Ein Wohn-Traum bröckelt

Dorsten Die Staubwolke ist schon aus der Ferne zu sehen. Trotz des vielen Regens in den vergangenen Wochen hängt der pudrig-feine Schmutz über den Abrisshäusern an der Dimker Allee - wie ein grauer Schleier.

26.07.2007, 14:16 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Stadtteil Wulfen-Barkenberg, zwölf Kilometer nordöstlich vom Dorstener Zentrum, ist im Umbruch. Durch mehrere achtstöckige Mietskasernen frisst sich derzeit ein riesiger Bagger. In ein Paar Monaten wird von den einstigen Vorzeige-Bauten nichts mehr übrig sein. 244 Wohnungen - nur noch eine Erinnerung.

"Ich bin wirklich traurig." Uwe Kasprzyk lebt seit 26 Jahren in Barkenberg, einige davon in einem der Abrisshäuser. Wie viele seiner Nachbarn steht der leidenschaftliche Schalke-Fan fast jeden Tag in blau-weißem Trikot am Baustellenzaun und beobachtet, wie der Bagger ganz langsam Stockwerk für Stockwerk des so genannten "Tauben-Tower" abträgt.

"Tauben-Tower" - so nennen die Barkenberger das Gebäude. Weil sich die Tiere in den leer stehenden Wohnungen breit gemacht haben. Auch Petra Katar schaut nachdenklich hoch zum Abrissbagger, die Arme hat sie verschränkt: "Wenn man überlegt, was das früher mal für ein Leben hier war...".

In den 60er-Jahren wurde die "Neue Stadt Wulfen" als zeitgemäße Antwort auf die klassischen Zechenkolonien im Ruhrgebiet geplant. Wohnen im Grünen statt grauer Ruhrpott-Siedlungen: So lautete das Motto, unter dem die künftige Heimat vieler Bergbau-Familien angelegt worden ist. Als 1967 die ersten Mieter einzogen, war die Begeisterung für die Wohnungen riesig.

Ampeln überflüssig

Bis zu 115 Quadratmeter, PVC-Böden, Heißwassergeräte und schicke Balkone - in Zeiten knappen Wohnraums galten die modernen, durchgeplanten Siedlungen als Sensation. Nirgendwo in Dorsten passierten weniger Unfälle, die Kinder konnten die beiden Schulen zu Fuß oder mit dem Rad erreichen, ohne eine Straße überqueren zu müssen. Auch die Verkehrsführung in Barkenberg war einmalig: In der "Neuen Stadt" waren Ampeln überflüssig.

Kurz, die Wohnungen in Barkenberg waren heiß begehrt. Petra Katar erinnert sich: "Als meine Schwiegereltern in den späten 60ern einzogen, waren die Mieter handverlesen." Doch der Wohn-Traum beginnt zu bröckeln.

Bereits in den 70ern wird klar: In die "Neue Stadt" werden nicht annähernd so viele Menschen ziehen, wie geplant. Die Zeche beschäftigt zu keiner Zeit mehr als 450 Barkenberger. In den 80er-Jahren begann dann ein schleichender Prozess der "Mieterflucht". Weil die hohen Häuser dem ästhetischen Empfinden nicht mehr entsprachen, standen immer mehr Wohnungen leer, waren schlecht in Schuss.

Mit der Zeit veränderte sich die Mieterstruktur in einigen Siedlungen drastisch, Kriminalität und Gewalt wurden zum Problem. "Das ist ein sozialer Brennpunkt, hier gab es eine richtige Ghettobildung", berichtet Anwohnerin Petra Katar.

Leerstand

Um die Jahrtausendwende entschied die Wohnungsbaugesellschaft LEG dann den Abriss der Häuser mit dem größten Leerstand. Die wenigen Mieter, die bis zum Ende ausgehalten hatten, mussten ihre Wohnungen Anfang dieses Jahres verlassen. Widerstand gab es keinen, viele waren froh, endlich raus zu kommen.

Viele - aber nicht alle. Uwe Kasprzyk sieht das anders: "Ich wäre geblieben. Wir hatten keine Probleme mit den Nachbarn. Wir haben uns durchgekämpft und gut." Alexandra Heimken

Lesen Sie jetzt