geht um das Wie“

Der gebürtige Dorstener und seine Nachbarn Antje Vennemann, Klaus Grunwald und Stefan Laschinger haben keine Zweifel, dass der Endausbau nach „Dorstener Standard“ rechtens ist. „Und natürlich profitieren auch unsere Grundstücke von den sanierten Straßen“, sagen sie. „Es geht also nicht um das Ob, sondern um das Wie.“

Am „Schwickingsfeld“ ist eine 5,50 Meter breite Fahrbahn mit beidseitigen, jeweils zwei Meter breiten Bürgersteigen geplant. Vorgärten werden weggenommen, weil die kleinen Grundstücke vor den Häusern wegen eines früheren Entwässerungsgrabens noch im Besitz der Stadt sind. „Die Anwohner haben sich aber immer gekümmert“, sagt Klaus Grunwald.

„Jahrzehntelang unzumutbaren Verkehr ertragen“

Über Jahrzehnte gewachsene Hecken werden gerodet, um Platz zu schaffen. „Es werden dann zwei Bäume gepflanzt“, sagt Antje Vennemann mit sarkastischem Unterton. Muss das sein? Die Anwohner sind sich einig: muss nicht, aber die Verwaltung habe das Verfahren „sauber abgearbeitet“.

„Dorstener Standard“: Wo Bürgersteige und Straßen Vorgärten und Hecken vernichten

Der Plan für den Endausbau der Straßen Auf dem Beerenkamp und Schwickingsfeld. © Stadt Dorsten

„Jahrzehnte haben wir den unzumutbaren Verkehr zur ehemaligen Dachpappfabrik Dr. Kohl ertragen müssen“, betont Peter Pawlitza. Nach der Sanierung der Flächen mit öffentlichen Mitteln würden die alten Anlieger im Wesentlichen für die Erschließung der neuen Baugebiete zur Kasse gebeten. „Ohne diese neuen Erschließungsflächen hätte die Verwaltung wie damals keinen Handlungsbedarf gesehen.“

Muss ein Bürgersteig auf beiden Fahrbahnseiten sein?

Die Forderungen der betroffenen Anlieger, zum Beispiel nur auf einer Fahrbahnseite einen Bürgersteig zu bauen, seien von der Verwaltung „stets ignoriert“ worden. Natürlich habe es zwei Informationsveranstaltungen gegeben, „aber individuelle Belange werden da nicht berücksichtigt“.

Im Juni, wenige Tage nach der letzten Anliegerversammlung, hat Peter Pawlitza nochmals eine E-Mail an die Stadtverwaltung und die Ratsfraktionen geschrieben, in der Hoffnung auf einen Kompromiss. Lediglich eine Fraktion habe Rückfragen gehabt, geändert habe sich nichts mehr. „Als Ratsmitglied einer niedersächsischen Gemeinde hätte ich da meine Bedenken. Unser Rat setzt im Vorfeld auf Dialog und Kompromiss.“

Derweil hat die Stadtverwaltung bereits eine „Forderung“ an die Anlieger verschickt. Binnen drei Monaten müssen Hausanschlüsse verlegt werden. Peter Pawlitza wird sich kümmern müssen. Sein Vater schafft das mit 87 Jahren nicht mehr.

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