Gegen den Borkenkäfer können sich Mensch und Wald nicht wehren

rnBäume in Gefahr

Die Chancen für den Fichtenwald stehen schlecht. Stürme und Dürre machen sie zum willigen Opfer des Borkenkäfers - auch in Dorsten. Für dessen Zukunft sieht es allerdings auch düster aus.

Dorsten

, 09.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie heißen Buchdrucker und Kupferstecher, aber ihr niedlicher Name täuscht: Der Borkenkäfer frisst sich zerstörerisch durch den Fichtenbestand und bringt Förster und Waldbauern zur Verzweiflung.

Manuela Ortenstein, Revierförsterin beim RVR in Dorsten und studierte Forstwirtin, muss mit ihren Försterkollegen tatenlos zuschauen, wie der Borkenkäfer sich über die Fichten in den heimischen Wäldern hermacht. „Mehrere Millionen Käfer auf einem einzigen Baum“, so Ortenstein, seien ein schier übermächtiger Gegner. Das kaum mehr als sechs Millimeter große Insekt aus der Familie der Rüsselkäfer habe im Grunde den Kampf gegen Mensch und Baum schon gewonnen, meint Manuela Ortenstein. „Man steht vor der Zerstörung und kann nichts dagegen tun. Das tut weh“, bedauert die Expertin.

Gegen den Borkenkäfer können sich Mensch und Wald nicht wehren

Försterin Manuela Ortenstein sieht jeden Tag, was der Borkenkäfer in ihrem Revier anrichtet. © privat

Die Witterung kommt dem Borkenkäfer entgegen

Der Borkenkäfer, der seine Brut ausschließlich an Fichten zwischen Rinde und Holz ablegt, entweder in Form eines aufgeschlagenen Buches oder wie im Muster eines Kupferstiches, findet spätestens seit dem Hitzesommer 2018 hervorragende Bedingungen vor: Die Witterung ist warm und trocken, das gefällt ihm. Den relativ milden Winter konnten die Borkenkäfer-Populationen gut überstehen, und das Abwehrsystem der Bäume hat schon der Sommer 2018 so geschwächt, dass sie dem Plagegeist kaum noch etwas entgegenzusetzen haben.

Gegen den Borkenkäfer können sich Mensch und Wald nicht wehren

Mehrere Millionen Käfer pro Baum entwickeln eine zerstörerische Kraft. © picture alliance/dpa

Manuela Ortenstein erklärt: „Ein gesunder Baum wehrt sich gegen die eindringenden Schädlinge, indem er sie mit Harz umhüllt. In dieser Hülle stirbt der Käfer.“ Ein durch anhaltende Trockenheit und Borkenkäfer-Angriffe bereits geschwächter Baum schaffe das nicht mehr. „So müssen wir tatenlos zusehen, wie uns die Bäume wegsterben“, klagt die Försterin.

Es gebe kein Mittel gegen den Käfer. Spritzmittel würden auch andere, nützliche Insekten vergiften. Räuber, wie zum Beispiel Spechte, die den Borkenkäfer gern auf ihren Speiseplan nehmen, kämen längst nicht mehr gegen die ausufernde Plage an.

Im Sauerland und in der Eifel leidet der Wald noch mehr

Die Revierförster im Sauerland und in der Eifel haben noch mehr Sorgen um ihren Wald. Manuela Ortenstein: „Der Regionalverband Ruhr hat überwiegend Mischwälder, Sauerland und Eifel haben dagegen viele reine Fichtenwälder. Wenn der Borkenkäfer da durch ist, ist der Wald weg.“ Wie das aussieht, kann man auf einigen Flächen in der Haard sehen, wo bereits kräftig gefällt werden musste. Denn der Druck durch die Käfer sei inzwischen so groß, sagt die Forstwirtin, dass sie auch stehende Bäume befallen.

Keine Stiche, keine Allergien

Für Menschen ungefährlich

Für Menschen gilt der Borkenkäfer übrigens als ungefährlich. Er lässt sich gern vom Wind treiben und kann dann schon mal auf der Kleidung von Spaziergängern oder Radfahrern landen. Als Beißer, Stecher, Sauger oder Allergien-Auslöser ist er allerdings nicht bekannt.

Auch in der Hohen Mark, dem Revier von Förster Michael Reidemeister, sind Bestände schon hektarweise verschwunden. Reidemeister ist davon überzeugt, dass es in zwei bis drei Jahren im Münsterland Fichten nur noch vereinzelt geben wird. Schon jetzt seien Lücken erkennbar, auch wenn hier der Fichtenanteil im Wald nur bei acht bis zehn Prozent liege. Die Hohe Mark ist seit 31 Jahren Reidemeisters Revier, aber „so schlimm wie in diesem Jahr war’s noch nie.“

Gegen den Borkenkäfer können sich Mensch und Wald nicht wehren

Förster Michael Reidemeister sieht keine Zukunft für die Fichte. © Rüdiger Eggert

Der kleine Käfer richtet riesigen wirtschaftlichen Schaden an

Der Borkenkäfer schadet nicht nur dem Wald, er richtet auch großen wirtschaftlichen Schaden an. Die Forstwirtschaft schlägt Alarm, einige Waldbauern stehen vor dem Ruin. Der Sturm Friederike, die Dürre 2018 und der neuerliche Hitzesommer, die allesamt dem Borkenkäfer in die Hände spielten, haben die Holzvorräte dermaßen ansteigen lassen, dass die Preise dramatisch gesunken sind.

Auch der RVR leidet unter dem Preisverfall. Manuela Ortenstein berichtet, dass der Preis für den Festmeter Fichtenholz von 75 bis 80 Euro auf 18 Euro gefallen ist. An der Qualität des Holzes - Fichte wird überwiegend als Bauholz gebraucht - nage der Borkenkäfer nicht. „Die statische Qualität bleibt unverändert, da der Borkenkäfer ja an der Rinde bleibt.“ Liege das befallene Holz allerdings länger im Wald, seien die Borkenkäfer-Löcher willkommene Einfallstore für Pilze und Krankheitskeime, die das Holz schädigen könnten. Da die Lager der Sägewerke mehr als gut gefüllt seien, sei der zügige Abtransport aus dem Wald nicht immer zu gewährleisten.

Was wird gepflanzt, wenn die Fichten demnächst ganz verschwunden sind?

Während der Borkenkäfer den Fichtenwald zerfrisst, machen sich die Experten Gedanken um die Zukunft des Waldes. Schon jetzt, so berichtet Ortenstein, gebe es Versuche mit alternativen Anpflanzungen, es werde untersucht, wie Douglasien oder die Große Küstentanne mit den aktuellen Bedingungen zurechtkommen. „Vermutlich können wir nicht länger auf unsere heimischen Gehölze setzen“, ist die Forstwirtin überzeugt. Schon jetzt sei zu sehen, dass sich auch die Buchen und Birken mit der anhaltenden Trockenheit schwer tun.

Ihr Kollege Reidemeister hat ebenfalls schon gedanklich Abschied von der Fichte genommen. „Die wird nicht überleben. Wir müssen dann andere Baumarten pflanzen. Dafür brauchen wir einen Masterplan.“

Den brauchen eigentlich auch die Borkenkäfer. Denn ohne die Fichten werden sie nicht überleben. Aber Buchdrucker und Kupferstecher sind nicht pfiffig genug, um den Ast, unter dessen Rinde sie sitzen, schonender zu behandeln. Sie werden also aussterben.

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