Pokémon Go hat Augmented Reality auf Millionen Smartphones gebracht. Ein Dorstener denkt das Prinzip weiter und hat eine App entwickelt, die nicht nur Speisekarten zum Leben erweckt.

Dorsten

, 18.10.2018, 19:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Spätestens seit vor zwei Jahren Millionen Menschen mit Pokémon Go in der realen Welt Jagd auf virtuelle Monster machten, hat Augmented Reality (AR) die Nische verlassen. Die Technologie erweitert die reale Umgebung um digitale Informationen wie Videos, Animationen oder interaktive Elemente und ist längst mehr als eine Spielerei.

Heute lassen sich beispielsweise Möbelstücke ins eigene Wohnzimmer projizieren. Kunden können so vermeiden, nach dem Kauf eine böse Überraschung zu erleben, weil das ausgesuchte Sofa in den eigenen vier Wänden am Ende doch klobiger wirkt als im Möbelhaus angenommen. Auch die Industrie hat AR für sich entdeckt: Über eine digitale Brille bekommen etwa Arbeiter bei Bosch in Echtzeit Montageanweisungen eingeblendet.

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Diese App erweitert die Realität

AR und Virtual Reality (VR) könnten laut einer Studie des Capgemi Research Institute in drei bis fünf Jahren in jedem zweiten Unternehmen zum Standard gehören. 82 Prozent der mehr als 600 befragten Unternehmen sehen demnach ihre Erwartungen an AR und VR erfüllt oder übertroffen.

Hendrik Gottschalk, 28, ist fest davon überzeugt, dass AR das nächste große Ding wird. So fest, dass der Dorstener seinen sicheren Lehrer-Job an einer Gelsenkirchener Grundschule aufgegeben hat, um mit einem eigenen AR-Projekt durchzustarten. Zusammen mit dem Programmierer Jan Owiesniak, der Grafikerin Vicky Wrobel und den Video-Experten Michael und Mathias Jener hat er eine App entwickelt, die sich gleichermaßen an Unternehmen wie Privatleute richtet.

„Getbaff“ ist seit einigen Wochen in den App-Stores von Google und Apple erhältlich. Die App greift auf die Kamera des Smartphones zu und verwandelt Fotos in Videos. „Als unser Programmierer uns eine Beta-Version gezeigt hat, ist uns allen die Kinnlade runtergefallen“, erzählt Gottschalk. „Wir waren völlig baff.“ So ist dann auch gleich der Name entstanden. Get baff – werde sprachlos.

App soll Zeit sparen und nützliche Infos liefern

„Man muss es sich als eine Schnittstelle zwischen Pokémon Go und der Videoplattform Youtube vorstellen“, sagt Gottschalk. Irgendwann soll die App auch einmal dreidimensionale Objekte erfassen können und digitale Zusatzinformationen über sie liefern. „Unsere Vision ist, dass die App für Kunden überall einsetzbar ist. Man geht zum Beispiel durch Dorsten und weiß, dass hinter allem etwas hinterlegt ist, was den Tag erleichtert. Das spart Zeit und man bekommt nützliche Informationen.“

Soweit der Blick in die Zukunft. Aktuell haben Hendrik Gottschalk und sein Team bei der Vermarktung ihrer App erst einmal drei Branchen im Auge: Gastronomie, Print, Hochzeiten.

Hendrik Gottschalks neue App „getbaff“ erweckt Bilder zum Leben

Funktioniert auch in der Dorstener Zeitung: Aus der Grafik mit der Elf des Tages im Lokalsport wird ein Video-Statement des nominierten Keepers Martin Müller. © Robert Wojtasik

Hochzeiten? „Hinter die gedruckten Einladungen lassen sich zum Beispiel wunderbar Videos des Antrags oder andere persönliche Botschaften legen“, sagt Gottschalk. In das Video kann außerdem eine direkte Handlungsaufforderung (Call to Action) integriert werden. „Mit einem Klick landet man dann beispielsweise bei der Doodle-Umfrage und kann sofort eintragen, ob man zur Hochzeit kommt oder nicht.“

In der Print-Branche experimentieren Verlage bereits mit der erweiterten Realität. Die Madsack Mediengruppe (u.a. Hannoversche Allgemeine Zeitung) brachte 2015 ein Wochenendjournal mit AR-Elementen auf den Markt. Leser der gedruckten Bild-Zeitung finden seit dieser Bundesliga-Saison im Sportteil neben dem Spielbericht auch Highlight-Videos oder Mitschnitte von Pressekonferenzen, wenn sie aus der hauseigenen App heraus die Smartphone-Kamera auf die entsprechenden Artikel richten.

Mit „getbaff“ lassen sich auch Bilder in der Dorstener Zeitung zum Leben erwecken. Hendrik Gottschalk demonstriert das am Beispiel Lokalsport in einer Montagsausgabe. Öffnet man die App und hält die Kamera auf die Grafik mit der Elf des Spieltags, erscheint ein Video-Statement von Torhüter Martin Müller vom SV Altendorf-Ulfkotte, der erzählt, dass ihn die Nominierung zwar freut, aber letztlich nicht über die Derbypleite gegen RW Dorsten hinwegtröstet.

Aus O‘Pazzo-Speisekarte wird ein Imagefilm

Einer der ersten Unternehmer in Dorsten, den Gottschalk für sein Projekt gewinnen konnte, ist Tatousz Astif. Der Inhaber der Pizzeria O’Pazzo in der Altstadt hat in seiner Heimat Syrien Informatik studiert und ein Faible für App-Entwicklung und neue Technologien. Hält man das Smartphone auf die Speisekarte seines Restaurants, erscheint ein Imagefilm des O’Pazzo auf dem Display.

Hendrik Gottschalks neue App „getbaff“ erweckt Bilder zum Leben

O'Pazzo-Inhaber Tatousz Astif nutzt "getbaff" in seinem Restaurant. Hält man das Smartphone auf die Speisekarte, sieht man einen Imagefilm. © Robert Wojtasik

„Es macht Spaß und ich beobachte, wie Kunden es gerne ausprobieren“, sagt Astif. Er will das Konzept erweitern und statt des Imagefilms ein Video für jedes Gericht auf der Karte verfügbar machen. Gäste sollen dann vor der Bestellung sehen können, wie die Gerichte zubereitet werden. „Das hilft mir, noch mehr Kunden zu erreichen.“

Noch nicht einen Cent verdient

Finanziert haben Gottschalk und seine Mitstreiter bisher alles aus eigener Tasche. Rund 10.000 Euro sind laut Jungunternehmer schon in die App geflossen. „Unser Programmierer hat über sechs Monate jeden Tag zehn Stunden daran gebastelt. Die jetzt erhältliche App dürfte etwa die 150. Version sein.“

Verdient habe seine Firma „bedrocks“ an der App noch keinen Cent. „Es gibt immer mal wieder ein Problem, das einen zurückwirft. Ich kann mittlerweile gut nachvollziehen, warum viele Unternehmen in den Anfängen auseinandergehen. Aber wir sind alle überzeugt von unserer Vision. Und Amazon hat ja auch mal mit Büchern angefangen …“

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