Eine Dorstenerin zeigt, warum eine Geburt nicht immer schmerzhaft sein muss

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Eine Geburt muss nicht immer schlimm und voller Schmerzen sein. Kristiane Lau zeigt Paaren, wie sie anders an das Thema herangehen können.

Dorsten

, 14.02.2019, 13:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Wenn Debby Wölfl an die Geburt ihres ersten Kindes denkt, findet sie dafür nur ein Wort: „Schlimm“. Im Krankenhaus ließ sie alles über sich ergehen, bekam eine Periduralanästhesie (PDA) und einen Dammschnitt und ihr Sohn wurde per Zange geholt. „Danach wollte ich keine weiteren Kinder mehr“, erzählt die 30-Jährige aus Selm.

Doch ein Jahr später wurde der Wunsch nach einem Geschwisterchen für Sohn Phil stärker als die Angst vor der Geburt. Als sie schwanger wurde, war Debby sofort klar, dass sie dieses Mal ganz anders entbinden wollte. Im Internet wurde sie auf die Dorstenerin Kristiane Lau aufmerksam. Die examinierte Krankenschwerster ist Hypnotiseurin und bietet in ihrer Praxis in Dorsten (Everskamp 68) sogenannte Hypnobirthing-Kurse an.

Hypnobirthing ist in Deutschland noch nicht so bekannt

In Amerika seit vielen Jahren bekannt und genutzt, ist die Methode in Deutschland vielen noch unbekannt. Kurz gesagt ist mit Hypnobirthing eine Geburt unter (Selbst-)Hypnose gemeint. Seit rund drei Jahren schult Kristiane Lau werdende Eltern in Dorsten darin.

Sie bietet Einzelunterricht und Gruppenkurse mit drei oder vier Paaren an. Sie gehen über vier Einheiten à drei Stunden und kosten rund 400 Euro. Lau unterscheidet zwei Gruppen an Teilnehmern: „Entweder sind es Mütter, die sich eine sanfte Geburt für sich und ihr Baby wünschen und sich gut vorbereiten wollen, oder es sind Mütter mit vielen Ängsten, sei es durch eine vorangegangene traumatische Geburt, oder dadurch, dass sie zu viel Negatives gehört haben.“

Mentale Vorbereitung spielt im Kurs eine große Rolle

Die 40-Jährige sieht ihre Hauptaufgabe darin, die Mütter „aus dem Denken und ins Urvertrauen“ zu holen und so alle persönlichen Potenziale auszuschöpfen. Daher spielen in ihren Kursen die mentale Vorbereitung und somit auch die Hypnose eine große Rolle.

Eine Dorstenerin zeigt, warum eine Geburt nicht immer schmerzhaft sein muss

Kristiane Lau hat selbst zwei Kinder und hat Selbsthypnose unter der Geburt angewendet. © Privat

Dabei muss Lau im Vorfeld oft Vorurteile aus dem Weg räumen: „Hypnose beamt einen nicht einfach weg, sondern ist etwas ganz Natürliches. Mit Show-Hypnosen hat das, was ich mache, überhaupt nichts zu tun.“ Der sogenannte „kritische Faktor“ in einem lasse gar nicht zu, dass man etwas tue („Nehmen Sie jetzt zehn Kilo zu“), das man gar nicht möchte.

Gedanken haben eine sofortige Auswirkung auf den Körper

Für die Dorstenerin bedeutet Hypnose „to go inside“ – von der äußeren Welt hin zum Inneren zu gehen. Das Unterbewusstsein, das viel mit Bildern und Gefühlen kommuniziert, ist dabei äußerst wichtig. „Wenn wir positiv denken, uns etwas Positives vorstellen, produzieren wir Endorphine anstelle von Adrenalin“, erklärt die 40-Jährige. Das Unterbewusstsein unterscheide nicht zwischen dem, was wirklich gerade passiere und dem, was man sich vorstelle beziehungsweise fühle. Somit haben Gedanken und Gefühle, so Lau, eine sofortige Auswirkung auf unseren Körper.

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„Darum müssen wir uns für die Geburt das Unterbewusstsein zum Freund machen.“ Denn das Wichtigste für eine gute Geburt sei die Entspannung, das Hinderlichste die Angst. Angst verursache Verspannungen, Verspannungen verursachten Schmerzen. Kristiane Lau erklärt die Folgen von Angst unter der Geburt: „Der Muttermund verkrampft sich, die Gebärmutter wird nicht mehr gut durchblutet, die Blutzufuhr zum Kind wird gedrosselt, die Werte vom Kind werden schlecht und das Unglück nimmt seinen Lauf.“

Lächeln, tanzen und entspannt atmen kann bei der Geburt helfen

Sie rät ihren Kursteilnehmern daher zum Beispiel dazu, zwischen den Wellenpausen (Lau spricht lieber von Wellen als von Wehen) zu lächeln, um den Körper dazu zu bringen, Hormone auszuschütten. Auch Musik hören und dazu zu tanzen, könne in bestimmten Phasen der Geburt helfen. Außerdem gibt sie den werdenden Eltern Atemtechniken und Entspannungsübungen an die Hand. Diese müssen genau so zu Hause geübt werden, wie bestimmte Affirmationen („Jede Welle bringt mich näher zu meinem Kind“). „Ich gebe den Teilnehmern einen Werkzeugkoffer mit, nutzen müssen sie ihn jedoch selbst“, sagt Kristiane Lau.

Eine wichtige Rolle spielt dabei nicht nur die werdende Mutter, sondern auch ihr Partner, ihr Geburtsbegleiter. Er lernt bei Lau zum Beispiel die sogenannte „Light-Touch-Massage“, die dafür sorgt, dass bei seiner Partnerin Endorphine, also das körpereigene Morphin, ausgeschüttet werden. „Der Mann sollte seine Frau während der Geburt wie eine Königin behandeln. Wenn nicht an diesem Tag, wann dann?“, sagt die 40-Jährige. Er kann aber auch für seine Partnerin als Sprachrohr fungieren, wenn sie in der Entspannung ist und nicht reden möchte.

Paare erstellen im Kurs eine Geburtswunschliste

Da die Hypnotiseurin es ganz wichtig findet, dass die werdenden Eltern sich vor der Geburt klar machen, was sie wollen und was nicht, erstellt sie mit ihnen während des Kurses auch eine Geburtswunschliste, gibt Tipps zur Gesundheitsvorsorge und zur Wahl des richtigen Krankenhauses („Immer auf die Kaiserschnitt-Rate des Hauses achten“).

  • Kristiane Lau ist 40 Jahre alt und hat zwei Kinder im Alter von sechs und zwei Jahren. Sie ist examinierte Krankenschwester. 2012 hat sie sich zum Hypnose-Coach ausbilden lassen und arbeitete ein Jahr lang in einer Hypnose-Praxis in Düsseldorf. 2015 machte sie dann die Hypnobirthing-Ausbildung beim Hypnobirthing-Institut. Diese Ausbildung muss sie alle zwei Jahre rezertifizieren. Sie ist außerdem psychologische Beraterin und Mental-Woman-Coach und bietet auch Kinderwunsch-Hypnose an.
  • Kontakt zu Kristiane Lau gibt es im Internet, bei Facebook, per Mail, oder unter Tel. (02362) 21 64 69 7.
  • Als Buch zum ersten Einlesen in das Thema empfiehlt Kristiane Lau „HypnoBirhting“ von Marie F. Mongan.
  • Informationen zur Entbindung im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten gibt es hier.

Eine Geburt ganz ohne Schmerzen kann sie ebenso wenig versprechen, wie, dass alles genau läuft wie geplant. „Aber ich kann den Paaren Selbstbewusstsein geben und das Gefühl, sich bestmöglich vorbereitet zu haben. Dann kann man auch besser damit umgehen, wenn es nicht so läuft wie gedacht“, sagt sie.

Tochter kam im Geburtshaus in Dortmund zur Welt

Ganz wie geplant lief es jedoch bei Debby Wölfl und Marcel Nemec. Bereits nach der ersten Kurseinheit ging die 30-Jährige trotz ihrer traumatischen ersten Geburt mit einem positiven Gefühl an die Geburt ihres zweiten Kindes. Heute ist Töchterchen Arya sieben Monate alt. Sie kam im Geburtshaus Dortmund zur Welt.

„Mir haben die Atem- und Entspannungsübungen aus dem Kurs sehr geholfen. Ich habe sie aber auch nach dem Kurs regelmäßig geübt. Mir war immer klar, dass das genauso klappen wird, wie ich es möchte und ich mir nicht reinreden lassen werde“, erzählt Debby Wölfl. Auch ihren Mann hat der Kurs nachhaltig beeindruckt: „Ich habe gemerkt, dass es funktioniert. Die Atemtechniken nutze ich sogar heute noch.“

Wehen nimmt Debby Wölfl nicht als schmerzhaft wahr

Als bei Debby Wölfl die ersten Wehen einsetzen, merkt sie zwar einen starken Druck, nimmt die Wehen aber nicht als schmerzhaft wahr. Sie atmet nach unten, versucht, positive Bilder zu visualisieren, schaukelt ihr Becken. Nach 50 Minuten im Geburtshaus kommt ihre Tochter in der Wanne zur Welt.

„Das einzig Schlimme war die Autofahrt, weil ich mich da nicht bewegen konnte. Ansonsten habe ich die ganze Zeit gelächelt und direkt danach gedacht, dass ich das jetzt noch mal machen könnte“, erinnert sich die 30-Jährige. Sie fühlt sich durch die zweite Geburt mit der ersten versöhnt. Das empfindet auch Marcel Nemec so: „Es war perfekt. Debby war so entspannt, die Hebamme hat sie einfach machen lassen und auch ich konnte mich aktiv einbringen.“

Hebamme hat gute Erfahrungen mit begleitender Hypnose gemacht

Gute Erfahrungen mit begleitender Hypnose unter der Geburt hat auch Claudia Müffler, leitende Hebamme im St.-Elisabeth-Krankenhaus Dorsten, gemacht: „Die Frauen sind sehr entspannt, können sich gut fallen lassen, sind aber gleichzeitig hochkonzentriert und können sich sehr genau an ihre Entbindung erinnern, ohne sich von den Schmerzen zu sehr beeinträchtigt gefühlt zu haben.“

Eine Dorstenerin zeigt, warum eine Geburt nicht immer schmerzhaft sein muss

Claudia Müffler ist leitende Hebamme im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten. © Jennifer Uhlenbruch

2008 war sie noch im Halterner St.-Sixtus-Krankenhaus eingesetzt. Damals begannen sie und ihre Kolleginnen mit Hypnose unter der Geburt zu arbeiten. Dabei werden mit jeder werdenden Mutter einzeln Bilder entwickelt, die in der Vorbereitung auf die Geburt umgedeutet werden. Einige der Kolleginnen sind jetzt nach der Schließung der Geburtsstation in Haltern am See nach Dorsten gewechselt und bieten diese spezielle Vorbereitung nun auch hier an.

Hebammen können Frauen bei der Entspannung helfen

Ihre Rolle als Hebamme sieht Müffler bei so vorbereiteten Frauen als eine begleitende. „Wir greifen nur ein, wenn wir den Frauen noch einmal in die Tiefenentspannung helfen müssen und benutzen in unserer Wortwahl unter der Geburt die Bilder, die wir im Vorfeld für Wehen, Wärme, Entspannung, Leichtigkeit und Kraft entwickelt haben, damit sie für sich im Bild bleiben können“, erklärt sie.

Die Hypnose könne so durchaus Schmerzen lindern oder erträglich machen. Das bedeute jedoch nicht, dass man nicht zusätzlich auf herkömmliche schmerzlindernde Maßnahmen zurückgreifen könne. Generell rät sie Frauen, vor der Geburt in sich rein zu hören, welche Form der Geburtsvorbereitung sie für sich als passend erachten.

Psychisch kranke Mütter sollten nicht in Hypnose entbinden

Einer Gruppe rät die erfahrene Hebamme jedoch von Hypnose unter der Geburt ab: „Risiken oder Ausschlusskriterien sind psychische Erkrankungen oder wenn jemand sexuelle Gewalt oder Traumata erlebt hat, da man nicht kalkulieren kann, welche Tür sich da ungewollt öffnet.“ In diesen Fällen müsse man einen professionellen psychotherapeutischen Begleiter mit ins Boot holen.

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