Nach 35 Jahren im Amt

Gleichstellungsbeauftragte Vera Konieczka: „Mein Herz schlägt anders“

Dorstens Gleichstellungsbeauftragte Vera Konieczka geht in den Ruhestand. Nach 35 Jahren zieht sie Bilanz. Männer in der Verwaltung und in der Politik gaben ihr harte Nüsse zu knacken.

Wenn Vera Konieczka dieser Tage ihren Blick in ihre berufliche Vergangenheit zurückschweifen lässt, sagt sie: „Viele junge Frauen können heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen, womit Frauen vor 35 Jahren in der Arbeitswelt zu tun hatten.“

Die heute 65-Jährige, die zum 31. August aus dem Dienst der Stadtverwaltung Dorsten ausgeschieden ist, trat 1985 als möglicherweise erste Gleichstellungsbeauftragte im Kreis Recklinghausen in Dorsten ihre Arbeit an. Zu verdanken hatte sie ihren Job ihrem ausgeprägten Wunsch für Frauengleichstellung und einer aktiven und politisch progressiven Fraueninitiative in Dorsten: „Das Frauenforum mit Hilde Jaekel, Gudrun Kühn, Gisela Grothues, Susanne Fraund, Gabi Lesniak, Monika Berendsen und Karin Rudner hat am 27. August 1985 einen Bürgerinnenantrag gestellt und die Einführung einer Gleichstellungsbeauftragten in der Verwaltung gefordert“, so Konieczka. Der Antrag sei durchgekommen, die Wahl auf sie gefallen.

Als erste in der Familie studiert

Geboren und aufgewachsen in Dortmund als ältestes von vier Kindern eines Hoesch-Arbeiters nahm Vera Konieczka 1974 als erste in der Familie ein Studium auf. Geschichte und Sozialwissenschaften waren ihre Fächer an der Uni Münster. Als ihre Studentenzeit begann, engagierte sie sich in der Studentenvertretung ASTA. Für die Jungsozialisten, denen sie als 17-Jährige beigetreten war, verteilte sie in einer politisch extrem bewegten Zeit Flugblätter an der Uni. „Ich bin ein Mensch mit ausgeprägter Gerechtigkeitsliebe“, so beschreibt Vera Konieczka ihre Motivation für ihr Tun. Ihre Gerechtigkeitsliebe sei ein Grund, warum ihr Herz für die Wahrung der Rechte von Frauen schlage.

Bei einigen männlichen Dozenten oder Professoren sei ihre Haltung gar nicht gut angekommen. Belästigen, hofieren oder niedermachen – so hätten sich Teile der universitären Männerwelt verhalten, als sie mit intellektuellen und auch noch gut aussehenden Frauen konfrontiert wurden. Für Vera Konieczka war das harte Training an der Uni eine intensive Vorbereitung auf die Arbeitswelt: Beflügelt von ihren Erfahrungen in Münster, ließ sie sich nicht unterkriegen und bewarb sich nach einem Tipp ihrer Eltern in der Dorstener Stadtverwaltung. Prompt bekam sie die Gleichstellungsstelle angeboten und konnte nicht widerstehen: „Ich war die Fachabteilung im Haus.“

In der Männer-dominierten Verwaltung übersehen

Ihre ersten Arbeitsjahre waren alles andere als ein Zuckerschlecken: „In letzter Sekunde, bevor ein Bewerber zum Vorstellungsgespräch kam, wurde ich angerufen und gefragt: Können Sie mal eben rüberkommen.“ Frauen als Bewerberinnen seien einfach übersehen worden: „Männer galten per se als höherwertig, Frauen waren leichtgewichtig.“ Ihren damaligen Chef bezeichnet Konieczka als Kavalier der alten Schule. Dennoch: „Wenn es um Frauen als Stellenanwärterinnen ging, kamen wir nicht überein.“ Ein anderer Kollege fragte sie auf dem Flur, ob „man ihr immer noch nicht gekündigt“ habe. „Da musste ich, in meinem Büro angekommen, doch mit den Tränen kämpfen.“

Vorbehalte und Respektlosigkeiten

Und nicht nur sie hatte in der Männer-dominierten Verwaltung mit Vorbehalten und Respektlosigkeiten zu kämpfen. Dazu fällt Vera Konieczka ein aus heutiger Sicht unerhörtes Beispiel ein: „Fürs Tiefbauamt hatten sich eine Ingenieurin und ein Ingenieur um einen Posten beworben. Der Mann wurde vom Vorsitzenden der Auswahlkommission gefragt, ob er anhand von Zahlen eine Grafik machen könne. Die Frau wurde gefragt, ob sie Angst vor Ratten habe.“

Als Konieczka ihre Stimme für die weibliche Bewerberin in die Waagschale warf, appellierte einer in der Männerrunde an ihr gutes Frauen-Herz. Sie habe daraufhin gesagt: „Mein Herz schlägt anders.“ Vera Konieczkas Standhaftigkeit und die Qualität der Bewerberin zahlten sich aus. Die Frau bekam den Zuschlag. Nach der Pensionierung der Stellenbewerberin hat Vera Konieczka die Dame übrigens noch mal angerufen und gefragt, ob ihr in ihrem Arbeitsleben jemals einer Ratte begegnet sei. Die Pensionärin habe daraufhin geantwortet: „Nein, nur in meinem Vorstellungsgespräch …“

Männlich einbetonierte Sichtweisen

Die männlich vielfach einbetonierten Sichtweisen auf die Gleichstellung von Mann und Frau wurden korrigiert, als der Gesetzgeber festschrieb, was Gleichstellung von Mann und Frau bedeutet und welche rechtlichen Folgen Verletzungen des Gleichstellungsgesetzes haben können.

Sukzessive änderten sich die Wahrnehmung von Vera Konieczka und deren Stellenwert. Als Erfolg wertet die Gleichstellungsbeauftragte, dass sie an Einstellungsverfahren für neue Bewerberinnen und Bewerber beteiligt wird, dass sie ein Mitspracherecht und ihre Stimme Gewicht haben. Die Ausrichtung der Frauenkulturtage waren ihr ein Herzensanliegen. Ebenso der eine oder andere Erfolg, den sie aufgrund ihrer professionellen Sicht auf anderen Ebenen erzielen konnte. Bürgermeister Tobias Stockhoff würdigte sie so: „Wir sind Vera Konieczka sehr dankbar für ihre Leistung in 35 Jahren. Gerade in ihren Anfangsjahren ist sie auf viele männliche Widerstände gestoßen.“

Nach ihrem erfüllten Arbeitsleben wird Vera Konieczka stundenweise die Zeit überbrücken, bis ihre Nachfolgerin Kim Wiesweg den Dienst im Rathaus und damit ihre Nachfolge antritt. In ihrem Ruhestand will Vera Konieczka mit ganzem Herzen einer weiteren Neigung nachgehen: der Geschichte ihrer polnisch-stämmigen Familie.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel