Dorstener Apotheker warnen: Immer mehr Medikamente werden knapp

rnLieferschwierigkeiten

„Das haben wir nicht da“, hören Patienten auch in Dorstener Apotheken seit einigen Jahren immer öfter. Und nicht immer kann das gewünschte Medikament bestellt werden. Das sind die Gründe.

Dorsten

, 22.05.2019, 04:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mehrmals am Tag setzt sich Apothekerin Anke Murlat an ihren Computer hinten in der Alten Markt Apotheke und prüft die Verfügbarkeit von Medikamenten, die sie gerne auf Lager hätte. Aber nicht hat. 72 waren das am Montagmittag. Darunter Impfstoffe, Blutdrucksenker, Schmerzmittel, Medikamente für Parkinson- und Demenzerkrankte.

„Das geht querdurch. Man kann nicht abschätzen, welche Medikamente wann nicht lieferbar sind“, sagt die Apothekerin. Deswegen bestellt sie, sobald auf ihrem Bildschirm ein Plus-Zeichen für „verfügbar“ hinter einem Medikament erscheint, und füllt ihr Lager auf. „Da muss man schnell sein, denn alle haben die gleichen Probleme und Engpässe.“

Apotheker telefonieren regelmäßig mit Ärzten

Apotheker bekommen keine Frühwarnung, sie werden selbst von Lieferengpässen überrascht. Und mit ihnen die Kunden. „Sie sind natürlich manchmal genervt, wenn ich ihnen sage, dass ich das verschriebene Medikament nicht da habe.“ Anke Murlat greift dann zum Hörer, ruft den Arzt an, der das Medikament verordnet hat und bespricht mit ihm Alternativen. „Ich kann ja nicht einfach was anderes rausgeben.“

Dorstener Apotheker warnen: Immer mehr Medikamente werden knapp

Anke Murlat würde ihren Kunden gerne immer das verschriebene Medikament aushändigen. Dass dies manchmal nicht möglich ist, ärgert sie. © Jennifer Uhlenbruch

Auch Volker Winkelmann von der Klosterapotheke greift „sehr oft“ zum Hörer, um Ärzte nach Alternativen für die verordneten Präparate zu fragen. Dass Medikamente nicht geliefert werden können, das sei in den vergangenen vier, fünf Jahren immer mehr geworden; früher habe er meist bekommen, was er brauchte.

„Dramatische Situation“

Die Situation sei „dramatisch“, berichtet Rudolf Strunk, stellvertretender Leiter der Bezirksgruppe Recklinghausen des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe, zu dem auch Dorsten gehört. „Früher gab es mal Engpässe, wenn Packungen falsch bedruckt und zurückgerufen wurden. Heute gehören Engpässe fast zum Tagesgeschäft. Das macht eine Schweinearbeit und die Patienten sind genervt“, sagt Strunk, der auch Inhaber der Alten Apotheke in Recklinghausen ist.

Als ein Hauptgrund dieser Entwicklung nennt er die Rabattverträge der Krankenkassen. „Die Krankenkassen schreiben für einzelne Arzneimittel aus und es bekommen die Hersteller den Zuschlag, die am billigsten produzieren. Manchmal sind es zwei, drei, manchmal aber auch nur einer. Wenn der ausfällt, dann ist der Engpass da.“

Außerdem würden die Hersteller so aus Kostengründen nicht mehr in Europa produzieren, sondern in Indien, China, Russland, Israel. „Die Substanzen genügen manchmal nicht den deutschen Standards und dann können die Hersteller sie in die Tonne kloppen“, sagt Rudolf Strunk. Die Substanzen fehlen dann natürlich.

Ibuprofen ist schwer zu bekommen

Oft seien die Ausschreibungen auch zeitlich befristet. „Das heißt, dass die Hersteller gar nicht wissen, ob sie in zwei Jahren immer noch das Medikament produzieren werden. Deswegen bauen sie nicht teure Produktionsstraßen, sondern produzieren auf Abruf. Reserven gibt es dann nicht.“

Dass wenige große Hersteller die Produktion übernehmen, ist ebenfalls ein Problem. Beispiel Ibuprofen: „Für den Ausgangsstoff gibt es nur zwei große Produzenten weltweit. Das eine Werk in den USA, das zu BASF gehört, ist derzeit stillgelegt. Der andere Hersteller muss nun den gesamten Weltmarkt versorgen“, erklärt Strunk.

Übrigens: Die Pens, mit denen Wespengift-Allergiker Adrenalin injizieren, sind derzeit verfügbar - im Gegensatz zum vergangenen Sommer. „Wer dieses Mittel braucht, sollte sich jetzt schnell eindecken“, empfiehlt Anke Murlat. „Ein Engpass ist schon wieder absehbar“, sagt Rudolf Strunk.

Lesen Sie jetzt