Erinnerungen an den Sommer 89

Leserbrief

Sommer 1989 auf einem Campingplatz in Masuren, Polen, am Ufer eines der vielen masurischen Seen, der früher einmal Niedersee hieß. Betreiber des Campingplatzes ist ein polnischer Bauer, der fließend Deutsch spricht und sich als Deutscher bezeichnet, weil er schon vor dem Kriege in diesem Dorf geboren ist.

von Von Dr. Hans-Joachim Thelen

, 19.11.2009, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ohne viel zu fragen bastelt ein Brandenburger mit. Die gute Idee wird ohne viele Worte zum gemeinsamen Projekt. Man versteht sich. Oftmals ohne viele Worte. Abends trifft man sich in lockerer Runde. Hier regiert das offene Wort. Ein Wessi, der mit russischem Lada angereist ist, wird gefragt, warum er sich ein solches Auto kaufe, wo es im Westen doch viel bessere gebe. Das sei Ausbeutung des sozialistischen Arbeiters, denn der Lada werde im Westen unter Herstellungskosten verkauft, nur um die begehrten Devisen zu bekommen. Dabei hatte es der Ladafreund so gut gemeint, wollte ein wenig die sozialistische Wirtschaft unterstützen. Die Ungarn bauten gerade den Stacheldraht an ihrer Westgrenze, dem Eisernen Vorhang, ab. Das war allen bekannt. So wurde auch die Frage diskutiert, was macht Honecker nun? Von Strömen von Urlaubern, die eigentlich gar keinen Urlaub machen wollten, war zu dem Zeitpunkt noch nichts bekannt. Zwar bekundeten alle Gesprächspartner aus dem Osten, dass sich hier ein Problem auftun könne, an eine Lösung, wie sie sich dann später ergab, dachte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Vielmehr schimpfte man auf die machtbesessene, verkalkte alte Garde im inneren Zirkel der SED und in der DDR-Regierung, glaubte aber, Honecker werde schon einen Weg finden, DDR-Bürger vom Loch im Zaun fernzuhalten.

Veränderungen seien für die undenkbar. Die Dinge kamen anders. Jeder kennt die Bilder nach der Maueröffnung am 9.11.89, die Proteste in Leipzig, die Lichterketten für den Frieden, die Erstürmung der Stasi-Zentralen, die skandierten Sprüche "Stasi in die Produktion", "wir sind ein Volk", die runden Tische und die Verkündung der Ideen des Aufbruches in die Freiheit und Demokratie. Diese Bilder gingen um die Welt. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Entwicklung mit dem großen gemeinsamen Berliner Feuerwerk zu Sylvester 89/90. Am Abend des Neujahrstages 1990 klingelte bei mir das Telefon. Es meldete sich Miguel aus Madrid, ein alter Freund aus gemeinsamen beruflichen Tagen. Ich hatte mehr als zehn Jahre nichts mehr von ihm gehört. Die Bilder im spanischen Fernsehen hatten offensichtlich eine so emotionale Wirkung auf ihn, dass er mir spontan "zur Wiedervereinigung" gratulierte. Wir wussten beide, dass es noch etwas zu früh dazu war. 

Dennoch dankte ich ihm für seine Verfolgung und Würdigung der Vorgänge bei uns. Ein bewegender Moment und ein bewegendes Gespräch, das dann folgte. Er als Spanier verstand offensichtlich die Bedeutung der nationalen Einheit anders, wesentlich emotionaler und tiefgreifender als viele oder gar die meisten bei uns und freute sich unüberhörbar. Nach dem Gespräch fragte ich mich, woher er meine Telefonnummer hatte. Als wir uns das letzte Mal gesehen hatten, wohnte ich noch gar nicht in Dorsten. Seine hohe Wertschätzung dessen, was bei uns vorging und seine hemmungslose Freude darüber hatten ihn zu ungeahnten Aktivitäten angestachelt. Er hatte sich die Telefonnr. bei der internationalen Auskunft beschafft. Eine so sorgenlose Begeisterung war nicht überall im Ausland zu beobachten. Und ich frage mich noch heute, ob ich vielleicht der einzige Nicht-Offizielle, der einzige Privatmann in Deutschland bin, der aus dem Ausland persönliche Glückwünsche zur Wiedervereingigung erhalten hat.

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