Hoch gelobter Roman über die Jugendzeit in einer „öden Provinz“

rnRoman

Dorsten und Schermbeck sind Schauplätze eines fulminanten neuen Romans, der von überregionalen Medien hochgelobt wird. Andreas Heidtmann stellt sein pointenreiches Werk im Amphitheater vor.

Dorsten, Schermbeck

, 10.08.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ben ist 14, wächst Mitte der 1970er-Jahre in einem öden Provinznest an der Lippe zwischen Ruhrgebiet und Münsterland auf. Er raucht Camel-Zigaretten, hört mit Hendrix und den Stones die richtige Musik und hängt mit der Clique gern am Schwanenteich ab. Ben schreibt bedeutungsschwer in sein Tagebuch, träumt vom ersten Kuss mit seinem Schwarm Susanna, lässt sich aber von Mona abknutschen.

Keine Frage: Ben fühlt sich cool, ist es aber nicht. Von seinen Irrungen und Wirrungen und den kleinen und großen Tragödien eines jugendlichen Kleinstadtlebens erzählt ein neuer Roman, der auch überregional für gehörige Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Dynamik in die Vorstadtwelt

„Der Schriftsteller Andreas Heidtmann schafft es, Dynamik in die Vorstadtwelt zu bringen“, heißt es im „Deutschlandfunk“. Die Zeit“ und die „FAZ“ haben ebenfalls den Roman mit dem langen Titel „Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde“ vorgestellt.

Der Autor Andreas Heidtmann, Jahrgang 1961, ist in Hünxe geboren. Als er zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Altschermbeck, wo er Kindheit und Jugend verlebte. Die Schulzeit verbrachte er zunächst auf dem Gymnasium Petrinum, Oberstufe und Abitur 1979 absolvierte er am Heisenberg-Gymnasium in Gladbeck. „In Dorsten gab es keinen Musik-Leistungskurs, in Gladbeck aber schon“, erzählt Andreas Heidtmann, der als talentierter Pianist zunächst ein Studium an der Musikhochschule in Köln abgeschlossen hat.

Humoristisch und herrlich treffend

Wer diesen großartigen Roman als Kenner der hiesigen Örtlichkeiten liest, erkennt sehr schnell, dass Schermbeck und Dorsten die Schauplätze des 1974 spielenden Romans sind. Ben fährt nach der Schule vom alten Busbahnhof nach Hause, die „Godde Stowe“ wird erwähnt.

Und es finden sich immer wieder humoristische und herrlich treffende Beschreibungen damaliger Petrinum-Lehrkräfte wie die Herren „Flieger Karl Korte“, „Ente Entrup“ oder „Bubi Lang“.

Der 352-Seiten-Roman ist im Steidl-Verlag erschienen.

Der 352-Seiten-Roman ist im Steidl-Verlag erschienen. © Michael Klein

Natürlich nimmt das für einen „Schwanenteich-Rebellen“ wie Ben trostlose dörfliche Leben in Schermbeck (das im Roman Lippfeld heißt) mit seinen idyllischen Spießer-Vorgärten und Partykellern („vertäfelte Vorhöllen“) noch breiteren Raum ein. An jenem Ort „zwischen Tümpel und Tambourkorps, mit der Sporthalle aus Glasbausteinen und einem Fluss voller Chemikalien“.

Herzenswärme und Melancholie

Andreas Heidtmann hat die Gabe, sehr ironisch, sehr pointenreich und trotz aller satirischer Elemente mit viel Herzenswärme und Melancholie über seine Protagonisten, ihre Zerrissenheit und Suche nach sich selbst und die damalige, häufig auch rauschvolle Zeit zu schreiben - in dem der „Plastik-Pop“ der Band „ABBA“ bei coolen Jungs schwer verpönt war.

Der Autor betont, dass es sich bei dem Buch keineswegs um eine Autobiographie handele. Natürlich stecke ein Teil eigener Erfahrungen in der Romanfigur Ben, aber die Fakten seien mit sehr viel Fiktion angereichert. Und nennt den Autoscooter auf dem Buchcover als kleines Beispiel. „Den hat es sicher auf einer Kirmes gegeben, aber anders als Ben im Buch bin ich nie Autoscooter gefahren.“

Jetzt lesen

Das Buch ist Literatur, die die existentiellen Dinge des Lebens behandelt. Die Liebe und den Tod (der Roman nimmt im Verlauf tragische Wendungen), die menschlichen Unsicherheiten und die sozialen Abgrenzungen. Trotz aller Coolness und Arroganz hat Ben nämlich auch einen kleinen Minderwertigkeitskomplex - er kommt aus einem Arbeiterhaushalt, anders als seine Freunde, die fast alle reiche Eltern haben.

Vier Jahre Arbeit

Vier Jahre hat Andreas Heidtmann an seinem ersten Roman, der im renommierten Steidl-Verlag veröffentlicht wurde, gearbeitet. Er hat zwar schon einige Erzählungen veröffentlicht, aber bislang - und das sehr erfolgreich - auf der „anderen Seite des Schreibtisches“ gearbeitet.

Denn nach seiner Kölner Zeit setzte er in Berlin ein Studium der Germanistik drauf, arbeitete als Lektor und baute zur Jahrtausendwende in Leipzig das literarische Web-Portal „poetenladen“ auf.

Daraus erwuchs der „poetenladen Verlag“, in dem Andreas Heidtmann Independent-Literatur verlegt. Eine Arbeit, für die er bereits mit dem „Deutschen Verlagspreis“ und dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet worden ist.

Lesung im Amphitheater

Heidtmann, der mit Ehefrau Annette Menting (aus Schermbeck stammende Professorin für Architektur) und Tochter in Leipzig lebt, wird aus dem Roman am Samstag (15. August) um 20 Uhr auf Einladung des Literaturbüros Ruhr und des Bürgerpark-Vereins Maria Lindenhof, im Amphitheater in Dorsten lesen. Moderiert wird der Abend von dem in Dorsten aufgewachsenen WDR-Musik- und Literatur-Experten Mike Litt („Der einsamste DJ der Welt“).

Der aus Dorsten stammende WDR-Musik- und Literatur-Experte Mike Litte wird die Lesung im Amphitheater moderieren.

Der aus Dorsten stammende WDR-Musik- und Literatur-Experte Mike Litte wird die Lesung im Amphitheater moderieren. © WDR

Obwohl der Roman bereits im März erschienen ist, ist diese Lesung quasi Premiere für Andreas Heidtmann. „Meine erste Lesung bei der Leipziger Buchmesse wurde wegen der Coronakrise abgebrochen, danach mussten Buchhandlungen und Veranstalter ihre Termine absagen.“

In dem Roman öffnet sich für Hauptfigur Ben übrigens eine Tür, der dörflichen Enge zu entfliehen und seinen Horizont zu erweitern: Er bekommt die Chance, seinen pianistischen Fähigkeiten zu folgen und in die kreative Welt des Folkwang-Konservatoriums in Essen hineinzuschnuppern. Fortsetzung folgt.

Zwei weitere Bände geplant

Andreas Heidtmann kündigt an, dass zwei weitere Bücher mit Ben als Protagonist geplant sind, die dann die Jahre 1976 und 1978 abdecken werden - und in denen auch Dorsten eine noch größere Rolle spielen wird.

  • Andreas Heidtmann „Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde“, Steidl-Verlag, 352 Seiten, Leineneinband, ISBN 978-3-95829-714-2, 22 Euro. Erhältlich im Buchhandel.
  • Bei der Lesung im Amphitheater Maria Lindenhof am Samstag (15. August) ab 19 Uhr ist die Buchhandlung „Schwarz auf weiß“ mit einem Bücherstand vertreten. Anmeldung zu der kostenlosen Lesung unter info@schaukelbaum.de oder bei der Stadtinfo Dorsten, Recklinghäuser Straße 20
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt