Ein Sparschwein darf auf dem Bürotisch von Hubert Große-Ruiken nicht fehlen. „Wir haben in den letzten Jahren aber auch Glück gehabt", sagt Dorstens scheidender Kämmerer. © Stefan Diebäcker
Interview

Interview: Der Mann, der in Dorsten lieber die Zahlen sprechen ließ

Zehn Jahre war Hubert Große-Ruiken Kämmerer der Stadt Dorsten. Im letzten Interview vor dem Ruhestand geht es natürlich ums Geld, aber auch um seine private Haushaltsführung.

Hubert Große-Ruiken ist kein Mann der großen Worte. „Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen“, sagt er. Viel lieber ließ er „die Zahlen sprechen“.

47 Jahre war er bei der Stadtverwaltung, 30 Jahre in der Kämmerei, zuletzt ein Jahrzehnt Dorstens Finanzchef: An diesem Mittwoch wird der Schermbecker Hubert Große-Ruiken (63) in der Ratssitzung offiziell verabschiedet. Angehörige werden im Zuschauerraum sitzen, wenn Dorstens scheidender Kämmerer seine letzte Haushaltsrede hält.

Herr Große-Ruiken, wie viel Geld haben Sie gerade im Portemonnaie?

Ich weiß es nicht genau, 30, 40 Euro vielleicht. Ich gebe nicht viel aus und habe nie viel Geld im Portemonnaie.

Wenn Sie einkaufen gehen: bar oder Kreditkarte?

Überwiegend immer noch bar, aber manchmal auch Kreditkarte, zum Beispiel beim Tanken.

Wer kümmert sich im Hause Große-Ruiken eigentlich ums Einkaufen und die Finanzen?

Um die Finanzen kümmere ich mich überwiegend. Früher, als meine Frau noch gearbeitet hat, habe ich mich auch um den Einkauf gekümmert und wusste, was in den Läden los war. Seit eineinhalb Jahren ist meine Frau zu Hause, jetzt macht sie das.

Bekommt sie Haushaltsgeld?

Das gab es bei uns noch nie. Wir haben ein gemeinsames Konto, und jeder nimmt sich, was er braucht. Aber wir sind beide sparsam und schlagen nicht über die Stränge, da herrscht volles Vertrauen.

Und Familie Große-Ruiken ist schuldenfrei?

Nicht ganz, das liegt aber daran, dass wir vor einigen Jahren für die Kinder eine Eigentumswohnung gekauft haben. Gut investiert, finde ich, weil ich immer die Meinung vertreten habe: Ehe ich Vermieter reich mache, arbeite ich lieber für den „Konzern“ Große-Ruiken.

Wie wird man Kämmerer der Stadt Dorsten?

Als ich vor 47 Jahren im Rathaus angefangen habe, habe ich mir sicherlich nie träumen lassen, dass ich mal Kämmerer werde. Auf meinem beruflichen Weg habe ich aber viele Menschen kennengelernt, die wohl erkannt haben, wo ich meine Stärken habe und die mich gefördert haben. Und ich hatte auch das Glück, dass ich zur rechten Zeit am rechten Ort war.

Macht es eigentlich Spaß, sich mit Finanzen und Bilanzen, mit Plus und vor allem Minus auf diversen Konten zu beschäftigen?

Wenn man die nackten Zahlen auf sich wirken lässt, macht es keinen Spaß. Spaß macht es dann, wenn man die Zahlen sprechen lässt und zu den Zahlen die Sachverhalte herstellen lässt. Ich habe immer gesagt, dass in der Finanzverwaltung Leute arbeiten müssen, die nicht nur mit Zahlen umgehen können, sondern auch die damit verbundenen Sachverhalte erkennen und bewerten müssen. Das kann nicht jeder.

Sie haben in den letzten Jahren vor allem den Mangel verwaltet.

Das stimmt. Die Kunst besteht darin, aus den Zahlen eine nachhaltige Perspektive zu entwickeln.

Ein Beispiel?

Wir standen 2012/2013 vor der Frage, wie wir mit der Grundsteuer umgehen. Erhöhen und in welchem Umfang, da gab es im Kreise der Kämmerer unterschiedliche Strategien. Ich habe mich von Anfang an dafür eingesetzt, den „kalten Schlag“ zu machen, also einmal richtig, und dann ist das Thema aus der Diskussion raus. Dann bekommt man Ruhe in die Fronten, das ist uns sehr gut gelungen. Man muss eine Vision haben, ein langfristiges Ziel.

Aber Sie konnten doch 2012 nicht wissen, wie die Situation 2021 sein wird.

Das ist richtig. Unser Sparpaket war damals visionär, aber wir waren keinesfalls sicher, ob es hält. Wir haben trotz aller Widrigkeiten daran festgehalten, der Stadtrat vor allem. Aber wir haben auch Glück gehabt, so ehrlich muss man sein. Wenn die Konjunktur nicht so angesprungen wäre oder sich die Zinsen nicht so entwickelt hätten, wäre die Stadt in schweres Fahrwasser geraten. Vieles von dem, was wir damals machen mussten, haben wir tatsächlich nicht einhalten können, aber wir haben alles durch zusätzliche Einnahmen ausgleichen können. Aber man muss eben auch Augenmaß bewahren, das ist uns ganz gut gelungen, glaube ich.

Wie erklären Sie einem Laien, dazu zählen sicherlich viele Politiker genauso wie Journalisten, die Notwendigkeit von harten Spaßmaßnahmen oder Steuererhöhungen?

Ich versuche das immer mit dem eigenen Haushaltsgeld zu erklären. Man kann aus dem Portemonnaie nur das zücken, was drin ist. Auf Dauer kann es nicht gut sein, wenn man mehr ausgibt als man einnimmt. Das kann man bei Investitionen machen, wenn sie sich langfristig bezahlt machen, aber für sogenannte konsumtive Ausgaben kann das nicht gut sein.

Privat versteht das übrigens jeder. Ein Beispiel: Der Sohn möchte für sein Handy 50 Euro mehr und sagt: „Papa, spar mal ein.“ Dann sagt der Vater: „Moment, du willst doch das Geld ausgeben…“ Man kann als Politiker eben nicht immer nur mehr verlangen, sondern muss auch sagen, wie es gehen soll. Man muss das Negative umdrehen: Ja, wenn der Wunsch so wichtig ist, welcher ist dann weniger wichtig. Die breite Mehrheit in Dorsten hat das verstanden.

Gab es einen Punkt in den letzten Jahren, an dem Sie auch nicht mehr wussten, wie es weitergehen sollte?

Ja, das war 2017/2018. Da hatte ich den Eindruck, es könnte schief gehen. Aber es haben dann verschiedene Dinge immer wieder dafür gesorgt, dass es doch ging. Es gibt eben viele Stellschrauben. Wenn sich Positives und Negatives gegenseitig aufhebt, ist es gut.
Auch bei der Flüchtlingskrise 2015/2016 haben wir unheimlich Glück gehabt, dass wir finanziell nicht so schlimm gebeutelt wurden wie andere Städte.

Sie sind dabei, Ihr Büro aufzuräumen. Gibt es private Dinge, die schon im Karton verschwunden sind?

Ich war damit immer sehr sparsam. Es gibt einen Jahreskalender mit Familie und Enkelkind, der ist schon verpackt. Ansonsten war das Büro immer das Büro und privat war privat. Ich war hier zum Arbeiten.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?

Dass ich unabhängiger werde und mir aussuchen kann, was ich tun möchte. Ich musste mich ja auch mit vielen Dingen beschäftigen, die nicht unbedingt so viel Spaß machen. Aber den negativen Stress, den andere hatten, den kannte ich nie. Und es gab wenige Tage, an denen ich keine Lust hatte zu arbeiten.

Zum Abschied gibt es an diesem Mittwoch noch eine letzte Haushaltsrede von Hubert Große-Ruiken. Was werden Sie den Politikern sagen?

Erstens: Sie sollen meinem Nachfolger Karsten Meyer eine Chance geben. Er hat beste Voraussetzungen, weil er das Atlantis gerettet hat, aber er braucht auch Zeit. Und zweitens: Ich werde den Rat bitten, gut auf die Stadt aufzupassen.

Über den Autor
Redaktionsleiter in Dorsten
Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
Zur Autorenseite
Stefan Diebäcker